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StartseiteBüchermarktAbschluss der Trainspotting-Saga17.04.2020

Irvine Welsh „Die Hosen der Toten“Abschluss der Trainspotting-Saga

Irvine Welsh beendet seine erfolgreiche Trainspotting-Saga. Im rauen Sound, mit temporeicher Dramaturgie. Doch schafft er es mit den abgegriffenen und gewollt provokativ ausgewalzten Themen nicht, der Geschichte noch etwas Essenzielles hinzuzufügen.

Von Christoph Ohrem

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Der Autor Irvine Welsh bei einer Signierstunde (www.imago-images.de/mpi10/MediaPunch)
Der britische Schriftsteller Irvine Welsh wurde 1993 mit seinem Roman "Trainspotting" bekannt. (www.imago-images.de/mpi10/MediaPunch)
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Schon zwei Dinge sind klar, ohne dass man Irvine Welshs neuem Roman "Die Hosen der Toten" aufgeschlagen hat: Im Finale der Trainspotting-Serie wird es derbe zugehen – und literarisch wird sich der Autor beim Abschluss seines Welterfolgs wohl kaum neu erfinden. So bekommt man dann auch gleich zu Beginn den typischen Trainspotting-Sound:

"Weil ich auf die Schnelle keinen Platz mehr in der Business Class gekriegt habe, sitz ich mit schweißüberströmtem Nacken, flatternden Nerven und klappernden Zähnen auf nem beschissenen Mittelsitz in der Economy Class, eingezwängt zwischen nem Fettsack und ner hypernervösen Spritnase, und mir is so eng in der Brust, dass mir das Atmen schwerfällt. Ich werf noch ne Zolpidem ein und weich dabei dem Blick von diesem Säufer neben mir aus."

Renton will alte Drogenschulden begleichen

Zolpidem ist ein verschreibungspflichtiges Schlafmittel und bei Weitem nicht die einzige Substanz, die sich das Figurenensemble des Romans hemmungslos und massenweise genehmigt. Im Zentrum der Geschichte steht neben vielen alten Bekannten aus dem Trainspotting-Universum Mark Renton. Früher hoffnungsloser Junkie verdient er sein Geld inzwischen als Manager für DJs. Auf einem Flug nach L.A. begegnet er seinem alten Bekannten Franco Begbie. Den gewalttätigen Psychopathen hatte er vor vielen Jahren bei einem Drogendeal übers Ohr gehauen. Um sich aus dieser Schuld zu befreien und endlich mit seinem alten Leben abzuschließen, möchte er Begbie das Geld zurückzahlen. Doch der ist inzwischen ein renommierter Künstler und pfeift auf das Angebot. Renton bleibt hartnäckig und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, welche die alte Clique aus Trainspotting in Edinburgh zusammen- und – wie könnte es anders sein – mitten hineinführt in absurde Verwicklungen.

Welsh bleibt sich literarisch treu

Auch ohne die Trainspotting-Saga zu kennen, kann man der Handlung folgen. In wenigen Sätzen wird man auf den Stand gebracht. So erinnert sich Renton etwa bei seiner Begegnung mit Begbie:

"Er scheint sich ganz gut gehalten zu haben. Andererseits lag der Wichser, als ich ihn das letzte Mal gesehen hab, ja auch blutend auf dem Bürgersteig des Leith Walk, von nem Auto überfahren, das ihn in voller Fahrt erwischt hat. Und das nur, weil er mich um jeden Preis schnappen wollte. So was kehrt bei keinem die Schokoladenseite hervor."

Irvine Welsh bleibt sich literarisch treu. In wechselnden Perspektiven und meist rauen Dialogen treibt er die verschiedenen Handlungsstränge voran. Neben Renton und Begbie erzählt er zudem aus Sicht des hängegebliebenen Junkies Spud, dem Ganoven seine Niere klauen wollen, und aus der Perspektive von Sick Boy, der die Ehe seines Schwagers ruiniert, weil er ihm Ecstasy einflößt. So irren die vier Männer erneut unkontrolliert in ihrer nihilistischen und emotional verkappten Welt umher.

Wären die verschiedenen Perspektiven nicht in den Kapitelüberschriften genannt, würde man als Leser schnell ins Schwimmen geraten, wenn es darum ginge, die vier auseinanderzuhalten. Zu ähnlich sind sich die Stimmen der verschiedenen Protagonisten, was den Roman eher eindimensional als vielstimmig macht. Das liegt ausdrücklich nicht an der süffigen Übersetzung von Stephan Glietsch.

Rauer Sound, ausgewalzte Themen

Gewalt, Drogen, Sex und ja, als Lichtblick: echte Männerfreundschaft – die aufgegriffenen Themen sind bekannt und werden von Welsh gewohnt provokativ ausgewalzt. Das wirkt in seinem rauen Sound und der gewollten Tabulosigkeit bisweilen angestrengt, weil voraussehbar. Weder schockiert das nachhaltig noch reizt es sonderlich zum Lachen.

In "Die Hosen der Toten" erweitert Welsh die bekannten Schauplätze aus Edinburgh um Milieuschilderungen aus der DJ-Szene, außerdem– und das sind dann die gelungensten Passagen des Romans – um eine Persiflage auf die Kunstwelt. So lässt sich Mark Renton vom schönen Schein einer Vernissage von Frank Begbies Kunst nicht ins Bockshorn jagen.

"Auch wenn ich nich viel von Kunst verstehe, muss ich doch sagen: Das is der größte Haufen Scheiße, den ich je im Leben gesehen hab. Er fickt diese dämlichen, verwöhnten, reichen Arschlöcher nach Strich und Faden, während sie vermutlich glauben, es wäre cool, die Kunst dieses wilden Knastbruders zu sammeln. Dafür verdient der Arsch natürlich Respekt, aber jetzt mal im Ernst: Das Gesicht eines Promis nachzumodellieren und es dann zu verstümmeln, das is keine verfickte Kunst."

Temporeich, trotzdem lauwarm

"Die Hosen der Toten" ist ein temporeicher Roman, der durchaus streckenweise gut unterhält. Viele der abseitigen Wendungen wirken allerdings konstruiert. Da knirscht es im Gebälk der Dramaturgie. Wirklich ärgerlich ist die Rolle der Frauenfiguren, die wahlweise Prostituierte sind oder sexversessene Männerfantasien. Alle Frauen sind so einfach gestrickt und willig, wie es sich wohl nur unbedarfte Teenager vorstellen. Da macht es sich Welsh im Jahr 2020 und nach allen MeToo-Debatten zu einfach.
Bleibt noch zu sagen, dass ein Happy-End für die meisten der Figuren – und das heißt hier Frau und Wohlstand zu besitzen – die Trainspotting-Saga zwar abschließt. Leser aber lässt das Finale mit der Erkenntnis zurück, dass es manchmal besser ist, Geschichten nicht lauwarm zu Ende zu erzählen. Denn darunter leidet auch der Kultstatus.

Irvine Welsh: "Die Hosen der Toten".
Aus dem schottischen Englisch von Stephan Glietsch.
Heyne Hardcore, München, 480 Seiten, 22 Euro.

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