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StartseiteBücher für junge LeserFeminismus für Kinder 18.05.2019

Isabel Sánchez Vegara: "Little People, Big Dreams" Feminismus für Kinder 

Starke Frauen und Mädchen seien im Kinderbuch bislang die Ausnahme, so Jonathan Landgrebe vom Suhrkamp-Verlag. Er holte den internationalen Besteller "Little People, Big Dreams" nach Deutschland. Auch bei anderen Verlagen gibt es mittlerweile ein Umdenken hin zum feministisch-engagierten Kinderbuch.

Von Miriam Zeh

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5 Buchcover aus der Reihe Little People BIG DREAMS (Suhrkamp Verlag)
Kleine Mädchen mit großen Träumen (Suhrkamp Verlag)
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Feminismus hat Konjunktur auf dem Buchmarkt – nicht nur, was die erwachsene Zielgruppe betrifft. Auch im Segment für junge und jüngste Leser häufen sich gerade Publikationen, die für mehr Geschlechtergerechtigkeit eintreten wollen. Es sind Bücher über berühmte Persönlichkeiten, die jenseits tradierter Rollenverständnisse Außergewöhnliches für ihre Mitmenschen geleistet haben. Marie Curie oder Rosa Parks, Mahatma Gandhi oder Ralph Lauren sollen entweder Mädchen oder Jungen als Vorbilder dienen. So veröffentlichte der Hanser Verlag mit den "Good Night Stories for Rebel Girls" von Francesca Cavallo und Elena Favilli eine Buchreihe, die sich in Titel und Ansprache vornehmlich an Mädchen richtet.

Ein entsprechendes Pendant für Jungen findet sich im Loewe-Verlag. Ben Brooks "Stories for Boys Who Dare to be Different" also Geschichten für Jungen, die sich trauen, anders zu sein, soll Möglichkeitsräume abseits stereotyper Männlichkeitsbilder eröffnen. Dass in diesen Büchern die geschlechtliche Separation bereits im Titel reproduziert wird, obwohl sie sich programmatisch gegen Ungleichbehandlung einsetzen, mag irritieren. Es ändert jedoch nichts am außergewöhnlichen Erfolg beider Reihen beim Publikum.

Endlich wieder Kinderbücher aus dem Insel-Verlag

Auf den Trend zum feministisch-engagierten Kinderbuch setzt nun auch der Insel-Verlag. Obwohl das Suhrkamp-Imprint auf eine lange Tradition in der Veröffentlichung von Kinder- und Bilderbüchern zurückblicken kann, waren mit dem Ausscheiden der erfolgreichen Lektorin und Schriftstellerin Elisabeth Borchers Ende der 1990er Jahre auch die Bemühungen auf diesem Gebiet erloschen.

Mit dem Frühjahrsprogramm nimmt sie der Verlag nun wieder auf. Soeben sind die ersten sechs Bänder der Bilderbuchreihe "Little People, Big Dreams" von Isabel Sánchez Vegara erschienen. Die Bücher portraitieren jeweils die Naturwissenschaftlerin Marie Curie, die Malerin Frida Kahlo, die Modedesignerin Coco Chanel, die Pilotin Amelia Earhart, die Bürgerrechtlerin Rosa Parks und die Tagebuchautorin Anne Frank. Jeder Band erzählt von einem Mädchen, das Träume hatte, an ihnen festhielt und dadurch zu einer selbstbewussten Frau wurde, die die Welt veränderte.

Von Mädchen mit Träumen

Indem die Lebensgeschichten dieser Ikonen vom Kindesalter an erzählt werden, bemüht sich auch "Little People, Big Dreams" darum, jungen Leserinnen die Identifikation zu erleichtern und gleichzeitig, beinahe en passant die Sichtbarkeit von Frauen im Kinderbuch zu erhöhen. Verleger Jonathan Landgrebe bekennt sich denn auch ausdrücklich zum sozio-politischen Anspruch der Bilderbuchreihe:

"Es ist auch bei Kinderbüchern so, dass die starken Frauen oder starken Mädchen eher die Ausnahme sind. Und vielleicht hat man wenigen, die man aus dem Kinderbuch kennt, gerade deshalb so besonders stark vor Augen, weil es eben eher die Ausnahme ist. Alles was ich, was wir dazu gesehen haben – auch international –, bestätigt das. Da gibt’s noch Nachholbedarf und dass wir jetzt hier mit starken Frauen starten, hängt natürlich damit zusammen."

Wie bei den ebenfalls in Deutsche übertragenen Reihen "Good Night Stories for Rebel Girls" und "Stories for Boys Who Dare to be Different" behielt auch der Insel-Verlag bei "Little People, Big Dreams" den englischsprachigen Titel der Serie bei. Das verweist zwar auf den globalen Anspruch des feministischen Projekts, erhöht gerade für junge Leser aber auch die Distanz. Hier könnten Verlage mehr Vertrauen in die deutsche Sprache beweisen. Sich eine angemessene und gerechte Sprache anzueignen, um selbstbestimmte Kinder und Menschen zu beschreiben, wäre schließlich ein wichtiger Schritt, um feministische Projekte überhaupt verfolgen zu können.

Bereits ein internationaler Bestseller

Im Original verfasste Isabel Sánchez Vegara ihre Geschichten auf Spanisch. Während "Little People, Big Dreams" bereits vor einigen Jahren ins Englische übersetzt wurde und sich weltweit millionenfach verkaufte, kamen die Bücher eher per Zufall in den deutschsprachigen Insel-Verlag, wie Jonathan Landgrebe erzählt:

"Diese Buchreihe ist, ehrlich gesagt, am Ende mir einfach begegnet in einem kleinen Buchladen in Italien, in Luca, und zwar in spanischer Sprache wurde die dort verkauft. Und die Illustrationen sind so augenfällig und die Art, wie diese Geschichten erzählt werden, so schön und natürlich auch einfach, aber so gestaltet, dass sie so ein ganz direktes Gesprächsangebot darstellen für das Gespräch zwischen Eltern und Kindern, sodass ich die dort in die Hand nahm und wir sehr schnell klären konnten, dass tatsächlich noch kein deutscher Verlag sich damit beschäftigt hatte. Und so ist das eigentlich entstanden."

Farbenprächtige, stimmungsvolle Illustrationen

Es sind tatsächlich die Illustrationen, mit denen die Buchreihe "Little People, Big Dreams" ihre Leser unmittelbar anspricht. In jedem Band wurden sie von einer anderen Illustratorin gefertigt, sind jedoch stets stimmungsvoll und farbenprächtig. So träumt Coco Chanel in Schwarz- und Rosatönen von übermütigen geometrischen Figuren, während vor ihrem Bett Garnrollen, Federn und Perlen verstreut liegen. Und die junge Amelia Earhart beobachtet fasziniert, wie sich knallbunte Flugzeuge von Kansas ockerfarbenen Getreidefeldern in himmelblaue Lüfte schrauben. Oft fügen die Illustrationen dem stark vereinfachenden Text außerdem Informationen hinzu. Wenn ihre Großeltern der junge Rosa Parks und ihrem Bruder von früher erzählen, heißt es im Vorlesetext etwas vage:

"Rosas Großeltern erzählten von den Zeiten der Sklaverei. Die Schwarzen waren damals nicht frei gewesen und hatten nicht leben dürfen wie andere Menschen."

Dazu zeichnete Marta Antelo jedoch eindrücklich erschöpfte Menschen, sogar Kinder, die mit geschlossenen Augen und gekrümmten Rücken im Baumwollfeld arbeiten.

Bilder als Gesprächsanlass

Hier erleichtert die Illustration den Einstieg in die Anschlusskommunikation. Denn die ist bei einem derart reduzierten Text und anspruchsvollen Thema unbedingt nötig, dessen ist sich auch Jonathan Landgrebe bewusst:

"Solche Bücher leben davon, dass man miteinander spricht beim Lesen. Das ist vielleicht ein kleiner Unterschied zu fiktionalen Kinderbüchern, wo man einfach gemeinsam eintaucht in eine Geschichte und vielleicht etwas seltener Pause macht beim Vorlesen. Das hier sind natürlich Bücher, wo man vielleicht auch gemeinsam sagt: Mensch, was ist denn der jetzt passiert? Und warum eigentlich? Und natürlich fragt ein dreijähriges oder ein sechsjähriges Kind nach: Warum war das ein Problem für Rosa Parks als Schwarze sich hinzusetzen im Bus? Oder warum durfte man als Frau nicht studieren? Das muss man alles dann aufklären. Und da entsteht ein Gespräch und das ist, glaube ich, sehr schön.

Engagierte Vorleser sind nötig

Für diese Gespräche finden Vorleser am Ende jedes Bandes einen etwas ausführlicheren Zeitstrahl zum Leben der Portraitierten. Denn mitunter könnte es bei so wenig Text und so komplexen Themen etwas knifflig werden. Über Marie Curies wissenschaftliche Verdienste etwa ist lediglich zu lesen, dass die Chemikerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre zwei Elemente entdeckte – Radium und Polonium.

Wie aber konnte sie damit Verwundeten im Ersten Weltkrieg helfen? Die Bilderbücher der engagierten Insel-Reihe "Little People, Big Dreams" kommen kaum ohne engagierte Vorleser aus. Schließlich werden keine Fantasiegeschichten erzählt, sondern die Biographen historischer Personen. Und die verlangen, um sie überhaupt zu verstehen, zwangsläufig Wissen über die Welt, über die Gesellschaft und ihre Geschichte. Wie kindgerechte Gespräche über Sexismus oder Diskriminierung aussehen können, darauf liefern diese Bücher vorerst keine Antwort oder Hilfestellung. An dieser Stelle gibt es sicher noch Nachholbedarf auf dem gesamten Kinderbuchmarkt.

Diskriminierungsfreie Reihe

Glücklicherweise aber vermeidet es die Reihe, ihre jungen Leser nach Geschlecht zu separieren. So sind die Protagonistinnen zwar in Text und Bild deutlich geschlechtlich markiert, in der Ansprache werden die Bücher aber nicht nur für "Rebel Girls" oder "Boys who Dare to be Different" bestimmt. In die spanisch- und englischsprachige Auflage wurden außerdem bereits Männer aufgenommen, Muhammad Ali etwa oder Stephen Hawking. Der Insel-Verlag bemüht sich gemeinsam mit der Autorin Isabel Sánchez Vegara zunächst, noch einige Frauen aus dem deutschsprachigen Raum in die Serie zu integrieren. So verrät Jonathan Landgrebe:
"Im Herbst wird es weitergehen mit Jane Austen, mit Maria Montessory, mit Hannah Arendt, mit Pina Bausch, mit Ella Fitzgerald und mit Jane Goddall."
Und danach werden womöglich auch in die deutschsprachige Reihe der kleinen Menschen mit großen Träumen sowohl berühmte Frauen als auch Männer aufgenommen, damit sie sowohl Mädchen als auch Jungen inspirieren, in Zukunft eine gerechtere, diskriminierungsfreie Welt für alle zu schaffen.

Isabel Sánchez Vegara: "Little People, Big Dreams", Insel Verlag, Berlin, je 32 Seiten, 13,95 Euro

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