Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Montag, 15.10.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteAus Religion und GesellschaftDer Koran im Klang der Rezitation03.10.2018

IslamDer Koran im Klang der Rezitation

Für praktizierende Muslime ist es wichtiger, die Suren zu hören als sie zu lesen. Die Koranverse werden von besonders ausgebildeten Interpreten kunstvoll vorgetragen. Die Kunst beschränkt sich nicht auf die Moschee: Die besten Rezitatoren treffen sich zu Wettbewerben und werden wie Popstars gefeiert.

Von Thomas Daun

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)
Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Milad Karimi: Sich als Frage begreifen

"Im Herzen eines Menschen, der jemanden hört, der den Koran singt – der ihn gut singt – kommen Zartgefühl und Reue zum Vorschein, gleich wie lasterhaft und hartherzig dieser Mensch ist. Diese Reue bleibt – und der Mensch gerät in einen Zustand der Glückseligkeit." 

(Mostamli Bohari, persischer Gelehrter des 11. Jahrhunderts)

"Der Koran - fundamental gesehen - ist kein Werk im eigentlichen Sinne", sagt Ahmad Milad Karimi. "Der Koran ist ursprünglich auch keine Schrift. Der Gesandte Gottes, der Prophet Mohammed, erhält den Koran nicht als eine Schrift, sondern ihm wird das Wort Gottes zu Gehör gebracht. Und das, was er hören darf, bringt er selbst zum Gehör. Das heißt der Koran ist ursprünglich etwas Rezitatives, ist etwas zu Hörendes, unglaublich oral gedacht."

Und er ergänzt: "Das ist, wie der Koran es auch sagen will, eine Liebeserklärung Gottes an die Menschen. Und wie lässt sich eine Liebeserklärung am besten zum Ausdruck bringen, wenn nicht durch Musik und Poesie."

Der afghanisch-deutsche Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi, Professor an der Universität Münster, befasst sich nicht nur theoretisch mit dem Koran. Schon als Kind faszinierte ihn der Klang der Rezitation. Damals, vor über 30 Jahren, besuchte er regelmäßig die Koranschule in der Moschee.

"Ich bin dahin gegangen voller Sehnsucht, weil ich den Koran auch nur so kannte, wie meine Eltern das rezitiert haben, vor allem im Monat Ramadan, im Fastenmonat, wo der Koran auch am meisten gustiert wird", erzählt er. "Aber in dieser kleinen Moschee in Kabul zu sitzen, während um mich herum Krieg herrscht, aber da der Rezitator, der Lehrer, mir etwas beibringt, was unglaublich melodisch ist. So etwas Klangvolles, so etwas Tiefes habe ich vorher in dieser Form nicht gehört. Und dass die Begegnung mit der Religion auf dieser musikalischen nahezu, dieser melodischen, klangvollen, rhythmischen Art und Weise geschieht, das lernen Muslime so wie ich einst auch in diesen Moscheen, in diesen Koranschulen."

"Mir wurde weich ums Herz und ich weinte"

Schon zu Lebzeiten Mohammeds hatte der Vortrag der Koranzeilen eine unmittelbare Wirkung auf die Zuhörer. Umar ibn al Chattab, ein mächtiger Edelmann aus Mekka, galt als erbitterter Gegner der jungen Religion.

"Einmal suchte Umar vergeblich seine Trinkkumpanen. Als er an der Kaaba vorbeiging, sah er Mohammed, der dort sein Gebet verrichtete. Neugierig schlich er sich hinter den schwarzen Stein der Kaaba, ohne dass der Prophet ihn bemerkte. "Als ich den Koran hörte, wurde mir weich ums Herz, und ich weinte und der Islam drang in mich ein" – schilderte Umar später. Nachdem Mohammed sein Gebet geendet hatte, ging er nach Hause. Umar folgte ihm, um sich vor ihm zum Islam zu bekehren."

"Eine Gruppe abessinischer Christen war nach Mekka gekommen, um sich Kunde von dem neuen Propheten einzuholen. Als sie den Koran hörten, brachen der Negus und seine Bischöfe in Tränen aus, bis dass der Bart des Negus und die Schriftrollen der Bischöfe nass waren. "Tragt uns mehr von dieser guten Rede vor!" – bat der Negus. Als er eine weitere Sure gehört hatte sprach er: "Ich glaube euch und eurem Propheten."

Selbst wer, wie die abessinischen Gesandten, des Arabischen nicht kundig war, ließ sich von der Musikalität und kompositorischen Qualität des Korans beeindrucken. Ebenso wichtig wie der Inhalt der Zeilen ist der sprachliche Wohlklang des Textes, die melodische Gestaltung, der Vortrag durch eine schöne Stimme. Der ästhetische Genuss ist ein wesentliches Element des Islam.

Folgt dem Schönen!

Milad Karimi erklärt: "Ohne diese Schönheit würden Sie den Koran nicht verstehen. Diese Schönheit ist ein Imperativ des Textes selbst. Im Koran heißt es "Folgt dem Schönen!"

Rami Ahmed Assid sagt: "Es heißt in ganz vielen Hadithen, Aussagen des Propheten Mohamed, dass man den Koran nicht als Prosa vorlesen soll, sondern wirklich mit dem Koran zu singen. Es ist sehr sehr erwünscht, sogar vorgegeben, den Koran so zu singen beziehungsweise vorzutragen. Das Wort was im Arabischen verwendet wird ist "ri’taranna". Ri’taranna kommt von rinna und rinna ist singen."

Der junge Marokkaner Rami Ahmed Assid wohnt seit etwa 15 Jahren in Deutschland und unterrichtet Sprachen an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet. Auch er war als Kind fasziniert vom Klang des Korans. Als 15-Jähriger beherrschte er schon die Hälfte des gesamten Textes auswendig – und begann parallel zur Schule eine dreijährige Ausbildung als Rezitator an einer Koran-Akademie.

"Wir hatten die Ehre und Vergnügen, dass bei uns in der Nähe eine große Schule, die 350 Schüler umfasste. Als Schüler fand ich die Abendkurse ganz günstig und bin dahin gegangen. Es gab wirklich einen sehr professionellen Lehrer, den wir da hatten, der hatte das drauf, kannte sich mit der Materie sehr gut aus. Im ersten Jahr hat man sich mit dem Auswendiglernen auseinander gesetzt, in dem zweiten mehr Verstehen und in dem dritten Jahr kam erst dann die Musik des Korans. Das waren die Module und Ende jeden Schuljahres musste man eine Prüfung ablegen um weiter zu kommen in die nächste."

Al Tajwid heißt das Regelwerk, in dem die korrekte Rezitation des Korans festgelegt ist. Länge der Silben, Stimmfärbung, Atemführung, Aussprache, Nasalierung – bis ins kleinste Detail werden dem Rezitator die Interpretations-möglichkeiten aufgezeigt. Zwar wurden die Regeln des Al Tajwid schon früh schriftlich niedergelegt – doch wie beim Koran selbst handelt es sich in erster Linie um ein mündlich überliefertes Werk. Die Kunst der Rezitation wird von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Entsprechend vielfältig sind die Varianten.

Die Kunst der Pause

Milad Karimi:"Daran erkennt man einen richtigen, gut ausgebildeten Rezitator, der gerade diese Nuancen dieser Lehre, die sich als Tahwid beschreibt, zu kennen. Also das ist die Aufgabe aller Muslime, sich beim Koranlesen Mühe zu geben, so schön wie sie es nur können den Koran vorzutragen."

Zum schönen Vortrag gehört etwa die richtige Setzung von Pausen – wie Rami Ahmed Assid demonstriert.

"Gute Rhetoriker und Redner, wenn sie sprechen, dann lassen die auch dem Ohr des Zuhörers eine kleine wirklich durchdachte Pause – nicht zu lange, nicht zu kurz. Diese kleine Pause ist für den Rezitator eine Zeit zum wieder ein- und ausatmen und für den Geist des Zuhörers eine Pause zum Nachdenken über das Gesungene."

In der Ausbildung zum Koran-Rezitator sind Atemübungen unerlässlich.

Rami Ahmed Assid: "Wir hatten zum Beispiel die Übung, dass man unter Wasser geht und da versucht, so lange wie möglich zu bleiben. Eine Minute, 40 Sekunden. Tief einatmen und langsam verbrauchen den Atem unter dem Wasser bis man keinen Atem mehr hat. Dann kommt man hoch und dann ist das dein eigener Rekord, was man auch schlagen und erweitern kann. Es gibt ganz verschiedene Übungen. Auch Lebensmittel und Kräuter, die etwas beim Atem gut helfen. Gewisse Kräuter, die man zu sich einnimmt wie Ingwer zum Beispiel, die die Luftwege auch öffnen und Wege für die Luft schaffen.

Die sieben Tonlagen

Große Freiheit hat der Sänger in Bezug auf die melodische Gestaltung des Vortrags. Zu Grunde liegt das System der Maqame – so heißen die Skalen der arabischen Tradition. Anders als in der abendländischen Klassik, die nur Dur und Moll kennt, stehen in der orientalischen Musik viele verschiedene Skalen zur Verfügung.

Rami Ahmed Assid sagt: "Maqam ist nichts anderes als ne Tonlage. Es gibt ne traurige, es gibt ne fröhliche, es gibt ne ernste, es gibt eine beruhigende Tonlage, es gibt eine neutrale Tonlage. Man kann denselben Vers in einer anderen Tonlage hören und denken, dass das ein ganz anderer Vers gewesen ist. Aber das ist es nicht. Es ist nur die Melodie, die anders gewesen ist."

Sieben dieser Maqame sind bei der Rezitation der Koranverse erlaubt.

Rami Ahmed Assid erläutert: "Es gibt zum Beispiel Bayati, es gibt Rast - woher diese Maqame ihre Namen bekommen haben, das ist geschichtlich bedingt. Zum Beispiel Nahawand ist eine Stadt im Iran und ich denke, dass da die bekannte Melodie war, deshalb dachte man, okay das haben die Leute aus dem Gebiet gesungen. Hijaz ist Mekka und das Gebiet, das nennt man Hijaz. Und es gibt auch eine Tonlage, die genau so heißt, Hijaz. Die ist noch trauriger als Sabah und sehr ernst. Ich nenn sie nochmal: Bayati, Sabah, Hijaz, Rast, Nahawand, Hijam und Sikah – das sind dann die sieben Tonlagen."

"Kommt erst mal durch die Tür und nicht durchs Fenster"

Die 1975 verstorbene Sängerin Oum Kalthoum, eine der großen Stimmen der populären ägyptischen Musik. Wie viele andere Stars der arabischen Musikwelt lernte sie die Grundlagen ihrer Gesangskunst in der Koran-Rezitation.

Auch die marokkanische Akademie, an der Rami Ahmed Assid ausgebildet wurde, wird häufig von Musikern besucht, die ihre Kunst vervollkommnen wollen. Aufgenommen werden sie jedoch nur, wenn sie sich den religiösen Aspekten der Koran-Rezitation öffnen.

"Der Spruch unseres Lehrers war: Kommt bitte durch die Tür und nicht durch das Fenster. Gemeint ist, kommt erst mal mit einer reinen Absicht, dass ihr den Koran lernen wollt und fangt mit dem ersten Jahr an. Und dann das zweite Jahr, damit ihr wisst, worum es geht. Also hier geht es nicht nur rein um Musik und Singen und schön und was für eine Stimme du hast und solche Sachen; sondern wirklich, dass man das lernt, um das vorzutragen und selbst mit sich anzufangen, das zu verinnerlichen, zu leben und dann weiter zu geben."

"Erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet; packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf…."

Mit sanfter, fast engelsgleicher Stimme trägt der berühmte Koransänger Mishary Al Afasy aus Kuwait einen blutrünstigen Text vor, der die Muslime zur Gewalt gegen Andersgläubige aufruft.

Milad Karimi sagt: "Der Koran muss ausgelegt werden, der Koran muss interpretiert werden, man braucht viel Wissen um mit dem Koran umzugehen. Aber der Koran hat auch eine unmittelbare Seite, die immer da ist. Das ist die Ästhetik, das ist die Weise, wie der Koran sinnlich wird. Sie müssen sich vorstellen: Der übersinnliche Gott, an den die Muslime glauben, lässt von sich hören in der Welt der Sinnlichkeit in sinnlicher Form. Das ist das Bewegende, dass der Koran die Stimme Gottes in einer Weise repräsentiert, die für mich vernehmbar wird. Diese demütige Haltung zum Koran öffnet einen dritten Raum des Verständnisses, eine systemische Demut, die mir immer wieder sagt: Dein Verständnis vom Koran entspricht nicht das Wissen Gottes, sondern mein Wissen ist immer untergestellt."

Schöne Melodie, verstörender Inhalt

Auch wenn sich die meisten Koran-Kommentatoren einig darin sind, die Zeilen historisch einzuordnen, verstört die Diskrepanz zwischen der schlichten Schönheit der Melodie und dem Inhalt.

Im Fastenmonat Ramadan wird üblicherweise der gesamte Koran rezitiert. Üblicherweise trägt der Rezitator täglich ein Teilstück daraus vor, so dass am Monatsende alle Suren erklungen sind.

Rami Ahmed Assid: "Das hab ich für zehn Jahre gemacht. 2006 bis 2016 war ich in einer Moschee, hab ich vorgebetet. Und ab und zu außerhalb des Ramadans gab es Feierlichkeiten, wo man so eine Koraneröffnung macht. Man rezitiert den Koran als Eröffnung und dann beginnt das Programm der jeweiligen Feierlichkeit. Oder wenn es auch in der Moschee Vorträge gibt oder Predigten, dann wird auch der Koran am Anfang rezitiert. Das sind die großen Anlässe."

Nicht nur zu rein religiösen Anlässen lädt man Koran-Rezitatoren ein. "Es gibt auch Wettbewerbe, sowohl auf der regionalen Ebene, es gibt World Championship von Rezitatoren", erzählt Milad Karimi. "Dann kommen die besten Rezitatoren der Welt – jedes Land schickt seinen besten. Dann gibt es wirklich einen Wettbewerb vor einer Jury, was wirklich auch alles bewertet: Aussprache, Haltung, Anmut, Stimme und auch die Fähigkeit, das so zum Erklingen zu bringen. Es gibt auf jeden Fall, wie soll man sagen, Popstars unter den Rezitatoren."

Die Dramaturgie einer Koran-Rezitation vor Publikum erinnert an die Choreographie eines Pop-Konzerts; bevor der Star des Abends auftritt, gibt es "Supporting Acts" von weniger bekannten Sängern.

So bekommt vielleicht ein Nachwuchs-Talent seine Chance.

Der Islamwissenschaftler und Philosoph Milad Karimi (Peter Grewer)Der Islamwissenschaftler und Philosoph Milad Karimi (Peter Grewer)

Dazu Karimi: "In der Moschee während er rezitiert reden alle. Es ist nichts Besonderes. Und langsam wird man leiser, weil die Besseren kommen – bis der Beste kommt. Und die Menschen gehen wirklich aus ihrer – die Euphorie ist sehr groß, man schreit, und Lobpreisungen während er rezitiert, weil er so lange den Atem halten kann, dass er fast eine ganze Sure, eine ganze Seite in einem Atemzug rezititert."

Rezitator Rami Ahmed Assid erzählt: "Man geht zu dem Rezitator, küsst seinen Kopf und unterbricht ihn. Das ist dem Rezitator unangenehm – also diese Regeln auch und dieses schöne Benehmen, das man dem Koran entgegenbringen muss, ist auch ein Bestandteil davon."

Musikkundige Fachleute im Publikum scheuen nicht davor zurück, dem Rezitator während seiner Darbietung ihre Wünsche vorzutragen.

"Wenn das Publikum merkt, okay der Rezitator hat hier lange gebraucht für den Maqam, er rezitiert nach dem Maqam schon fünf Minuten, wir wollen jetzt mal ne Abwechslung. Dann geben sie ihm einen Hinweis: Bitte mal wechseln auf den und den. Als Zuschauer merkt man die Interaktion – aha, wir verstehen uns. Ich geb ihm ein Signal, dass mein Ohr Lust auf den jeweiligen Ton hat, dann stellt er meine Lust zufrieden."

"Wer den Gesang als Beruf ausübt, dessen Zeugnis soll wertlos sein vor Gericht. Denn der Gesang und die Musik zählen zu jenen zweifelhaften Vergnügungen, die zu Eitelkeit und Unzucht verleiten. Wer sich damit abgibt, hat seine Ehre verloren."

(Al Shafi’i – Imam des 9. Jahrhunderts)

Ist die Rezitation des Korans als Musik zu werten? Unter muslimischen Gelehrten ist diese Frage umstritten. Schon im 9. Jahrhundert gab es Theologen, die das Singen und die Musik als unehrenhaft ansahen. Auch heutige Strömungen im Islam – etwa die Wahabiten – lehnen Musik grundsätzlich als "haram", als verboten ab.

Milad Karimi: "Innerhalb der über 1400-jährigen Geschichte des Islams gibt es unterschiedliche Bewegungen und auch theologische Bewegungen. Es gibt engstirnige, die sich der Musik entfernen und das einfach nicht als erlaubt ansehen. Aber gibt es genügend andere Stimmen zum Glück auch im Islam. Und eine der schönsten und wichtigsten Stimmen ist von dem berühmten Theologen al Ghazali aus dem 12. Jahrhundert, der sagt: "Die Musik hat die Kraft, den Glauben zu intensivieren. Das heißt, wenn im Herzen Glauben ist, dann kann die Musik das in die Höhe treiben."

Und: "Jeder, der von sich sagt, er finde keinen Gefallen an Klängen, an Melodien und an Musik ist ein Lügner und ein Heuchler – oder aber nicht recht bei Sinnen. Und niemand würde jemals die Stimme der Nachtigall oder die anderer Singvögel verbieten."

Milad Karimi: "Musik als Musik ist weder gut noch schlecht, sondern es geht darum, wer gerade die Musik rezipiert. Genauso wie der Koran nicht als Lyrik gilt, als Poesie gilt – weil die Art, wie der Koran ist, ist zwar poetisch, aber nicht Poesie. So ist der Koran auch musikalisch, aber nicht Musik. Und diese Art, dass der Koran doch vom Genre her etwas Sui Generis, etwas ganz eigenes ist, das ist schon ziemlich fest verankert im theologischen Selbstbewußtsein der Muslime."

Gott als Subjekt der Rezitation

Die theologischen Aussagen des Korans sind nicht immer leicht verständlich, manchmal auch widersprüchlich. Generationen von Gelehrten haben sich mit der Auslegung der Texte beschäftigt. Durch die Rezitation aber wirkt das Wort Gottes unmittelbar und ungefiltert auf den Gläubigen.

Milad Karimi: "Wenn der Koran das Wort Gottes ist, dann ist er, der durch mich spricht, durch mich hindurch eigentlich und ist auch er, der hört, durch mich hindurch. Das heißt Gott bleibt das Subjekt der Rezitation und für ihn ist das auch gesprochen. Es ist der Koran, der sich durch mich hindurch zum Erklingen bringt. Das ist eine unglaublich tiefgreifende spirituelle Erfahrung, die sich im Leben der Muslime einstellt bei der Rezitation des Korans."

"Musik ist etwas, was konstitutiv zum Leben gehört. Wenn Sie an das Zwitschern von Vögeln denken und sow weiter. Das ist etwas, was wir alles als ein Zeichen Gottes deuten. Die ganze Wirklichkeit ist der große Koran und der Koran, der offenbart wurde für die Muslime, das ist der kleine Koran, der ein Abbild des Ganzen ist. Und insofern die Klänge, die aus dem kleinen Koran hervorbringen, weisen auf den großen Koran hin, worauf wir hinschauen sollten. Das heißt was der Koran will ist nicht Engstirnigkeit, also "Bleib dabei" – sondern der Koran soll öffnen die Herzen und die Augen und die Ohren für die große Wirklichkeit."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk