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StartseiteInterviewIslamischer Religionsunterricht in Österreich02.11.2001

Islamischer Religionsunterricht in Österreich

Tilmann Schaible

<strong>Heinlein: </strong>Was in deutschen Bundesländer nur in wenigen Einzelfällen möglich ist, ist in Österreich seit Jahren Gang und Gebe: islamischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Tilmann Schaible arbeitet als islamischer Religionslehrer, er ist auch Vorsitzender der islamischen Religionsgemeinschaft in Bayern. Guten Morgen, Herr Schaible.

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Schaible: Guten Morgen.

Heinlein: Herr Schaible, islamischer Religionsunterricht ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Helfen Sie uns weiter, was unterrichten Sie denn Tag für Tag, was steht bei Ihnen in Salzburg auf dem Lehrplan?

Schaible: Na ja, auf dem Lehrplan steht natürlich der Islam, d.h. verschiedene Aspekte, wie man den Kindern am besten beibringt, mit ihrer Religion und mit ihrer Umwelt zurechtzukommen.

Heinlein: Gibt es so etwas wie ein staatliches Curriculum?

Schaible: Ja, es gibt einen Lehrplan, der staatlich anerkannt wurde, und nach diesem Lehrplan wird unterrichtet.

Heinlein: Welche Werte, welche Inhalte versuchen Sie, in Ihrem Unterricht zu vermitteln?

Schaible: Ja, die islamischen Werte beschränken sich natürlich nicht nur auf die Glaubensausübung, sondern vor allem auf die Inhalte, z.B. Zuverlässigkeit, Gottesfurcht oder der Umgang mit der Gesellschaft.

Heinlein: Unterscheiden sich diese Werte, die Sie vermitteln, von denen der christlichen Religionen, des katholischen oder des evangelischen Religionsunterrichts?

Schaible: Nein, die Werte sind im Prinzip genau die gleichen in den meisten Religionen. Die christlichen und die islamischen Werte unterscheiden sich insofern nicht. Der Unterschied zwischen Christentum und Islam liegt eigentlich insbesondere in der Bewertung von Jesus. Wir betrachten Jesus nicht als Teil einer Dreieinigkeit, sondern als einen Menschen, der den anderen vorgelebt hat, was Gott von ihnen erwartet. Genauso ist es bei anderen Propheten auch, und wir glauben eben, dass es noch einen Propheten gab, nämlich den Propheten Mohammed, - Friede sei mit ihm - der den Menschen auch vorgelebt hat, wie sie so leben können, dass Gott auch mit ihnen zufrieden ist.

Heinlein: Wer ist denn, Herr Schaible, in Österreich zuständig für die Auswahl der Lehrer? Welche Ausbildung muss man haben, um diesen Unterricht erteilen zu können?

Schaible: Ja, da gibt es eine Religionsgemeinschaft, die islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. Die Ausbildung, die man benötigt ist insbesondere praxisorientiert. Momentan sieht es so aus, dass der Bedarf wesentlich höher ist als die Anzahl derjenigen, welche die Ausbildung haben. Es gibt in Österreich seit 4 Jahren eine religionspädagogische Akademie, in der Religionslehrer ausgebildet werden. Die meisten Lehrer, die dort unterrichten, sind allerdings noch nicht Absolventen dieser Akademie, d.h. sie müssen halt schauen, wo sie ihre Ausbildung herbekommen und es wird dann auch von der Religionsgemeinschaft geprüft, so dass eben eine Qualifikation da ist.

Heinlein: Wer sind denn Ihre Schüler? Woher kommen sie?

Schaible: Das sind muslimische Schüler aus allen möglichen Ländern. Die meisten kommen aus der Türkei oder aus Balkanländern, aus Bosnien sind sehr viele Schüler da. Es sind aber immer mehr Schüler, die in Österreich auch zu Hause sind, also die österreichische Staatsbürgerschaft haben.

Heinlein: Gibt es auch Nichtmuslime, die Ihren Unterricht besuchen?

Schaible: Das ist aus rechtlichen Gründen nicht so einfach in Österreich, d.h. der Religionsunterricht ist zunächst für die jeweiligen Angehörigen der Religionsgemeinschaft vorgesehen. Schüler, die keiner Religionsgemeinschaft oder keiner anerkannten Religionsgemeinschaft angehören, können allerdings auf Antrag daran teilnehmen. Wenn christliche Schüler daran teilnehmen wollen, ist es seitens der Religionsgemeinschaft kein Problem. Allerdings können sie keine Benotung haben.

Heinlein: In Deutschland, Herr Schaible, ist die Situation anders als die von Ihnen beschriebene in Österreich. Würden Sie sich wünschen, das österreichische Modell auf Deutschland zu übertragen?

Schaible: Das ist nicht so einfach, weil die rechtliche Lage ein bisschen anders ist. Es gibt Gemeinsamkeiten und es gibt Unterschiede, z.B. wird in Österreich der Religionsunterricht - ähnlich wie in Berlin, übrigens - von der Religionsgemeinschaft organisiert. Das schadet nicht der staatlichen Schulaufsicht, aber die inhaltliche Ausrichtung wird praktisch alleinverantwortlich von der Religionsgemeinschaft gemacht, während es in den meisten deutschen Bundesländern sicherlich wünschenswert wäre, wenn man da einen Dialog in Gang bringt, wo man dann gemeinsam dann irgendwie einen Weg findet, bei dem sowohl die staatlichen als auch die religiösen Belange berücksichtigt werden.

Heinlein: Einen Dialog in Gang bringen, sagen Sie. Was ist denn die Folge, dass es an deutschen Schulen keinen geregelten islamischen Religionsunterricht gibt? Fehlt dieser Dialog?

Schaible: Also die Folge ist eine Sache, aber die Ursache ist eine andere Sache. Ich denke, in Deutschland - im Gegensatz zu Österreich - gibt es einige Dinge, die nicht stattgefunden haben. Zunächst gab es hier bislang nicht den politischen Willen, hier eine Lösung zu finden - das muss man, glaube ich, ganz klar sehen -. In Österreich war es anders, als in den 70er, 80er Jahre die Religionsgemeinschaft als Veranstalter dieses Religionsunterrichts anerkannt wurde. Die Folge ist in meinen Augen ziemlich frappierend, nämlich dass in Deutschland wesentlich mehr Zündstoff entstanden ist. In Österreich ist der Umgang zwischen den Religionsgemeinschaften wesentlich gelassener, und die Schüler haben die Möglichkeit, sich sozusagen selbst in die Gesellschaft einzubringen, sie sind nicht in dieser unterprivilegierten Stellung wie in Deutschland, wo der Ethikunterricht praktisch das Auffangbecken von allen ist. Meistens landen dann auch die Muslime dort und sie finden sich einfach nicht wieder.

Heinlein: Ist es aus Sicht der deutschen Muslime eine Art Diskriminierung, dass islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen eben nicht stattfindet?

Schaible: Mit Sicherheit. Ich meine, es ist ganz offensichtlich, dass sogar von der Verfassung vorgesehen ist, dass Religionsunterricht stattfindet, und es ist auch sinnvoll, denn wo soll die Wertevermittlung sonst stattfinden? Die Werte überschneiden sich zwar zwischen verschiedenen Religionen, aber von der Identität her findet man sich eben dort wieder, wo man selbst sozialisiert wird: im Elternhaus und in den religiösen Auffassungen, die dort vermittelt werden. Diese Vermittlung ist meistens unzureichend, d.h. auch die Eltern wissen oft nicht, wie jetzt ihre Religion nun tatsächlich ist, weil sie das selbst nie gelernt haben. Deswegen wäre es besonders wichtig, dass ein Unterricht stattfindet, in dem kompetente Lehrpersonen, die fachlich und glaubensmäßig in der Lage sind, Fragen zu beantworten, welche die Gesellschaft stellt, den Schülern der gleichen Religionsgemeinschaft zuverlässige Informationen geben können. Es geht ja hier darum, dass die muslimischen Kinder in ihrer Religion unterrichtet werden; es geht nicht darum, andere Menschen vom Islam zu beeinflussen. Allerdings kann dieser Unterricht dazu beitragen, einen Dialog auf breiter Ebene in Gang zu bringen. Das merkt man, wenn man ein paar Jahre lang unterrichtet. Man ist ja präsent in den Schulen und, wenn Fragen auftauchen, kann man mit den anderen Kollegen oder auch in anderen Unterrichtsstunden fachübergreifend darauf eingehen. Das fehlt hier in Deutschland vollkommen. Der Islam ist hier an den Rand gedrängt. Es findet meistens noch nicht mal ein Dialog statt, der interreligiöse Dialog fristet ein Schattendasein und ein politischer Dialog kommt allmählich in einzelnen Bundesländern zustande, das hätte vor 20, 30 Jahren der Fall sein müssen, aber wir sind jetzt auf diesem Stand und ich hoffe sehr, dass wir da einen Schritt weiterkommen, damit sich eben die innergesellschaftliche Situation ein bisschen klärt.

Heinlein: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schaible.

Link: Interview als RealAudio

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