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StartseiteCampus & KarriereMehr Aufklärung gefordert14.08.2015

Islamischer ReligionsunterrichtMehr Aufklärung gefordert

In einigen Bundesländern wird islamischer Religionsunterricht an den Schulen gelehrt, seit zwei Jahren auch in Hessen. Der Theologe Abdel-Hakim Ourghi kritisiert das Curriculum und fordert eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Propheten und problematischen Stellen im Koran.

Von Andrea Bonhagen

Die beiden Pergament-Bögen aus Birmingham mit arabischen Koran-Hand-Schriften (dpa / Birmingham University / Handout)
Im islamischen Religionsunterricht beschäftigen sich Schüler mit dem Koran (dpa / Birmingham University / Handout)
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"Salaamu aleikum."

So unverfänglich beginnt ein islamischer Religionsunterricht an einer Grundschule in Frankfurt. Doch an den Inhalten gibt es jetzt Kritik. Über den Lehrplan für hessische Grundschulen sagt der islamische Theologe Abdel-Hakim Ourghi von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, er sei nicht aufklärerisch genug. So werde Mohammed nur positiv dargestellt. "Bewusst ausgeblendet wird die historische Rolle des Propheten als Staatsmann und sein Umgang mit den Nichtmuslimen. Etwa die gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Juden. Und somit entsteht der Eindruck, dass im Curriculum historische Ereignisse, die negativ beurteilt werden, gezielt vermieden werden."

Auch wenn die Gleichstellung der Frau erwähnt sei: Diskriminierung im Koran werde nicht angesprochen. Zum Beispiel gebe es Suren zur Polygamie, oder "zum Beispiel das Schlagen der Frau, Sure vier, Vers 34, oder zum Beispiel Geschlechtertrennung durch Kopfbedeckung". Aus Ourghis Sicht sollte der Lehrplan dazu Stellung beziehen.

Kritik: Fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem Propheten

Der Unterricht in Hessen ist bekenntnisorientiert. Er wird vom Staat verantwortet. Die in Hessen anerkannten muslimischen Religionsgemeinschaften Ditib und Ahmadiyya sind Partner und haben die Lehrpläne mit anderen Experten ausgearbeitet. Das Kultusministerium ist zufrieden mit den fast identischen Curricula von Ditib und Ahmadiyya. Das Ministerium schreibt als Antwort auf Ourghis Kritik: "Beide Unterrichte sind staatliche Unterrichte, die in deutscher Sprache unterrichtet werden. Der Religionsunterricht ist aber - bei aller notwendigen Bindung an den staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag - von Rechts wegen kein überkonfessioneller, sondern ausdrücklich ein konfessioneller Religionsunterricht."

Ein Unterricht, in dem - vergleichbar mit dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht - der Glaube gelehrt werden darf und soll. So steht es auch in der Verfassung. Der algerischstämmige Theologe Ourghi aus Freiburg meint allerdings, gerade der islamische Religionsunterricht dürfe heute nicht mehr so unkritisch gelehrt werden: "Lassen Sie uns kurz über die Realität sprechen. Über die verbreitete Gewalt in der islamischen Welt und die Vertreter der salafistischen Szene hier bei uns in Deutschland. Der islamische Religionsunterricht muss auch nämlich diese Rolle übernehmen, diese Jugendlichen aufzuklären. Die Gewalt muss auch in so einem Curricula debattiert werden. Wir können einfach nicht nur von dem Islam der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe reden."

Religionsunterricht um vor Radikalisierung zu schützen

Murat Kayman von DITIB findet das unfair. Im Gegensatz zur christlichen Kirche werde von der muslimischen Religion ständig eine Selbstgeißelung erwartet. Das dürfe nicht sein. "Eine solche Betrachtung setzt ja voraus, dass gerade eine originäre Vermittlung des Islams nach dem Verständnis der Religionsgemeinschaften in sich die Gefahr einer Ungleichbehandlung der Geschlechter oder eine Gewaltlegitimation im Sinne einer terroristischen Organisation, eines Extremismus, beinhalten würde. Das halte ich für einen hochproblematischen Ansatz."

Es müsse möglich sein, religiöse Grundsätze einer Religionsgemeinschaft zu tradieren. Im evangelischen Religionsunterricht habe Kayman einen solchen kritischen Ansatz auch nicht erlebt. Grundschüler seien damit möglicherweise auch überfordert. In den hessischen Lehrplänen steht übrigens ausdrücklich: "Religiöse Bildung wird als 'Aufforderung zur Selbsttätigkeit' begriffen. Mit anderen Worten: Religiöse Inhalte werden im Fach Islamische Religion so mitgeteilt, dass die Lernenden die Inhalte verstehen, an ihnen weiterdenken und sie immer wieder überdenken können."

Und so weist auch Professor Yaşar Sarıkaya von der Justus-Liebig-Universität in Gießen, der die Ausbildung der Lehrer für islamischen Religionsunterricht in Hessen leitet, die Kritik zurück. Dass niemand wisse, was im Unterricht passiere, wie Ourghi in einem Zeitungsinterview gesagt hatte, stimme nicht. Jeder wisse, was dort passiere - ebenso wie bei jedem anderen Schulfach.

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