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StartseiteEine Welt"Das zu glauben, wäre ein Trugschluss"22.07.2017

Islamischer Staat besiegt?"Das zu glauben, wäre ein Trugschluss"

In irakischen Mossul ist die Terrormiliz Islamischer Staat vertrieben. Und auch die syrische Hochburg Raqqa werde irgendwann fallen, sagte Dlf-Sicherheitsexperte Gerwald Herter. Den IS deswegen besiegt zu glauben, wäre aber ein Trugschluss. Er verlagere wichtige Strukturen längst an andere Orte.

Gerwald Herter im Gespräch mit Andreas Noll

Die Überreste eines Posters der Terrormiliz Islamischer Staat hängt nahe eines Zugangs zur Altstadt von Mossul. (dpa / Andrea DiCenzo)
Ist der IS mit Mossul und dereinst auch Raqqa endgültig zu Klump geschossen? Nein, meint Sicherheitsexperte Gerwald Herter. Wichtige Strukturen habe der IS längst anderswohin verlegt, und er baue an internationalen Filialen und dem "virtuellen Kalifat". (dpa / Andrea DiCenzo)
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Andreas Noll: Bei mir im Studio ist jetzt der Sicherheitsexperte des Dlf, Gerwald Herter. Herr Herter, die USA reduzieren ihr Engagement dem Anschein nach in Syrien an einer wichtigen Stelle. Was bedeutet das für den Machtkampf in Syrien?

Gerwald Herter: Zunächst wurde das Mitte der Woche gemeldet und inzwischen in Washington bestätigt. Der amerikanische Präsident Trump hat diese Entscheidung persönlich getroffen, tatsächlich. Damit kommt er Russland entgegen, das ist für ihn ausschlaggebend. Wie wir wissen, hatte ja Trump Präsident Putin am Rande des G20-Gipfels in Hamburg getroffen und sogar zwei Mal. Und die beiden hatten auch einen Waffenstillstand, das war ja bekannt geworden, für den Südwesten Syriens vereinbart – dort also, wo viele der sogenannten "gemäßigten Rebellen" sind, die jetzt keine Waffen mehr bekommen sollen.

Strategie, das Regime zu ändern, sei am Ende

Die USA rücken von ihrem Ziel ab, den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad zu stürzen – trotz des Kriegs gegen das eigene Volk, trotz Folter, trotz des wiederholten Einsatzes von Giftgas in Syrien. Die Strategie, das Regime zu ändern, zu Ende zu bringen, ist am Ende, ist selbst am Ende. Mittelfristig findet man sich also mit der Herrschaft von Assad. Das stärkt ihn militärisch, das stärkt ihn aber auch politisch. Es finden ja ständig Verhandlungen über einen Waffenstillstand oder sogar über einen Frieden für Syrien statt, und das wird die Gesandten von Assad stärken.

Die Aufständischen selbst, diese sogenannten gemäßigten Aufständischen, sagen, dass die radikaleren Kräfte nur stärker werden – das stimmt nur zum Teil, denn diese radikaleren Kräfte hatten in der Vergangenheit Waffen abgepresst den gemäßigten Rebellen. Und für die Gemäßigten kommt es nun darauf an, ob sie weiterhin von Staaten wie Katar, von Saudi-Arabien oder Jordanien unterstützt werden.

Auch Raqqa werde irgendwann fallen

Noll: Die Kämpfe im Land, sie gehen weiter, es läuft derzeit auch mit US-Unterstützung der Sturm auf die IS-Hochburg Raqqa in Syrien. Im Nachbarland Irak allerdings ist die blutige Schlacht um Mossul gerade zu Ende gegangen – mit einer Niederlage, mit einer deutlichen Niederlage für den IS. Ist damit die Terrororganisation am Ende aus Ihrer Sicht?

Herter: Die Amerikaner haben gerade gesagt, dass sie und ihre Verbündeten in Raqqa jetzt langsamer vorankommen als zuvor. Die USA schätzen, dass etwa 2.000 IS-Kämpfer dort ganz erbitterten Widerstand leisten. Es befinden sich noch sehr viele Zivilisten, darunter Frauen und Kinder in der Stadt. Und trotzdem kann man wohl sagen, dass auch irgendwann Raqqa fallen wird. Die Amerikaner schätzen bis zum Ende des Jahres.

"Virtuelles Kalifat" und internationale Verbindungen

Der IS hat wichtige Strukturen schon längst in andere Gebiete verlagert. Auch wenn diese eines Tages aufgegeben werden sollten, wird er damit nicht verschwinden. Das zu glauben, wäre ein Trugschluss, man würde meiner Ansicht nach dem IS sogar auf den Leim gehen. Wir beobachten einen asymmetrischen Konflikt, das heißt, keine klassische kriegerische Auseinandersetzung, die Schlachten finden nicht mehr nur auf Schlachtfeldern statt.

In Deutschland warnen Sicherheitsbehörden seit Monaten davor, dass der IS ein virtuelles Kalifat aufbaut, und wenn man nur die erstaunliche Wirkung der IS-Propaganda beobachtet, muss man sagen, dieses Kalifat, das arbeitet schon längst, und seine Botschaften erreichen, überzeugen auch viele Menschen in Europa, darunter Frauen und junge Leute, auch in Deutschland. Und auf dem klassischen Gebiet zu bleiben: Der IS hat sich weit über Irak und Syrien hinaus ausgebreitet – Afghanistan, Libyen, Sinai, die Sahelzone, selbst die Philippinen, und es gibt Verbindungen nach Nigeria.

Experte: IS jetzt immer noch stärker als Mitte 2014

Noll: Schauen wir noch mal intensiver auf den IS: Viele IS-Terroristen sind bei den Kämpfen gefallen, andere haben sich zurückgezogen. Wie groß ist jetzt die Gefahr, dass sich die Organisation wieder neu gruppieren kann?

Herter: Diese Gefahr ist absolut enorm und vorhanden. Der Autor und Forscher Hassan Hassan – das ist wohl einer der besten IS-Kenner – sagt, dass der IS jetzt immer noch stärker sei als Mitte 2014, vor drei Jahren also, zu dem Zeitpunkt, als der Islamische Staat ausgerufen wurde. Inzwischen hat diese Organisation – das erklärt diese Analyse – in den besetzten oder eroberten Gebieten Milliarden Dollar eingenommen, Abertausende Kämpfer rekrutiert, und Tausende sind natürlich aus dem Ausland gekommen: Maghreb, Westeuropa, Balkan, auch viele aus den früheren Republiken der Sowjetunion.

Militärisch im klassischen Sinn lasse er sich nicht besiegen

Noll: Lässt sich der IS eigentlich militärisch besiegen?

Herter: Sicher nicht im klassischen militärischen Sinn, auch wenn die Bilder, die wir kennen, anderes suggerieren. Man muss sich nur daran erinnern, dass der IS sozusagen aus einer Al-Kaida-Filiale hervorgegangen ist und dass auf der Führungsebene auch frühere Offiziere der Geheimdienste von Saddam Hussein eine sehr wichtige Rolle spielen, die vielleicht unterschätzt wurde. Möglich ist es, dass es die Organisation unter diesem Markennamen IS irgendwann tatsächlich Geschichte sein wird. Viele Köpfe und noch viel mehr Kämpfer dürften sich dann aber anderen Gruppen angeschlossen haben. Ähnliches lässt sich in anderen Weltregionen sehr gut beobachten.

Noll: Zu den Kämpfern gehörten auch Freiwillige aus Europa. Was bedeutet das Ende des IS-Kalifats nun für diese Kämpfer und unsere Sicherheit im Westen?

Behörden: Viele Rückkehrer seien weiterhin militante Islamisten

Herter: Ausländische Kämpfer kehren zurück, auch Europäer und selbstverständlich Deutsche. Allein aus Deutschland waren an die tausend Menschen in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gezogen. Die deutschen Sicherheitsbehörden sagen, dass davon etwa 150 in den Kampfgebieten ums Leben gekommen sind. Ungefähr 300 sind nach Deutschland zurückgekehrt, und viele davon sind immer noch militante Islamisten – das sagen zumindest die Dienste.

Deutschland ist Teil der Anti-IS-Koalition und damit hoch gefährdet, sehr gefährdet. Der Islamische Staat, dessen Staatsgebiet immer kleiner wird – wir haben darüber gesprochen –, versucht noch mehr Anschläge in Europa durchzuführen, zu organisieren oder zumindest zu inspirieren.

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Ab 2011 Leiter der Dlf-Redaktion Europa und Außenpolitik in der Abteilung Hintergrund. Seit Juli 2017 Dlf-Sicherheitsexperte.

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