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StartseiteCampus & KarriereIslamischer Studententag in Hagen02.04.2007

Islamischer Studententag in Hagen

Umstrittene Organisation Milli Görüs wirbt um Nachwuchs

Das neue Semester steht vor der Tür und da lohnt es sich einen Studententag zu veranstalten. Das ist soweit nichts Neues. Wenn dafür aber die islamische Organisation Milli Görüs aufruft, lohnt es sich etwas genauer hinzuschauen. Milli Görüs wird wegen islamistischer Bestrebungen bereits seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.

Von Mike Roth

Milli Görüs vergibt Stipendien an Türkinnen, die wegen des Kopftuchverbots ihr Land verlassen. (AP Archiv)
Milli Görüs vergibt Stipendien an Türkinnen, die wegen des Kopftuchverbots ihr Land verlassen. (AP Archiv)
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Auf dem Studententag der Milli Görüs sind Deutsche Studenten nicht erwünscht. Es wird nur Türkisch gesprochen. Und will man als Journalist über den Studententag berichten, geht das nicht ohne viele Telefonate. Erst dann gibt es eine Zutrittserlaubnis. Und selbst nach erfolgreicher Akkreditierung ist nicht sicher, dass die Türsteher auch wirklich den Weg freigeben. Der türkischstämmigen Journalist Ahmet Senyurt jedenfalls kommt nicht hinein. Kurz vor der Veranstaltung hat er in der ARD über die Hintergründe der Milli Görüs berichtet. Jetzt hat er Hausverbot.

" Also überraschen tut es mich nicht. Aber sinnvoll auch in Richtung: wir sind offen, wir öffnen uns für die Europäische Gemeinschaft, für die Europäischen Grundregeln, für die Normen? Das erkenn ich hier nicht. Wer Presse ausschließt, hat meiner Meinung nach auch etwas zu verbergen."

Hinter den gut kontrollierten Eingängen treffen sich in der Hagener Stadthalle muslimische Studierende aus ganz Europa. Eine von ihnen ist Salia Atis. Sie ist das erste Mal bei Milli Görüs und kann die Aufregung um die Organisation nicht verstehen.

" Also in der Öffentlichkeit hat Milli Görüs leider kein schönes Bild. Aber soweit ich es erfahren habe, ist es gar nicht so. Das sind einfach Menschen, die für ihre Gesellschaft etwas machen wollen. "

Der Verfassungsschutz sieht das allerdings anders. Nach seiner Überzeugung strebt die Türkische Bewegung Milli Görüs eine "islamistische Weltordnung" an. Mit über 87.000 Mitgliedern ist sie die größte islamische Organisation in Deutschland. Ihr führender Kopf ist der türkische Politiker Necmettin Erbakan, erklärt der Präsident des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes Hartwig Möller.

" Erbakan geht von einer Weltordnung aus, die aus zwei Teilen besteht: einer so genannten "gerechten Weltordnung". Das ist eine Ordnung, die sich auf dem Islam gründet, der alle weltlichen und religiösen Regelungen des Lebens bestimmt. Die westliche Zivilisation bezeichnet er als eine "nichtige" oder "falsche Ordnung", die es abzulösen gilt. Und dieser Gegensatz ist mit unseren Werten der Verfassung nicht zu vereinbaren. "

In der Hagener Stadthalle wendet sich Necmettin Erbakan per Videobotschaft an die Studierenden. Als er auf der Videoleinwand erscheint, bricht unter den rund 1700 Besuchern spontane Begeisterung aus. In ihrem Sprechchor bezeichnen sie ihn als "Gotteskrieger Erbakan".

In seiner Rede schwört Erbakan die Studierenden auf sein Verständnis islamischer Werte ein. Sie seien die Botschafter des Islam, sagt er. Und ihre Aufgabe sei es, den Islam in aller Welt zu verkünden. Wegen seiner radikalen Auffassungen ist Erbakan in der Türkei stark umstritten. Für Ogüz Ücüncü, den Generalssekretär der Milli Görüs, ist er der geistige Vater seiner Bewegung.

" Die Person Erbakan spielt eine wichtige Rolle nach wie vor für diese Organisation, auch für diesen Tag heute. Das heißt aber nicht, dass wir jeden Inhalt und alles was gesagt wird teilen und gut heißen, sondern uns auch damit kritisch auseinander setzen. Was aber den Wert der Person nicht mindert. "

Die "Islamische Gemeinschaft Milli Görüs" wirbt bereits seit Jahren in Deutschland muslimische Studierende an. Außerdem vergibt sie Stipendien an Studentinnen, die nach Deutschland kommen, weil sie wegen des Kopftuchverbots an Türkischen Universitäten nicht studieren dürfen. Generalssekretär Ogüz Ücüncü verfolgt damit ein klares Ziel.

" Stipendien sind wie für alle Institutionen letztlich Instrumente um Führungsnachwuchs zu heranzubilden. Und das ist für uns ein ähnliches Instrument. Wir unterstützen Jugendliche und Studenten in ihren finanziellen Möglichkeiten, haben aber gleichzeitig ein Benefit davon. Und Stipendien zu geben ist für eine islamische Religionsgemeinschaft, wie wir eine sind, eine unsere zentralsten Aufgaben. "

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der jungen Akademiker innerhalb der Organisation jedoch fast halbiert. Die Studententage, wie der in Hagen, dienen also vor allem dazu, junge Muslime für Milli Görüs anzuwerben. Denn es sind Akademiker, die dort als zukünftige Führungskräfte gebraucht werden.

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