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StartseiteInterviewIslamkenner: Terrorakte genereller Ausdruck des Islam08.07.2005

Islamkenner: Terrorakte genereller Ausdruck des Islam

Nach Ansicht des Islamkenners Hans-Peter Raddatz kann man den gewalttätigen Islamismus nicht vom eigentlichen Islam trennen. Umfragen im Nahen Osten nach dem 11. September zufolge seien 88 Prozent der Muslime von der Richtigkeit der Attentate überzeugt gewesen. Somit seien solche Terrorakte nicht Ausdruck eines terroristsichen Islams, sondern des Islams generell, so Raddatz.

Moderation: Jürgen Liminski

Die U-Bahnstation King's Cross in London   (AP)
Die U-Bahnstation King's Cross in London (AP)

Jürgen Liminski: Mitgehört am Telefon hat der Islamkenner Hans-Peter Raddatz, Guten Morgen Herr Raddatz. Herr Raddatz, wir haben eben einiges vom Netzwerk der El Kaida in Europa gehört, nun treffen die Islamisten unschuldige Zivilisten, die weder dem Islam noch einzelnen Muslimen etwas zuleide getan haben. Warum gehen die Islamisten in ihrem heiligen Krieg, Herr Ulfkotte sprach von diesem Überbau, nicht ausschließlich gegen Soldaten im Irak oder in Afghanistan vor?

Hans-Peter Raddatz: Das ist natürlich eine berechtigte Frage, aber wie Herr Ulfkotte richtigerweise schon sagte, wir haben es hier mit einer gewachsenen Ideologie zu tun, die ihrerseits aus dem Islam kommt. Es ist ja ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, dass man diesen gewalttätigen Islamismus vom eigentlichen Islam trennen könnte. Die beiden sind natürlich ursächlich miteinander verbunden und das führt auch dazu, wie Herr Ulfkotte ebenfalls richtig anmerkte, dass wir vor einem unerschöpflichen Täterreservoir stehen. Denn es ist keineswegs so, wie Herr Blair gestern behauptete, nämlich dass die Muslime weltweit genauso empfinden würden wie wir, nämlich voller Abscheu stünden vor dieser Tat. Dem ist nicht so, denn seit wir Umfragen haben im Nahen Osten über die Einstellung der Masse zu ihren Islamisten, gibt es auch Zahlen, was die mentale Position betrifft und die sehen nicht gut aus. Die zeigt eine deutliche Mehrheit, zum Beispiel nach dem 11. September waren 88 Prozent - dass muss man sich mal vorstellen - sich eins mit den Tätern. Und auch heute, wenn heute oder vor Kurzem noch eine Umfrage kam, im Zusammenhang mit Indonesien, dann liegen die Zahlen im Bereich 75 bis fast hart an 80 Prozent heran. Also, lange Rede, kurzer Sinn, die Muslime an sich sind selbstverständlich keine Täter. Die große Masse von Ihnen will in Ruhe gelassen werden. Sie wehren sich sogar teilweise gegen den Druck der Islamisten in der Region, aber dennoch kommen Sie alle aus einer Ideologie und das ist der Islam.

Liminski: Sie bezeichnen den Islam insgesamt als Ideologie, aber es gibt da sicher auch Unterschiede, Nuancen und es gibt auch Minderheiten, eben friedliche Muslime. Gestern haben schon einige Politiker auch in Deutschland sofort darauf hingewiesen, nicht nur Tony Blair. Tut man diesen Minderheiten, diesen friedlichen Muslimen, nicht Unrecht, wenn man sie sozusagen mit den anderen in einen Topf wirft?

Raddatz: So lange man ihnen keine Plattform gibt, muss man ihnen gezwungenermaßen Unrecht tun, denn sie lässt man ja nicht zu Wort kommen. Bisher hat man wie Herr Ulfkotte ebenfalls - da muss ich ihm auch zustimmen - angemerkt hat, bisher hat man die Moslembruderschaft als eine Repräsentanzform des Islam hier in Europa zugelassen. Man hat sie kaum beobachtet, obwohl sie nachgewiesenermaßen sehr, sehr eng am Terrorfeld sitzt und der erwähnte Sayyid Qutb zum Beispiel oder Maududi, das sind vorzeige Moslembrüder, teilweise sogar Märtyrer dieser Moslembrüderschaft, die wegweisende Bücher geschrieben haben, die heute weltweit im Islam den Terror, den Hass gegen den Westen verbreiten. Und solange wir diesem Dogma nachlaufen, dass Islam nichts anderes als Frieden ist und uns nicht vorstellen können, dass das eine politische Religion ist, die ein eigenes Rechtssystem hat und dieses Rechtssystem auch noch einen absoluten Geltungsanspruch erhebt, solange wir das nicht zur Kenntnis nehmen und energischer vorgehen, gegen die so genannten Ehrenmorde an Frauen, solange werden wir Probleme haben mit den friedliebenden Muslimen insofern, als wir ihnen in der Tat Unrecht tun, aber wir können dem nur dann entgehen, wenn wir den Islam auch als real existierende und tätige Ideologie wahrnehmen.

Liminski: Aus welchen Quellen speist sich eigentlich dieses Denken der Moslembruderschaft? Sie haben einige Namen genannt. Ist denn der Koran eine der Quellen?

Raddatz: Ja, natürlich, die Täter beziehen sich alle auf die einschlägigen Stellen des Koran und es ist deswegen auch allerhöchste Zeit, dass wir mit der Historisierung dieses Buches beginnen, genauso wie wir es vor einigen hundert Jahren mit der Bibel gemacht haben. Im Grunde ist aber eine religiöse Diskussion abzulehnen, denn wir leben hier in einem bekenntnisfreien Staat, in einem so genannten säkularen Staat. Die Religion hat sich zurückgezogen und das zu Recht. Wir blicken selbst auf eine gewalthaltige Geschichte zurück und es ist an uns zu vermeiden, dass sich solches wiederholt, das heißt, sämtliche Religionen haben sich an die hier geltenden Gesetze zu halten und nicht eigene Regeln aufzustellen, zum Beispiel die so genannten Ehrenmorde oder sonstige Einschränkungen und Repressionen an Frauen.

Liminski: Also keine parallelen Gesellschaften, Sie glauben, dass in den Parallelgesellschaften dieses Denken noch vorherrscht?

Raddatz: Ja, sie brauchen ja nur in Berlin und anderen Großstädten in die einschlägigen Viertel zu gehen und dort werden Sie sehen, wie sich in der Tat parallele Strukturen entwickeln mit eigenen Regel. Inzwischen ist es so weit schon - wie ich von der Berliner Polizei immer wieder erzählt bekomme - dass auch immer weniger schwere Straftaten innerhalb der türkischen Gemeinschaft zum Beispiel in Berlin zur Anzeige kommen. Ganz einfach, weil sich dort auch der islamistische Einfluss immer stärker durchsetzt und man schlicht und einfach das umgebene, das eigentliche Rechtswesen nicht anerkennen will, in dem man Straftaten zur Anzeige bringt, sondern intern regelt.

Liminski: Quellen radikalen Denkens, das war der Islamkenner Hans-Peter Raddatz. Besten Dank für das Gespräch.

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