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StartseiteInterviewIsrael-Kritiker Grosser beklagt "Verleumdungen"08.11.2010

Israel-Kritiker Grosser beklagt "Verleumdungen"

Publizist soll Rede zur Reichspogromnacht halten - jüdische Gemeinde empört

In Frankfurt wird er morgen in der Paulskirche sprechen - ausgerechnet er, prominenter Kritiker israelischer Politik: Alfred Grosser, selbst Jude. Dass die jüdische Gemeinde damit nicht einverstanden ist, akzeptiert Grosser - wünscht sich aber Diskussion statt "Verleumdungen".

Alfred Grosser im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Portrait des in Frankfurt geborenen französischen Publizisten Alfred Grosser aus dem Jahre 1982 (AP Archiv)
Portrait des in Frankfurt geborenen französischen Publizisten Alfred Grosser aus dem Jahre 1982 (AP Archiv)
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"Das Differenzieren ist nicht Grossers Stärke"

Tobias Armbrüster: Morgen, am 9. November, wird an vielen Orten in Deutschland der Reichspogromnacht im Jahr 1938 gedacht. Die größte Veranstaltung findet wie jedes Jahr in der Paulskirche in Frankfurt am Main statt mit Vertretern der Bundesregierung und der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Normalerweise sind diese Gedenkstunden kein Anlass für große Kontroversen, aber in diesem Jahr scheint es Krach zu geben, denn die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth, hat als Festredner den französischen Publizisten Alfred Grosser eingeladen, und der ist in weiten Teilen der jüdischen Gemeinde in Deutschland nicht wohl gelitten.

Am Telefon begrüße ich jetzt den Mann, um den es geht: Alfred Grosser. Schönen guten Morgen nach Paris!

Alfred Grosser: Guten Morgen.

Armbrüster: Herr Grosser, ist Ihr Manuskript für morgen schon fertig?

Grosser: Ich habe kein Manuskript. Ich werde einige Zitate bringen, aber sonst spreche ich wie immer frei.

Armbrüster: Worum wird es denn gehen in Ihrer Rede?

Grosser: Um den 9. November 1938, um die Tatsache, dass es mir gelungen ist, 1962 eine furchtbare Broschüre der deutschen Botschaft in Paris zu verhindern, die völlig vergaß in der Geschichte der Botschaft in Paris, dass '33 bis '39 nichts normal war, dass nach dem 9. November eine Kristallnacht stattfand, ein Pogrom. Das wurde alles übergangen und mir ist es gelungen, dieses zurückzuziehen, dass das eingestampft wird. Und einiges mehr über das, was damals geschehen ist.

Und dann, zweiter Teil, das Wesentliche: Es gibt keine deutsche Kollektivschuld und Tausende von Deutschen, also von nicht jüdischen Deutschen, haben jüdischen Deutschen geholfen. Das wird im Allgemeinen übergangen. Und dann vor allen Dingen erzähle ich meine eigene Geschichte, wie es dazu gekommen ist, dass aus dem Begriff der Mitverantwortung für die Zukunft Deutschlands ich eingegriffen habe, damit die deutsche Jugend demokratisch wird.

Armbrüster: Es wird also, wenn ich Sie da richtig verstehe, zum größten Teil um den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte gehen.

Grosser: Und mit meinem Umgang!

Armbrüster: Und um Ihren persönlichen Umgang.

Grosser: Mein Vortrag hat ja einen Titel. Das heißt, dass es um eine Vergangenheit geht, die positiv verwandelt werden soll in Mitverantwortung für die Zukunft.

Armbrüster: Werden Sie denn in Ihrer Rede auch über die Lage im Gaza-Streifen und im Westjordanland sprechen?

Grosser: Ich werde von Israel sprechen und ich dachte, die ganze Diskussion sei jetzt vorbei, nachdem David Grossmann beklatscht worden ist, zurecht, für seine Rede für den Friedenspreis vor ein paar Tagen, also vor ein paar Wochen. Damals sagte Gauck, was die Stellung von Grossmann war – er sagte es auf Englisch, aber Ihr Publikum versteht ja Englisch -, "Right or wrong my country! If it is right let it keep right; if it is wrong let it make right." Das heißt: "Wenn das Vaterland schlecht handelt, lasst uns machen, dass es gut handelt."

In ihrem Buch – das sage ich jetzt im Voraus -, das schöne Buch von Helmut Schmidt und Fritz Stern, das Gesprächsbuch, wundern sich beide darüber, dass man in Deutschland bei jüdischen Verbänden allzu viel sagt, "right or wrong, my Israel!", ohne hinzuzufügen, "it may be wrong".

Armbrüster: Können Sie denn nun verstehen, warum der Zentralrat der Juden morgen lieber einen anderen Redner gesehen hätte in der Paulskirche?

Grosser: Ja, aber sagen wir so: Die Diskussion findet nicht statt. Mein Buch, das anscheinend keiner von denen gelesen hat, das hieß letztes Jahr bei Rowohlt "Von Auschwitz nach Jerusalem" über Deutschland und Israel, wo vieles Kritisches drin war. Das Buch habe ich vorgestellt in München, in Frankfurt, in Berlin, in Hamburg, und immer wurden ausdrücklich die Vorstände der jüdischen Gemeinden eingeladen, um mit mir zu diskutieren, aber keiner kam je, und das ist ein Ding, das ich beklage. Das hat nichts direkt mit der Rede zu tun, dass jetzt keine richtige Diskussion stattfindet, nur ununterbrochen Verleumdungen. Aber das kennen wir hier in Frankreich genauso.

Armbrüster: Ist denn der 9. November, Herr Grosser, tatsächlich ein guter Tag, um über solche Verfehlungen in der israelischen Politik zu sprechen?

Grosser: Ja, denn es geht darum, was der Bundespräsident Köhler vor der Knesset gesagt hat, dass es eine Pflicht der Deutschen ist, überall für Menschenrechte einzugreifen. Das ist ein längeres Zitat, das ich machen werde. Und wenn sie jungen Leuten heute erklären wollen, warum sie sich doch befangen fühlen sollen, die Last der Geschichte fühlen sollen, von Auschwitz bis heute, und viele junge Leute – ich gehe oft in die deutschen Gymnasien, auch in die französischen – wissen gar nicht mehr, warum sie befangen sein sollten, dann ist immer der Grund, dass aus der Vergangenheit, den Verbrechen der Vergangenheit eine Mitverantwortung kommt, damit die Menschenrechte überall bewahrt werden, und das ist in Israel nicht der Fall.

Armbrüster: Gibt es denn einen inneren Zusammenhang zwischen dem Holocaust und der Situation in den von Israel besetzten Gebieten?

Grosser: Es gibt eine Verpflichtung der Deutschen, ja. In der Verpflichtung der Deutschen, und ich erinnere auch daran, dass die Bundesrepublik etwas ganz besonderes in Europa ist, ich hoffe sie bleibt so. Sie ist das einzige Land in Europa, das nicht auf die Nation aufgebaut worden ist, sondern auf eine politische Ethik, die doppelte Ablehnung des Nationalsozialismus in der Vergangenheit und des Stalinismus in der Nachbarschaft. Das ist eine politische Ethik, und dieser Ethik sollte es treu bleiben.

Armbrüster: Herr Grosser, stimmt es, dass in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt niemand wusste, dass Sie eingeladen wurden zu dieser Rede?

Grosser: Das bezweifele ich, denn als Dieter Graumann angenommen hat – es gibt eine Ansprache von Frau Roth, eine Ansprache von Dieter Graumann, dann meine Rede -, kann ich mir nicht vorstellen, dass Dieter Graumann angenommen hat, ohne zu wissen, wer der Redner wäre.

Armbrüster: Das war aus Paris Alfred Grosser, der französische Politologe und Publizist. Vielen Dank für dieses Interview.

Grosser: Danke.

Armbrüster: Herr Grosser wird morgen in der Paulskirche in Frankfurt zum Jahrestag der Reichspogromnacht die Rede halten.

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