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StartseiteInformationen am MorgenProtest gegen geplante Erdgas-Exporte20.09.2018

Israel Protest gegen geplante Erdgas-Exporte

70 Prozent des Stroms produziert Israel durch eigenes Erdgas. Ab 2019 soll der Rohstoff auch exportiert werden - zunächst nach Ägypten und Jordanien und später auch nach Europa. Doch gegen den Bau neuer Erdgas-Raffinerien und Pipelines regt sich Widerstand.

Von Sebastian Engelbrecht

Erdgas-Gegner sitzen in der Nähe des Mittelmeerstrandes zwischen Tel Aviv und Haifa unter Planen. Ihr Erkennungszeichen, der Totenkopf ist auf Öltonnen, Plakaten und Auto-Fähnche zu sehen. (Deutschlandradio/ Sebastian Engelbrecht)
Der Totenkopf, das Erkennungszeichen der israelischen Erdgas-Gegner prangt auf Öltonnen, Plakaten und Auto-Fähnchen (Deutschlandradio/ Sebastian Engelbrecht)
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Zelte haben sie aufgebaut, die Erdgas-Gegner. 200 Meter entfernt vom Mittelmeerstrand, zwischen Tel Aviv und Haifa. Sie kampieren auf der Baustelle einer Erdgasleitung, zwischen meterdicken weißen Rohren. So verhindern sie, dass weiter an einer neuen Erdgasleitung gebaut wird. Ihr Erkennungszeichen ist der Totenkopf. Er prangt - warnend in Weiß - auf schwarzen Öltonnen, auf mannshohen Plakaten und Auto-Fähnchen.

"Das hier ist ein Aufstand des ganzen israelischen Volkes, ganz Israel ist in Gefahr, die Strände von ganz Israel sind in Gefahr, die Luft von ganz Israel ist in Gefahr."

Joni Sappir, ein Mann Mitte 40 mit Totenkopf auf dem T-Shirt, hat die Anti-Gas-Bewegung im Oktober 2017 gegründet. Jetzt folgen ihm hunderte, die meisten wohnen hier an der Küste. Sie wollen den Bau einer Erdgasraffinerie auf See, zehn Kilometer vom Strand entfernt, verhindern. Das Ungeheuer aus Stahl am Horizont würde den Blick stören, findet Avia Meir.

"Wir wohnen wirklich gleich am Meer, einen Kilometer von der Küste entfernt. Wir sehen das Meer von Zuhause aus. Ich gehe jeden Morgen ans Meer, schwimme oder laufe, je nach Wind und Wetter."

Avia Meir fürchtet, dass die Gasraffinerie Meerwasser und Luft verschmutzen wird. Und sie warnt vor unabsehbaren Folgen bei Erdbeben, Raketenangriffen aus dem Libanon und Pipelinebrüchen.

"Sie bauen uns da eine Raffinerie, die 30 mal so groß ist wie eine übliche Raffinerie. Sie wird nahe sein und wird uns das ganze Meer kaputt machen. Ich weiß nicht, ob ich dann noch schwimmen gehen kann, meine Kinder schwimmen gehen lassen kann."

Israelischen Elektrizitätswerke verbrennen 70 Prozent Erdgas

Ist das wahr, was die Gegner sagen? Begleitet vom israelischen Informationssender "Reschet Bet" fahre ich nach Jerusalem, zu Energieminister Yuval Steinitz.

"Das Gas ist hundertmal sauberer im Blick auf Luftreinhaltung und die menschliche Gesundheit als Kohle. Und das Gas, das aus dem Gasfeld 'Leviathan' gewonnen wird, soll eben die Kohle ersetzen, die wirklich Menschen tötet! Gut, ich kann verstehen, dass einige Leute so eine Gasaufbereitungsanlage in zehn Kilometer Entfernung nicht sehen wollen, aber wir tun etwas, das für alle Bürger Israels gut ist und nicht nur für die Bürger, die dort am Meer wohnen."

Die israelischen Elektrizitätswerke verbrennen inzwischen bis zu 70 Prozent Erdgas. Und blasen tatsächlich sichtbar weniger Schadstoffe in die Luft als vor ein paar Jahren.

Fahren wir weiter - nach Aschdod, eine israelische Großstadt an der Küste zwischen Tel Aviv und Gaza. Ido Elman, ein muskulöser Typ mit Glatze, begrüßt uns in der ersten Gasraffinerie Israels, seit 2007 betrieben von dem US-amerikanischen Konzern Noble Energy. Die Anlage ist ein Hochsicherheitsbereich.

"Das ist der Funktionsbereich der Anlage. Wenn Sie hier reinwollen, dann ist das möglich, aber man braucht natürlich die richtige Ausrüstung dafür."

Besucher müssen einen knallroten feuerfesten Ganzkörperanzug anziehen, Schutzbrille, Helm und Arbeitsschuhe. Funktelefone, Mikrofone und Kameras sind beim Rundgang verboten.

30 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt

Von einer Aussichtsplattform aus überblickt man ein Gewirr aus gelben Gerüsten, grauen Rohren, Betonwänden und Tanks, bewacht von Männern mit Maschinengewehren um den Hals und Sonnenbrillen im Gesicht. Hier wird das Erdgas getrocknet, gereinigt und ins israelische Gasnetz gepumpt. Ein flüssiger, giftiger Rest, genannt "Kondensat", wird in Tanks aufgefangen und an eine Ölraffinerie weitergegeben. Moran El Am, Chef der Anlage, ist stolz, dass es seit 2007 keinen ernsten Zwischenfall gab.

"Alles wird geprüft, der Druck, die Transmitter. Wenn es bei einem Gefäß einen Wert gibt, der von der Norm abweicht, wird sofort ein Alarm ausgelöst. Dann kann ich überprüfen, was passiert ist. Bis jetzt - toi, toi, toi - hatten wir keinen Vorfall, den wir nicht rechtzeitig behandelt hätten, und es gab keinerlei Verschmutzung der Umwelt."

Bislang blieb die Erdgasanlage von Raketen aus dem Gaza-Streifen verschont. Gaza liegt nur 30 Kilometer südlich.

"Das ist ein Problem. Aber auch dieser Ort ist abgesichert auf verschiedene Art und Weise, worauf ich hier nicht näher eingehen will."

Eine Raffinerieanlage wie diese entsteht nun weiter nördlich auf See - unter Protesten. Von den Gefahren für die Umwelt, die die Gegner befürchten, ist hier nichts zu sehen.

Dennoch kämpfen die Gegner weiter, inzwischen aber nicht mehr an der Küste, sondern im Zentrum von Tel Aviv. Auf Ihren Transparenten sprechen sie den Energieminister an: "Steinitz, vergifte uns nicht".

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