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StartseiteInformationen am MorgenProteste gegen Rassismus und Polizeigewalt04.05.2015

IsraelProteste gegen Rassismus und Polizeigewalt

Es flogen Steine, Stühle und Flaschen: In Tel Aviv haben sich aus Äthiopien stammende Juden Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften geliefert. Hintergrund des Aufruhrs ist ein Handyvideo, das die Misshandlung eines äthiopischstämmigen israelischen Soldaten durch Polizisten zeigt.

Von Christian Wagner, Tel Aviv

Ein verwundeter Israeli äthiopischen Ursprungs nach Protesten in Tel Aviv (dpa / Daniel Bar On)
Ein verwundeter Israeli äthiopischen Ursprungs nach Protesten in Tel Aviv (dpa / Daniel Bar On)
Weiterführende Information

Völkermord an den Herero - "Wir haben Anspruch auf Anerkennung und auf Reparationen"
(Deutschlandfunk, Interview, 28.04.2015)

Gaza-Konflikt - UNO: Israel für Angriffe auf Schulen verantwortlich
(Deutschlandfunk, Aktuell, 27.04.2015)

Jerusalem - "Die Spaltung der Stadt hat zugenommen"
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 23.04.2015)

Palästinensische Flüchtlinge - Keine Zukunft in Gaza
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 23.04.2015)

Zerstörte Schaufenster, umgestürzte Autos, überall Steine: Tränengas zieht über den Rabinplatz im Zentrum von Tel Aviv. Der Protest der äthiopischen Israelis und die gewaltsamen Ausschreitungen mit der Polizei haben die Stadt am Mittelmeer unvorbereitet getroffen. Berittene Polizisten setzten Blend- und Brandgranaten ein, um die Menschen auseinander zu treiben.

Polizei setzte Pfefferspray und Tränengas ein

Es waren mehrere Tausende Äthiopier, die ihrer Wut über Diskriminierung, Rassismus und Polizeigewalt Luft machen wollten. Gestern Nachmittag marschierten sie über den Ayalon und blockierten die Stadtautobahn von Tel Aviv für Stunden. Ihr Slogan: "Weder schwarz noch weiß, nur Mensch". Viele kreuzten die Hände über dem Kopf, als trügen sie Handschellen. Dann zogen sie zum Rathaus. Einige sollen versucht haben, ins Gebäude zu kommen. Die israelische Polizei in Kampfmontur setzte Pfefferspray, später auch Tränengas und extrem laute Schockgranaten ein - außerdem auch Wasserwerfer.

Auch weit nach Mitternacht dröhnte über der Innenstadt von Tel Aviv Polizeihubschrauber.  Warum dieser Protest, warum die Gewalt? Fentahun Assefa-Dawit von der äthiopischen Einwandererorganisation Tebeka:

"Wenn es einfach zu viel wird, sprechen wir ja vom Strohhalm, der dem überladenen Kamel den Rücken bricht. An diesem Punkt sind wir jetzt, nachdem am vergangenen Sonntag ein israelischer Soldat äthiopischer Abstammung brutal von zwei Polizisten zusammengeschlagen wurde. Von denen, die hier demonstrieren, haben viele ähnliche Polizeigewalt erlebt."

Handyvideo löst Proteste aus

Der Soldat trug Uniform. Die Aufnahme einer Handykamera zeigt, wie zwei israelische Polizeibeamte in Cholon südlich von Tel Aviv auf den jungen Mann mit der dunklen Hautfarbe einprügeln. Die Beamten waren mit einer verdächtigen Tasche beschäftigt, fürchteten einen Sprengsatz. Der Soldat folgte nicht schnell genug ihrer Aufforderung zu gehen. Seitdem gab es eine Demonstration in Jerusalem. Auch die lief aus dem Ruder, es gab Ausschreitungen. Drei Tage später erreicht der Protest der Äthiopier Tel Aviv. Sie fordern, brutale Polizisten gehörten in Haft. Am Anfang bleibt es friedlich, dann fliegen Steine, Flaschen, Stühle. Mehr als 20 Polizeibeamte werden verletzt. Israels Polizeichef Jochanan Danino sagt, die Geduld sei erschöpft. Eine kleine Gruppe nutze die Zurückhaltung der Polizei immer wieder für Gewalt und Zerstörungswut aus. 

Klein ist die Gruppe der jüdischen Äthiopier in Israel tatsächlich. Die Angaben schwanken zwischen 120.000 und 135.000. In den 80er-Jahren kamen sie in zwei Auswanderungswellen nach Israel. Sie sind Außenseiter geblieben, klagen über Diskriminierung, offenen Rassismus und Armut. Der amtierende Ministerpräsident Netanjahu trägt noch am Abend seinen Minister für innere Sicherheit auf, die Unruhen müssten gestoppt werden. Heute will er mit Vertretern der Äthiopier in Israel sprechen, auch mit dem jungen Soldaten, der vor einer Woche zum Opfer von Polizeigewalt wurde.

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