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StartseiteKultur heuteKünstler in der Klemme 04.01.2019

Israelische KulturpolitikKünstler in der Klemme

Israels Künstler stehen gleich doppelt unter Druck: Im eigenen Land sorgt die Politik der israelischen Kulturministerin für schlechte Stimmung. Und im Ausland fühlen sie sich diskriminiert, weil sie Israelis sind. Eine Bestandsaufnahme in der Kulturszene von Tel Aviv.

Von Christian Gampert

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Israels Kulturministerin Miri Regev, Reservistin bei der Armee, hat angekündigt, Mittel für die Künstler zu streichen, die den Staat "diffamierten".  (Jerusalem, June 21, 2015) (EPA/Dan Balilty)
Findet unter israelischen Künstlern kaum Sympathisanten: Israels Kulturministerin Miri Regev (EPA/Dan Balilty)
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Die israelische Kulturministerin Miri Regev ist nicht gerade beliebt bei jenen, für die sie qua Amtes zuständig ist: bei den Künstlern. Durch das neue Gesetzesvorhaben fühlen sich nicht nur Sympathisanten der palästinensischen Sache in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt, sondern fast alle. Sie kenne niemanden, der dieses Gesetz gut finde, sagt Gaby Aldor, eine der Leiterinnen des "Arab-Hebrew Theatre" in Jaffa. Zudem sei Miri Regev nicht kompetent.

"Sie gehen doch nicht ins Theater, diese Leute. Die Miri Regev war nie im Theater. Oder vielleicht war sie im Nationaltheater und hat dort eine amerikanische Komödie gesehen." Das Gesetz sei ein Erpressungsversuch und verschlechtere die gesamte Atmosphäre im Land, sagt Aldor.

Gleichzeitig zeigt jedoch die hochoffizielle "International Dance Exposure" in Tel Aviv ein neues Stück der Choreographin Yasmeen Godder: Israels Einsatz von Waffen während des letzten Palästinenser-Aufstands an der Gaza-Grenze wird da drastisch dargestellt und kritisiert. Godder bekommt trotzdem staatliche Gelder. Wie sind solche Widersprüche zu erklären?

Dana Yahalomi von der Aktionstheatergruppe "Public Movement" sagt ganz offen: Miri Regev betreibe Symbolpolitik. "Sogar der oberste Gerichtshof hat gesagt: Frau Regev hat keinerlei Handhabe, ihr Gesetz in der Praxis durchzusetzen. Deshalb ist die ganze Idee eher symbolisch. Keiner von uns Künstlern wird seine staatliche Förderung verlieren. Das Problem ist eher, dass sie als Kulturministerin uns als Kollaborateure bezeichnet – und das sind wir nicht."

Diskriminierungen an der Tagesordnung

Die in Israel sehr bekannte Filmschauspielerin und Tänzerin Renana Raz sieht ihre Arbeit als politisches Statement – etwa ihr Stück über den letzten Gaza-Krieg: "Die Regierungspolitik will die Israelis in kleine Gruppen zersplittern. Und die erste Gruppe, die du als Verräter brandmarkst, sind die Künstler. Denn die Künstler bieten eine Alternative zum gewöhnlichen Denken."

Aber ausgerechnet diejenigen, die in Israel in Opposition zur Regierung stehen, werden im Ausland - fälschlicherweise - als Repräsentanten dieser Regierung gesehen. Immer wieder werden israelische Wissenschaftler von Kongressen und Symposien ausgeschlossen, vor allem in Skandinavien und England. Im März 2018 wurde die Tänzerin und Choreographin Adi Shildan vom Osloer "Feminine Tripper"-Festival ausgeschlossen, weil sie israelische Staatsbürgerin ist. Besonders absurd ist, dass sich dieses Festival die Frauenrechte auf die Fahnen geschrieben hat - und dass Shildan derzeit vor allem in Berlin lebt.

Adi Shildan berichtete auf einer Podiumsdiskussion in Tel Aviv von dem Vorfall, aber sie glaubt, ebenso wie ihr Choreographen-Kollege Hillel Kogan, dass solche Diskriminierungen für Israelis halt an der Tagesordnung seien und dass man damit umgehen müsse - wie auch mit den ständigen Vorstellungsstörungen im Ausland, die meist vom palästinensisch dominierten "BDS" organisiert sind. Diese Organisation, "Boycott, Divestment and Sanctions", ruft zum Boykott israelischer Waren, Geschäfte, Handelsbeziehungen und eben auch israelischer Künstler auf. In ihren Veröffentlichungen heißt es, Israel müsse die "Besetzung und Besiedlung allen arabischen Landes" beenden - also auch des israelischen Staatsgebiets.

Berlin als Alternative 

Hillel Kogan, der sich in seinen Stücken derzeit mehr für die Gender-Thematik interessiert, hat zu Miri Regev allerdings eine pragmatische und - in Künstlerkreisen - ziemlich abweichende Meinung parat: "Ich glaube, die Mehrheit der Israelis ist mit Miri Regev einer Meinung. Sie wollen dieses Gesetz. Aber das ist eine globale Tendenz überall auf der Welt, und ich bedauere es, hier zur Minderheit zu gehören." Und Kogan hat nicht unbedingt Lust zu kämpfen. Seine Stücke seien noch nie zensiert worden, vielleicht auch, weil sie eher witzig sind.

Viele israelische Künstler leben derzeit in Berlin, wegen der Atmosphäre, aber auch wegen der - im Vergleich zu Tel Aviv - billigeren Mieten. Kogan will in Israel bleiben, mit und trotz Miri Regev.

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