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StartseiteInformationen am MittagDie verschwundenen Flüchtlinge01.02.2016

ItalienDie verschwundenen Flüchtlinge

Immer wieder verschwinden Flüchtlinge, die es nach Europa geschafft haben. In Italien sind vor allem Minderjährige betroffen. Die Hilfsorganisation "Save the children" befürchtet, dass viele Opfer von Erpressung, Menschenhandel und Ausbeutung werden.

Von Tilmann Kleinjung

Afrikanische Flüchtlinge auf Sizilien sind in Wärmedecken eingehüllt. (picture alliance / dpa / Olivier Corsan)
Afrikanische Flüchtlinge auf Sizilien sind in Wärmedecken eingehüllt. (picture alliance / dpa / Olivier Corsan)
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Ein rätselhaftes und vor allem verstörendes Phänomen der Flucht übers Mittelmeer: Immer wieder verschwinden minderjährige Bootsflüchtlinge, in Italien mehr als 5.000, meldet Europol. Viele, vor allem männliche Jugendliche, machen sich auf eigene Faust auf den Weg zu Verwandten in Europa. Doch Hilfsorganisationen fürchten, dass etliche Kinder und Jugendliche Opfer von Erpressung, Menschenhandel und Ausbeutung werden. "Save the children" hat herausgefunden, dass das Risiko versklavt zu werden für nigerianische Mädchen und ägyptische Jugendliche besonders hoch ist.

Eine Einrichtung der italienischen Caritas für minderjährige Flüchtlinge vor den Toren Palermos. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren stehen auf dem Balkon des Hauses und spielen Tischkicker spielen. Psychologin Anna Cullotta legt Wert auf ein offenes Klima. Jeder kann gehen und kommen, wie es ihm gefällt. Und immer wieder passiert es, dass Anna Cullotta von einem auf den anderen Tag feststellen muss: Da fehlt jemand.

Erklärung oft harmlos

"Hier hat es Personen gegeben, die angekommen sind und schon am nächsten Tag nicht mehr da waren. Manchmal sagen sie es uns und wir erklären ihnen sogar den Weg zum Bahnhof."

In den vergangenen zwei Jahren sind 10.000 minderjährige Flüchtlinge verschwunden, meldet die europäische Polizeibehörde Europol. Allein in Italien fehlt von mehr als 5000 Kindern und Jugendlichen jede Spur.

"Oft ist die Erklärung harmlos", sagt Carlotta Bellini von der Hilfsorganisation "Save the children". "Sie verschwinden oft schon nach wenigen Stunden aus dem Hafen, wo sie ankommen, um vor allem Richtung Rom oder Mailand weiterzufahren. Von dort organisieren sie ihre Weiterfahrt in andere europäische Länder. Ihr bevorzugtes Ziel ist Deutschland."

Junge Männer, die sich auf eigene Faust auf den Weg machen, auf der Suche nach Verwandten im Ausland oder nach Arbeit. "Save the children" hat festgestellt, dass vor allem junge Ägypter unter menschenunwürdigen Bedingungen in Italien arbeiten. Jugendliche, die eigentlich in die Schule gehören und nicht auf die Baustelle oder in den Großmarkt.

"Weil sie Geld nach Hause schicken müssen, nehmen sie jede Arbeit an. Man kann sie auf dem Obst- und Gemüsegroßmarkt finden, wo sie ausgenutzt werden und ein, zwei Euro die Stunde verdienen. Oft arbeiten sie 12 Stunden am Stück."

Kinder müssen Schuld der Eltern abarbeiten

Um die Kinder nach Europa schicken zu können, haben sich die Eltern verschuldet. Und die Kinder müssen diese Schuld in Europa abarbeiten. Auch das ist Teil des kriminellen Schleppergeschäfts. Besonders gefährdet sind junge Mädchen aus Nigeria. Sie werden häufig  Opfer von Menschenhändlern, sagt Carlotta Bellini.

"Sie landen in Hotels oder Pensionen. Viel öfter noch auf dem Straßenstrich. An diese Mädchen kommt man praktisch nicht heran. Sie werden streng kontrolliert, nicht nur von Männern, auch von Frauen, den sogenannten 'Mamans'. Die halten den Kontakt zu den verschiedenen Männern aus Libyen oder Nigeria, die die Mädchen kaufen und verkaufen."

Italien scheint dem Phänomen der verschwundenen Flüchtlingskinder wenig entgegensetzen zu können und zu wollen. Hilfsorganisationen wie "Save the children" fordern mehr Kontrollen und vor allem mehr Plätze in Aufnahmeeinrichtungen für Minderjährige.

Das Haus der Caritas in Palermo gilt da als vorbildlich. Hier erhalten die Jugendlichen aus Afrika Sprachunterricht, Rechtsberatung und therapeutische Angebote. In ein Gefängnis will Anna Cullotta ihr Haus nicht verwandeln.

"Die Türen bleiben immer offen. Die Jugendlichen wissen, dass dies kein geschlossenes Lager ist. Es ist ein Aufnahmezentrum und wir versuchen, ihnen zu vermitteln, dass das eine Chance für sie ist."

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