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StartseiteKultur heute"Wir wissen nicht, wie wir ohne staatliche Hilfe auskommen sollen"05.02.2019

Italien kürzt Kulturetat"Wir wissen nicht, wie wir ohne staatliche Hilfe auskommen sollen"

Italiens Kulturminister Alberto Bonisoli versprach nach seiner Nominierung „viel mehr Gelder für die Kultur“. Jetzt kürzt er, wo es geht. Auch die Mittel für das Diagnose-Laboratorium in Spoleto. Die wichtige Institution forscht zum Schutz der Kulturgüter vor Erdbeben. Jetzt steht sie vor dem Aus.

Von Thomas Migge

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Ein zerstörtes Gebäude in L'Aquila nach dem Erdbeben in Mittelitalien am 30. Oktober 2016. (picture alliance / dpa / Claudio Lattanzio)
Zur Rettung beschädigter Kulturgüter gibt es in Italien kaum noch Geld (picture alliance / dpa / Claudio Lattanzio)
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In einer Halle erheben sich zwei Mauern. Die eine besteht aus Basalt, die andere aus leichtem vulkanischen Tuffstein. Beide Mauern sind von einem engmaschigen Drahtgestell umgeben und stehen auf rechteckigen Fußbodenplatten. Die Platten beginnen sich zu bewegen. Beide Mauern wackeln besorgniserregend. Die Mauer aus Tuffstein zeigt schon nach zwei, drei Sekunden tiefe Risse. Erdbebenforscher Gerardo De Canio überwacht das Experiment:

"Wir beobachten beide Mauertypen, die repräsentativ sind für die meisten historischen Bauwerke in italienischen Erdbebengebieten. Wir testen hier wie sich Haupt- und Nachbeben auf dieses Mauerwerk auswirken."

Landkarte zeigt bedrohtes Mauerwerk an

Diese Tests sind Teil der Vorarbeiten für eine so genannte Risikolandkarte. Sie wird vom Diagnose-Laboratorium im umbrischen Spoleto erstellt. Die erste Landkarte, die präzise, Auskunft darüber geben soll, in welchen Orten bei Erdbeben historisches Mauerwerk einzustürzen droht. Die Landkarte soll dem Kulturministerium und den Regionen ermöglichen, gezielt alte Bauwerke erdbebensicher  zu machen  – und zwar rechtzeitig bevor die Erde wackelt.

Doch ob die Risikolandkarte überhaupt fertig gestellt werden kann, ist unsicher. Das Diagnose-Laboratorium in Spoleto wird ab diesem Jahr nicht mehr vom Kulturministerium mitfinanziert.  Und die anderen Geldgeber, die Regionen Latium und Umbrien, verfügen nicht über die nötigen Finanzmittel, um die kostspielige Institution alleine am Leben zu erhalten. Die Mitarbeiter des Diagnosezentrums sind besorgt, so auch der Urbanist Sandro Simoncini:

"Wir brauchen Zeit, um diese wichtigen Arbeiten fertigstellen zu können. Nur so können wir Prognosen zur Statik von historischen Bauwerken in sämtlichen italienischen Erdbebengebieten erstellen, und mit dem Wiederaufbau zerstörter Gebäude beginnen."

Beschädigte Kunstwerke werden restauriert

Das 1997 nach einem katastrophalen Beben in Mittelitalien geschaffene Diagnose-Laboratorium erfüllt seit über zwei Jahrzehnten wichtige Aufgaben. Neben der Erfassung der Statik historischer Bauwerke werden Restaurierungsmöglichkeiten erforscht und getestet, die, wenn nötig, diese Gebäude erdebensicher machen sollen. Außerdem restaurieren die rund 100 Mitarbeiter auch beschädigte Kunstwerke.

Die Kunsthistorikerin Vittoria Garibaldi ist stellvertretende Direktorin des Laboratoriums:

"Wir kümmern uns um Kunstwerke, die seit Jahrzehnten in Depots untergebracht sind. Wie etwa Gemälde und Skulpturen, die nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien im Jahr 1979 aus den Ruinen gerettet wurden. Momentan werden bei uns 1.160 Kunstwerke restauriert."

In verschiedenen Depots in ganz Italien warten derzeit zehntausende Kunstwerke auf ihre Restaurierung. Sie alle sind in Folge von Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Institut in Spoleto kann sich nicht um diese vielen "Patienten", wie Vittoria Garibaldi die beschädigten Werke nennt, kümmern.

Wissenschaftler fordern mehr statt weniger Geld

Anstatt Finanzmittel zu kürzen oder sogar ganz zu streichen, fordert die Kunsthistorikerin, müsse das Kulturministerium viel mehr Geld in die Rettung dieser Schätze investieren. Und auch in die kostspieligen Technologien, die nötig sind, um die Auswirkungen von Erdbeben auf altes Mauerwerk, zu erforschen.

Auch Umbriens Kulturassessorin Fernanda Cecchini ist angesichts der unsicheren Zukunft des Diagnose-Laboratoriums verzweifelt:

"Es wäre eine feine Sache, wenn das Kulturministerium endlich mal konkret Position beziehen würde, und sich erklärt, warum ausgerechnet in diesem Bereich gespart werden soll. Wir wissen nicht, wie wir die sechs Millionen Euro, die wir jedes Jahr für unsere Projekte benötigen, ohne staatliche Hilfe aus Rom zusammen bekommen sollen."

Cecchini sowie zahlreiche Kunsthistoriker, Restauratoren und Kulturpolitiker fordern den amtierenden Kulturminister in Rom dazu auf, sich zum Fall des Diagnose-Laboratoriums in Spoleto zu äußern. Doch Alberto Bonisoli schweigt.

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