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StartseiteEuropa heuteItalien? Nein danke!10.05.2010

Italien? Nein danke!

Italien droht eine Emigrationswelle

Schlechte Bezahlung, befristete Verträge und eine unsichere Zukunft. Junge Arbeitnehmer in Italien haben die Nase voll und kehren der Heimat den Rücken. Die Folge: Italien ist drauf und dran, seine Elite zu verlieren.

Von Nadja Fischer

Immer mehr junge Italiener verlassen das Land. (AP)
Immer mehr junge Italiener verlassen das Land. (AP)

"Junge Talente" heißt die Sendung, die samstags um 15 Uhr auf "Radio 24" zu hören ist. Moderator Sergio Nava interviewt jede Woche italienische Studienabgänger - per Telefon. Denn die jungen Talente haben ihrer Heimat längst den Rücken gekehrt.

Ein junger italienischer Architekt, der seit einem Jahr in Dubai arbeitet. Eine Krebsforscherin, die an einem renommierten Zentrum in Madrid angestellt ist. So unterschiedlich die Lebensläufe sind: die neuen Emigranten sind sich einig: Zurück nach Italien? Nein danke.
Über 200.000 Studienabgänger haben gemäß offizieller Statistik in den letzten zehn Jahren Italien verlassen - das sind viermal mehr als im Jahrzehnt zuvor.

Arianna Catizone ist 28 Jahre alt und hat Kunstgeschichte studiert. Sie jobbt zurzeit als Italienisch-Lehrerin für Ausländer und zählt damit zu den Privilegierten, die überhaupt eine Arbeit haben. Trotzdem will sie Italien verlassen.

"Ich habe einen befristeten Vertrag und verdiene durchschnittlich 600 Euro im Monat. Das reicht nirgendwohin. Ich lebe von Monat zu Monat - an Zukunftspläne ist nicht zu denken. Keiner meiner Freunde hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag. In Italien traut man uns Jungen nichts zu. Überhaupt zählt hier nicht die Leistung: Weiter kommt allenfalls, wer die richtigen Beziehungen hat.
Ich habe vor ein paar Monaten realisiert: Ich muss dringend weg von hier."

Arianna Catizone hat sich vor ein paar Monaten ein Flugticket Rom-Madrid gekauft. Sie träumt davon, in Madrid eine Stelle im Kunstbereich zu finden. Dass Spanien im Moment alles andere als ein Arbeits-Eldorado ist, sei ihr bewusst. Doch in Italien zu bleiben, sei für sie keine Alternative.

Ans Auswandern denkt auch Alessia Ferretti. Sie ist Spezialistin für Raumplanung an der römischen Universität La Sapienza, Mutter zweier Kinder und 38 Jahre alt: Von einer Festanstellung kann aber auch sie nur träumen.

"Ich habe einen Projektvertrag und erfahre erst nach Ablauf der Frist, wieviel ich verdiene. Das bedeutet: Ich erhalte monatelang keinen Lohn. Wir leben zurzeit vom Gehalt meines Mannes, der ebenfalls Wissenschaftler ist und 1200 Euro verdient. Wir überlegen uns, in Paris Arbeit zu suchen. Dort verdient man in ähnlicher Position das Doppelte."

Super flexibel und mies bezahlt. 13 Prozent der Italiener arbeiten laut offiziellen Zahlen der Regierung unter solch prekären Bedingungen. Tendenz stark steigend. Denn ältere Arbeitnehmer mit festen Verträgen gehen in Rente und werden durch junge, flexible ersetzt, wie Fulvio Fammoni erklärt. Er ist Arbeitsmarktexperte und Zentralsekretär der größten Gewerkschaft CGIL.

"70 Prozent der Arbeitsverträge, die letztes Jahr neu ausgestellt wurden, waren zeitlich befristet. In der Privatwirtschaft, aber auch an Schulen und Universitäten gibt es kaum mehr Festangestellte. Die modernen Angestellten sind sozial kaum geschützt und ihrem Arbeitgeber komplett ausgeliefert. Das ist eine Form von modernem Feudalsystem."

Paradoxerweise sind diese befristeten Verträge eine Erfindung der linken Prodi-Regierung: Sie wollte Ende der 90er-Jahre Arbeitgeber motivieren, Studienabgängern eine Chance zu geben und für eine bestimmte Zeit zu testen. Inzwischen ist klar: Das Instrument, das den Berufseinstieg hätte erleichtern sollen, treibt heute Italiens Jugend ins Ausland.

Dass Italien drauf und dran ist, seine Elite zu verlieren, hat nun auch die Regierung erkannt. Das italienische Parlament soll noch im Mai über ein Gesetz debattieren, das junge Italiener mit Steuerbegünstigungen zurück in die Heimat locken soll. Ob ein solcher Anreiz reicht, um die Emigrierten zur Rückkehr zu überzeugen, ist mehr als fraglich. Zumindest aber stehen sowohl, rechte als auch linke Parlamentarier in seltener Harmonie hinter dem Gesetz. Und das könnte ein Signal sein. Ein Zeichen dafür, dass Italien beginnt, seine Jugend ernstzunehmen.

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