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StartseiteKultur heuteSchwieriges Land für zeitgenössische Architekten05.12.2016

ItalienSchwieriges Land für zeitgenössische Architekten

774 Millionen Euro für ein 650 mal 60 Meter großes und 10 Meter tiefes Loch: Darin sollte in Florenz ein moderner Bahnhof entstehen, entworfen von dem britischen Stararchitekten Norman Foster. Doch nun wurde das Projekt ad acta gelegt - das kommt in Italien häufiger vor.

Von Thomas Migge

Norman Foster (dpa / picture alliance / Guillaume Horcajuelo)
Der Architekt Norman Foster soll extrem verärgert sein, dass sein Bahnhofsprojekt nun ad acta gelegt wurde. (dpa / picture alliance / Guillaume Horcajuelo)
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"Wir nahmen uns das Projekt noch einmal vor. Und da wurde uns klar, dass sich die Verkehrstechnologie in den vergangenen 20 Jahren geändert hat. Und so fahren unsere Züge heute schneller und sicherer als früher."

Und deshalb, so Italiens Infrastruktur- und Transportminister Graziano Delrio, braucht man keinen neuen Hochgeschwindigkeitsbahnhof am Stadtrand von Florenz. Fosters Bahnhof ist unnütz geworden. Die bereits seit Monaten ruhenden Bauarbeiten wurden jetzt komplett abgebrochen.

Schon vor 20 Jahren sprachen Verkehrsexperten von einem unsinnigen Bauprojekt. Doch damals setzten die Politiker auf die komplette Modernisierung des Schienennetzes plus neuer Bahnhöfe. So entstand etwa in Rom die neue Stazione Tiburtina. Der radikalminimalistische Bau, in Form eines Rechtecks, das quer über den Schienen zu schweben scheint, ist ein Entwurf des Architekturbüros ABDR Architetti Associati.

Foster-Baustelle zog sich in die Länge

Die Realisierung der "Stazione Foster" in Florenz zog sich in die Länge: Streiks, steigende Kosten, polizeiliche Ermittlungen wegen des Verdachts der Korruption etc. Gearbeitet wurde nur mit langen Unterbrechungen. Mit den Jahren wurde den Verantwortlichen bei den Staatsbahnen und in der Politik klar, dass man den teuren Bahnhof eigentlich gar nicht braucht. Dario Nardella, Bürgermeister von Florenz erklärte kürzlich:

"Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich keinen Sinn in diesem teuren Projekt sehe."

Die architektonisch interessante Stazione Tiburtina in Rom erwies sich verkehrstechnisch als sinnlos. Römer und Rom-Touristen nutzen vor allem den Hauptbahnhof in der Innenstadt. Weil man in Florenz für Fosters neuen Bahnhof das gleiche Schicksal befürchtete, beschlossen Bürgermeister Nardella und die Regierung in Rom auf einen Weiterbau zu verzichten. 774 Millionen Euro wurden also unnötig ausgegeben. Foster soll extrem verärgert sein. Öffentlich will er sich zum Fall Florenz nicht äußern.

Fosters römischer Kollege Massimiliano Fuksas schweigt nicht. Ganze acht Jahre brauchte man in Rom zum Bau des von ihm entworfenen Kongresszentrums in Form einer Wolke:

"Ich baue Flughäfen und Hochhäuser weltweit. Und hier in Italien? In vielen Jahres der Realisierung meines Kongresszentrums musste ich mich mit gleich vier Bürgermeistern herumschlagen!"

Aber Fuksas hatte Glück: Sein Kongresszentrum wurde fertiggestellt. Seit einigen Wochen besitzt Rom ein neues architektonisches Highlight.

Calatrava-Baustelle verrottet

Santiago Calatrava hat dieses Glück nicht. 2007 entschieden Roms Stadtverwaltung und die Regierung den Bau einer groß angelegten "Stadt des Sports" am südlichen Stadtrand: mit verschiedenen Sportstätten. Der spanische Architekt entwarf, ganz in seinem Stil, organisch-futuristisch anmutende Bauwerke. Allerdings nur die Schwimmhalle wurde errichtet, aber bisher auch noch nicht fertiggestellt. Bei einem Besuch vor wenigen Tagen in Rom auf der brachliegenden Baustelle gab sich Calatrava zweckoptimistisch:

"Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Bauten fertiggestellt werden. Noch keiner meiner Entwürfe wurde nicht komplett ausgeführt."

Doch die gigantischen Stahlträger der Calatrava-Bauten rosten vor sich hin. Gras und Büsche wachsen überall und nach Einbruch der Dunkelheit machen Drogenhändler die Gegend unsicher. 330 Millionen Euro Steuergelder wurden bisher ausgegeben und müssen wahrscheinlich abgeschrieben werden: Die politisch Verantwortlichen haben kein Interesse mehr an der "Stadt des Sports". Sie träumen von einem anderen großen Bauwerk: einer Megabrücke, die Kalabrien mit Sizilien verbinden soll. Für die ersten Entwürfe wurden bereits mehr als 400 Millionen Euro ausgegeben.

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