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StartseiteEuropa heuteVolkszorn und Mistgabeln18.12.2013

ItalienVolkszorn und Mistgabeln

400.000 Arbeitsplätze sind in Italien im letzten Jahr verloren gegangen, eine Million Menschen unter 30 Jahre sucht eine Beschäftigung: Die Geduld der Italiener mit ihren Politikern ist am Ende. Die Massen folgen der "Mistgabel"-Bewegung zu Protesten auf die Straße.

Von Tilmann Kleinjung

Anhänger der Mistgabel-Bewegung protestieren in Mailand ((picture alliance / dpa / Fotograf: Daniele Mascolo))
Anhänger der Mistgabel-Bewegung protestieren in Mailand ((picture alliance / dpa / Fotograf: Daniele Mascolo))
Weiterführende Information

Italiens neuer Haushalt soll Wirtschaft ankurbeln (Deutschlandradio, Aktuell, 16.10.2013)

"Ich protestiere gegen das Haushaltsgesetz. Das geht so nicht. Denn man erkennt nicht, dass die Gehälter und die Renten nicht mehr ausreichen."

"Ich demonstriere gegen die Dreistigkeit unserer Regionalabgeordneten, die sich mit unserem Geld vergnügen und Louis-Vuitton-Handtaschen kaufen."

Die Geduld der Italiener mit ihren Politikern ist am Ende. Dem Land stehen ungemütliche Weihnachtstage ins Haus. Heute beschert die „Mistgabel“ Bewegung der Hauptstadt Rom einen Massen-Protest auf der Piazza del Popolo:

"Unser Politiker sind nicht mehr unsere Politiker. Sie sind Verbrecher, die eine erschreckend hohe Zahl von Suiziden verursacht haben. Das Volk ist verarmt, versklavt. Und so Tausende in den Tod getrieben. Also sind sie Verbrecher und müssen verurteilt werden auf der Grundlage der Gesetze und der Verfassung."

Die Stimmung ist gereizt. In der vergangenen Woche kam es in Turin zu teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Armando Manocchia, der in Imola den Protest der Mistgabeln organisiert, will an der Demonstration in Rom nicht teilnehmen.

"Wir wissen, dass es an den Rändern ob willentlich oder unwillentlich gewaltbereite Teile gibt, die nur darauf warten, aktiv zu werden."

Der Protest der Mistgabeln wird vor allem von der rechtsextremen Szene unterwandert. Ein führender Vertreter der Bewegung, ein Landwirt aus dem Piemont, bezeichnete Italien letzte Woche als „Sklavin jüdischer Banken“. Faschismus-Nostalgie in Zeiten der Krise: Den angekündigten „Marsch auf Rom“ hat die Protestbewegung erst einmal verschoben. An der Demonstration heute sollen keine rechtsextremen Gruppen teilnehmen, sagt Organisator Danilo Calvani, Bauer aus Latina.

"Unser Anliegen bleibt das gleiche: Die müssen nach Hause gehen. Keine Verhandlung mit der Regierung. Und heute wird unsere Hauptstadt eine wichtige, zivile und gewaltfreie Veranstaltung erleben."

Die Forconi, die Mistgabeln betonen immer wieder, wie breit ihre Bewegung ist: Landwirte, Lastwagenfahrer, Studenten, Arbeitslose - kurz Krisenverlierer. Die Parolen sind platt, die Lösungen allzu pauschal: Die Politiker müssen weg, dann wird alles besser in Italien. Staatspräsident Giorgio Napolitano zeigt sich besorgt angesichts der Proteste und fürchtet starke soziale Spannungen.

"Es sind populistische Kräfte entstanden, deren Merkmal eine Ausrichtung auf einen überschaubaren Horizont und einen gefährlichen und anachronistischen Nationalismus ist."

Es riecht nach Revolution im Land. Es schlägt die Stunde der Populisten. Spätestens bei den Europawahlen wird Italiens Politik ihr blaues Wunder erleben.

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