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StartseiteTag für TagWarum das Kruzifix für viele Italiener dazugehört08.05.2018

ItalienWarum das Kruzifix für viele Italiener dazugehört

Italien ist ein laizistischer Staat, es gilt die Trennung von Staat und Kirche. Dennoch hängen in vielen öffentlichen Einrichtungen und Gebäuden Kruzifixe. Alle Versuche, sie von dort zu entfernen, scheitern. Denn Kreuze gehören zum Alltag wie Pizza und Fußball. Ganz vom Tisch ist der Streit ums Kreuz aber dennoch nicht.

Von Thomas Migge

Blick auf ein hölzernes Kruzifix von Michelangelo in der Kirche Santo Spirito in Florenz (AFP / Alberto Pizolli)
Das hölzerne Kruzifix hatte Michelangelo mit 18 Jahren gefertigt - jetzt hängt es wieder in der Kirche Santo Spirito in Florenz. (AFP / Alberto Pizolli)
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"Direkt nach meiner Wahl betrat ich mein neues Büro als Bürgermeister. Ich glaubte meinen Augen nicht, denn im ganzen Rathaus und auch nicht im Büro des Bürgermeisters hing ein Kruzifix an der Wand! Dabei ist das Kruzifix Teil unserer Kultur!"

Massimo Bitonci war bis 2016 Bürgermeister im norditalienischen Padua. Das Mitglied der rechten und ausländerfeindlichen Partei Lega wurde gleich nach seiner Amtsübernahme landesweit berühmt: Ließ er doch nicht nur in seinem Rathaus wieder Kruzifixe aufhängen, sondern auch in allen anderen öffentlichen Gebäuden. Trotz der lauten Proteste eines kleinen Teils seiner Bürger gelang es Bitonci Padua, wieder komplett mit Kruzifixen auszustatte

Umfragen bestätigen: die meisten Italiener, ob jung oder alt, ob aus Süd- oder Norditalien, sprechen sich für ein Kruzifix aus. Die Kruzifixbefürworter sind nicht unbedingt regelmäßige Kirchgänger. Matteo Tarantino aus Rom zum Beispiel. Der Vater zweier Schulkinder bezeichnet sich selbst als "lauen Katholiken", der nur zu Weihnachten zur Kirche geht und ansonsten nicht viel mit dem Glauben zu tun hat. Doch in Sachen Kruzifix versteht der 36jährige keinen Spaß: "Der katholische Glauben ist Teil unserer Geschichte und Kultur. Deshalb sollen die Kruzifixe dort bleiben, wo sie bei uns immer schon waren: in Kindergärten und Schulen".

Auf die Frage, wie man es denn mit Kindern nichtkatholischer Einwanderer halten solle, von denen es in Italiens Schulen immer mehr gibt, vor allem muslimischen Glaubens, hält Tarantino eine Antwort bereit, die, das belegen ebenfalls Umfragen, von rund 65 Prozent aller Italiener geteilt wird:

"Wer gegen die Kruzifixe ist, wer sie nicht haben will, nun, der soll doch dahin zurückkehren, woher er gekommen ist".

Katholizismus ist seit 1948 nicht mehr Staatsreligion

Adele Oriolo findet solche und ähnliche Aussagen unhaltbar. Die Juristin ist Führungsmitglied der Nationalen Vereinigung der Laizisten UAAR:

"Sicherlich muss man diese Aussagen verstehen, denn viele Menschen denken hier ja so. Aber es ist eine unumstößliche Tatsache, dass in einem der Verfassung nach laizistischen Staat wie Italien religiöse Symbole in öffentlichen Einrichtungen nichts zu suchen haben sollten. Italien muss sich endlich von der spirituellen Vorherrschaft der kirchlichen Hierarchien befreien".

So dachte auch eine italienische Mutter von zwei Söhnen, die sich 2009 an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit der Bitte richtete, ein klärendes Urteil zu fällen, gegen religiöse Symbole in staatlichen Bildungseinrichtungen. Die Richter der kleinen Kammer entschieden, dass das Kruzifix ein Verstoß gegen die Grundrechte auf Religions- und Gewissensfreiheit sei – und lösten damit vor allem in Italien ein Erdbeben aus. Ein so starkes Beben in der Bevölkerung, der Kirche und den meisten Parteien, dass die damalige Regierung Revision gegen das Urteil des Gerichtshofs für Menschenrechte einlegte. Schließlich entschied die große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2011, das Urteil ihrer Kollegen zu revidieren. Dieses Urteil ist nun endgültig und kann nicht mehr angefochten werden.

Doch wie in Deutschland wird auch in Italien nach wie vor über Kruzifixe gestritten. Laizisten verweisen in diesem Zusammenhang immer wieder  auf die in der Verfassung garantierte Laizität des Staates. Es war der Sozialist Bettino Craxi, der 1984 in einem neuen Konkordat mit dem Heiligen Stuhl dafür sorgte, dass der katholische Glaube in Italien nicht mehr Staatsreligion ist. Doch bis auf diese neue Definition Italiens als offiziell laizistischer Staat blieb, was die Kruzifixe im öffentlichen Raum betrifft, alles beim Alten.

Kreuzzug gegen die "Gutmenschen"

Das Kruzifix habe gerade in Italien eine ungemein wichtige identitätsstiftende Bedeutung, erklärt Carlo Cardia, Dozent für Kirchenrecht an der Universität Rom: "Das Kruzifix ist für uns in Italien ein ästhetisches und erzieherisches religiöses Symbol, etwas Schönes, das wir alle seit Urzeiten und zahllosen Generationen kennen, an das wir uns gewöhnt haben. Ohne ein Kruzifix in Schulen, Gerichten, Amtsstuben etc. fehlt etwas in unserer italienischen Realität".

Zum militanten Wortführer für Kruzifixe im öffentlichen Raum Italiens hat sich Lega-Chef Matteo Salvini gemacht. Er sieht sich als Kreuzritter des katholischen Italien gegen den, so seine Meinung, gefährlichen Vormarsch der Islamisten und "Gutmenschen".

Tatsache ist, dass die Mehrheit der Italiener keinen wie auch immer politisch gearteten Kreuzritter zur Verteidigung ihrer Kruzifixe braucht  - denn sie finden sich überall: nach wie vor, immer noch und immer wieder. In Kaffeebars, Friseurläden, Geschäften, Schulen und Kindergärten, Polizeidienststellen, Politikerbüros und sogar in Restaurant- und Museumstoiletten. Kruzifixe sind, wie die Begeisterung für den Fußball, ein fast alle Bevölkerungsschichten verbindendes Element der Italiener.

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