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StartseiteTag für TagNonnen in Containern19.02.2019

Italiens ErdbebengebieteNonnen in Containern

In den vergangenen Jahren kam es in Mittelitalien immer wieder zu schweren Erdbeben mit vielen Toten und unbewohnbaren Ortschaften. Viele Menschen warten noch immer auf den Wiederaufbau. In Norcia sind nun Nonnen in Container gezogen - durchaus als Provokation gedacht.

Von Thomas Migge

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Die vom Erdbeben zerstörte Basilika in Norcia (ALBERTO PIZZOLI / AFP)
Die vom Erdbeben zerstörte Basilika in Norcia - das Nonnen-Kloster der Stadt ist zweieinhalb Jahre nach dem schweren Erdbeben in Container umgezogen (ALBERTO PIZZOLI / AFP)
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"Fast haben wir es geschafft. Mutter Oberin, darf ich das Band durchschneiden? Danke! Also ich schneide!"

Bürgermeister Nicola Alemanno steht, umringt von einer Gruppe Benediktinerinnen und Bürgern, auf einem Platz mit Wohncontainern. Alemanno hat eine Schere in der Hand. Der Bürgermeister durchschneidet das Band mit der italienischen Trikolore. Die Anwesenden applaudieren. Es wird Prosecco kredenzt und auch die Ordensfrauen lassen es sich schmecken. Anschließend geht die Gruppe zu den dicht beieinander stehenden, geräumigen Wohncontainern aus Metall und Kunststoff.

Der Bürgermeister übergibt der Oberin Caterina Corona einen Schlüsselbund. Damit überreicht er symbolisch den Nonnen ihr neues Kloster in Norcia. Caterina Corona öffnet einen der Container und die Nonnen jubeln. Endlich haben sie eine neue Unterkunft in Norcia gefunden. Seit Oktober 2016 lebten sie in einer Stadt am Meer in einem anderen Kloster. Ihr ursprüngliches Kloster Sant'Antonio Abate in Norcia ist immer noch unbewohnbar. Obwohl seit dem schweren Erdbeben im Oktober 2016 fast zweieinhalb Jahr vergangen sind, ist nach wie vor unklar, ob, wie und wann die historischen Klostergemäuer statisch sicher gemacht und wieder bewohnt werden können. Caterina Corona, die Oberin der Benediktinerinnen von Norcia:

"Wir haben natürlich immer Angst vor Erdbeben. Das ist ja ganz natürlich. Aber diese Angst wird relativ, wenn man sich um andere kümmert."

So schnell wie möglich zurückkehren

Und deshalb wollten die etwas mehr als zehn Benediktinerinnen von Norcia so schnell wie möglich wieder in die Kleinstadt zurück, aus der sie wegziehen mussten, weil es keine Unterkunft mehr für sie gab. Wie die Bürger von Norcia und anderer Ortschaften der Umgebung hatten die Nonnen zunächst den Politikern in Rom Glauben geschenkt, die ihnen in den Wochen nach der Katastrophe vollmundig den raschen Wiederaufbau von Wohnhäusern und anderen wichtigen Gebäuden in Aussicht gestellt hatten. Doch fast nichts geschah seitdem.

Trümmer und ein eingestürztes Gebäude nach dem Erdbeben in Norcia am 30. Oktober 2016. (picture alliance / dpa / Italian Army)Norcia gehört zu den am schwersten von dem Erdbeben am 30. Oktober 2016 getroffenen Orten in Mittelitalien (picture alliance / dpa / Italian Army)

Die Nonnen halten sich – vor dem Mikrofon – mit offener Kritik an Politikern zurück. Doch bei ausgeschaltetem Mikro nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Mit ihrer jetzigen Präsenz in einem Container-Kloster wollen sie den Menschen im Erdbebengebiet Mut machen. Oberin Caterina Corona:

"Wir sind innerlich ruhig und lassen uns nicht verrückt machen. Die Erde wird hier ja immer wieder beben. Wir müssen uns nur darauf vorbereiten, mit Gebäuden, die endlich statisch sicher sind. Vor der Katastrophe kümmerten wir uns um einige dutzend alte Menschen in unserem Kloster. Diese Arbeit wollen wir so schnell wie möglich wieder aufnehmen, denn diese Menschen liegen uns am Herzen."

"Es geht beim Wiederaufbau nicht voran"

Das Ersatz-Container-Kloster der Benediktinerinnen von Norcia, inklusive Container-Refektorium und Container-Kapelle, ist Italiens erste klösterliche Notunterkunft in Fertigbauten. Dass sie realisiert wurde, mit kommunalen und privaten Geldern, ist der Hartnäckigkeit der Oberin zu verdanken. Die Nonnen hoffen, dass die Regierungspolitiker in Rom endlich bereits zugesagte Finanzmittel zur Verfügung stellen. Norcias Bürgermeister Nicola Alemanno:

"Die Situation hier ist, um es vorsichtig zu sagen, sehr heterogen. Der Zivilschutz hat hier in den Tagen nach dem Erdbeben sein Bestes getan, aber seitdem geht es beim Wiederaufbau nicht voran. Den Obdachlosen allerdings konnten wir Unterkünfte vermitteln in Fertigbauwohnungen."

Papst Franziskus nach Norcia eingeladen

Auch wenn alle ein Dach über dem Kopf haben - es fehlen die städtischen Plätze und die Kirchen Norcias. Sie spielten eine wichtige Rolle als Treffpunkte. Deswegen hat das Container-Kloster der Benediktinerinnen nun auch einen kleinen Vorplatz und ein Café – offen für alle Bewohner Norcias. Das gilt auch für das Kloster der männlichen Benediktiner, die ebenfalls vor kurzem zurückgekommen sind und die wie so viele Bewohner Norcias auch in Notunterkünften leben.

Die Ordensleute wie auch jene Priester, die in den wenigen geöffneten Kirchen Gottesdienste feiern, vergessen bei keiner Predigt, die Regierenden in Rom an ihre nicht gehaltenen Versprechen zu erinnern. Und sie haben Papst Franziskus nach Norcia eingeladen. Von einem Besuch und hoffentlich klaren Worten erwarten sie sich, dass die Regierung endlich wachgerüttelt und tätig wird. Noch hat der Papst nicht zugesagt, aber Benediktinerin Caterina Corona sagt, sie habe einen guten Draht in den Vatikan, direkt zu Papst Franziskus.

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