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"Ja, liebe Frau Roth, ich wollt Sie mal fragen..."

Die Bayern-Grünen protestieren gegen die Olympiabewerbung, die Berliner Parteispitze schweigt. Hinter den Kulissen brodelt es: Zu still seien die etablierten Grünen im Bund, sagen die zumeist jungen Grünen nicht nur in Bayern. Wie kommt das, wie lange hält die Partei das noch aus?

Von Grit Hartmann | 04.09.2010

"Ja, liebe Frau Roth, ich wollt Sie mal fragen, wie viele Windräder Sie noch aufstellen wollen?" - "Ach, schon noch. In Bayern hat der BUND gesagt, es gibt tausend Plätze, wo Windräder gute Dienste tun wollen, wir wollen Wind, wir wollen Sonne, wir wollen Wasser ..."
Claudia Roth, Vorsitzende der Bündnisgrünen und bayrische Schwäbin, hat, wenn's darauf ankommt, ihren Freistaat stets im Blick. Ebenso wie, selbstverständlich, den Landesverband ihrer Partei. Der ist auch für Wind, Sonne, Wasser. Derzeit verteidigt er den Klimaschutz-Teil des klassisch-grünen Wertekanons samt einigen anderen - bürgerschaftliche Partizipation oder Transparenzgebot etwa - gegen das Großprojekt "München 2018". Landeschef Dieter Janecek oder Fraktionschef Ludwig Hartmann halten das grüne Label auf der Olympiamission nur noch für Greenwashing und die Bürger nur noch für einen Störfaktor - letzteres, versteht sich, in den Augen der Bewerbergesellschaft. Vernetzt sind die Bayern-Grünen im Bündnis "NOlympia". Mit dem stellen sie Informationen bereit, die die Bewerber nicht liefern.
"Ja, liebe Frau Roth, ich wollt Sie mal fragen ..." - "Aufklärung ist erste grüne Bürger- und Bürgerinnenpflicht. Denn wir haben es zu tun mit Methode... Präsidial, nebulös. Aber wehe, wenn sich die Nebel lichten, dann fährt's einem durch Mark und Bein. Methode…, das sind schöne Fotos im Vordergrund und freie Hand für Lobbys im Hintergrund. Die Begleitmusik dazu - das ist Greenwashing."
Dergestalt geißelte Claudia Roth, nun ja, die "Methode Merkel". Für die Olympiabewerbung setzen die Grünen in Bayern grüne Politik um. Die Grünen in Berlin glänzen mit Schweigen.
"Ja, liebe Frau Roth, ich wollt Sie mal fragen... ."

"Unser Erfolgrezept ist: eigenständig jrün."
Als der Bundestag im Juni 2009 der Bewerbung kollektiven Beistand zusagte, enthielt sich die Fraktion. Seither beließ sie es bei einer Gratulation für die "Candidate City" München. Urgrün bewegt ist ihr sportpolitischer Sprecher Winfried Hermann anderswo: im Widerstand gegen das angeblich größte Steuerverschwendungsprojekt Europas namens "Stuttgart 21", welches zwar viel teuerer wird als gedacht, aber mutmaßlich preiswerter als Olympia 2018:
"Machen wir aus diesem Projekt ein einmaliges Protestprojekt, das deutlich macht, dass Demokratie in Deutschland noch funktioniert. Dass wir in der Lage sind, auch falsche Entscheidungen durch viel Widerstand noch zu korrigieren. Versenken wir dieses Projekt in der Grube!"
Zurück zur Vorsitzenden. Als Ikone des grünen Gefühls ist Roth selten zu überhören - ob es nun um Herausforderungen nachhaltigen Wirtschaftens, um Integration oder Bürgerrechte geht. Grünes Herzland repräsentiert sie auch im Sport:
"Hallo, liebe Freundinnen und Freunde, ihr wisst ja, ich bin gnadenloser Sportfan, Fußball, Eishockey. Und was tut man als gnadenloser Fan?"
Man weist sich als Experte aus:

"Nicht nur die Männer spielen Fußball, sondern auch die Frauen, und vor allem spielen sie ihn ästhetisch unglaublich attraktiv."
Man freut sich:

"Und wir freuen uns natürlich, dass Deutschland im nächsten Jahr Austragungsort sein wird für die Frauen-Fußball-WM."
Man gratuliert:

"Dank gilt der ganzen Mannschaft, gilt aber auch dem Präsidenten Doktor Theo Zwanziger."
Den umstrittenen DFB-Boss erfreute Roth kürzlich mit dem Kompliment, er sei "einer der größten Poeten der Neuzeit". Die Grüne rückte zuerst ins Kuratorium der Frauen-Fußball-WM 2011 ein und dann in den Aufsichtsrat der Olympiabewerbung.
"Ja, liebe Frau Roth, ich wollt Sie mal fragen... ."

"Wir sind kein Anhängsel. Wir rennen niemandem hinterher. Wir sind kein Beiboot für einen Polittanker, der ohne uns absaufen würde. Mit uns fährt kein Schiff nach nirgendwo."
Wohin der Olympiatanker steuert, wenn demnächst die Bürger in Garmisch abstimmen, weiß keiner. Die großen Umweltverbände sind längst von Bord gegangen. Klar: Michael Vesper, DOSB-Generaldirektor, schwenkt das grüne Fähnchen. Als der bayrische Landeschef Janecek ihn deshalb aufforderte, seine Parteimitgliedschaft ruhen zu lassen, soll Roth ihn abgebürstet haben. Dem Vernehmen nach hat sie intern die Devise ausgegeben, es bestehe "kein Entscheidungsbedarf". Einige Grüne sprechen von einem Maulkorberlass.
"Ja, liebe Frau Roth, ich wollt Sie mal fragen... ."

"Ohne Demokratie ist alles nichts! Demokratie ist die Basis, Demokratie ist das Fundament."
Und wie geht es nun weiter?
"Sozusagen nach dem Motto: Warten auf Godot."
Oder doch eher so?
"Grüne Power, volle Pulle von der ganzen Partei. Vielen Dank!"