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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Jack Eisner: Die Happy Boys. Eine jüdische Band in Deutschland 1945 - 194903.05.2004

Jack Eisner: Die Happy Boys. Eine jüdische Band in Deutschland 1945 - 1949

Aufbau-Verlag, Berlin 2004, 218 Seiten, Euro 19,90

<strong>Führt man sich die entsetzlichen Martern und Qualen der Häftlinge in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern vor Augen, bleibt es bis heute unverständlich, warum es so wenig Racheakte an den deutschen Peinigern gegeben hat. Daraus zu schließen, es habe diesen Gedanken an Rache bei den gerade erst befreiten ausgemergelten Überlebenden des Terrors nicht gegeben, ist aber offenbar falsch. Jack Eisner, der 6 Jahre lang in verschiedenen KZ eingesperrt war, schildert in seinem autobiographischen Bericht, wie er und andere Leidensgenossen, in den Jahren zwischen 45 und 49 versuchten, Nazi-Schergen aufzuspüren. War zunächst der Wunsch, ihnen heimzuzahlen, was sie den Häftlingen angetan hatten, beherrschend, so stellten sie doch schnell fest, dass sie nicht Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und wollten. Eisner tat sich mit Musikerkollegen zusammen, gründete eine Band mit dem Namen 'Happy Boys’. Sie spielten für die gerade erst dem Grauen Entkommenen in den Auffanglagern für Displaced Persons, suchten aber auch, auf ihren Reisen durch das besiegte Deutschland nach ihren ehemaligen Peinigern, um deren Verbrechen nicht ungesühnt zu lassen. Alle Bandmitglieder wanderten später in die USA aus.</strong>

Von Kristine von Soden

Der Versuch der Nazis, mein Volk auszuradieren, ist vielfach behandelt worden, die Auseinandersetzungen damit füllen ganze Bücherregale. Über das jüdische Leben in Deutschland kurz nach dem Holocaust ist dagegen bis heute wenig bekannt. Es wird also Zeit, auch den Rest der Geschichte zu erzählen.

Mit diesen Zeilen beginnt der Prolog, den Jack Eisner seinem Buch voranstellt. Und neugierig schlägt man die Lektüre auf. Denn tatsächlich sind Dokumentationen über das jüdische Leben im Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit rar. Der Autor allerdings erzählt nicht den "Rest der Geschichte". Nur Facetten. Impressionen. Episoden. 218 Seiten lang erfährt man fast nichts über das politische Klima damals, über jene Nachkriegsjahre, als die Siegermächte USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich alle wichtigen Schalthebel in ihren Händen hielten und eine ganze Generation Deutscher unfähig oder sogar unwillig war, sich ihrer braunen Vergangenheit und ihren Schuldgefühlen zu stellen. Der hektische und emsige Wiederaufbau, der nun begann, überdeckte die beklemmende Stille der kollektiven Verdrängung. Hunger und Wohnungsnot prägten die viel beklagte "schlimme Zeit" zwischen 1945 und 1949, die Jahre, über die Jack Eisner schreibt. Die junge Bundesrepublik, konstatierte Anfang der 60er Jahre Alexander Mitscherlich, sah sich nicht im Exilanten repräsentiert, sondern im Ritterkreuzträger. Von überlebenden KZ-Häftlingen wie Eisner und seinen Freunden wollte kaum jemand etwas wissen.

Wir wollten Rache. Büßen sollten die Deutschen - die Täter und die Mitläufer - für jeden Atemzug, denen sie denen geraubt hatten, die wir liebten. Wir wollten ihnen heimzahlen, was sie uns angetan hatten.

Jack Eisner, 1926 in Warschau geboren, war 19 Jahre alt, als er auf dem Todesmarsch vom KZ Flossenbürg ins 250 Kilometer entfernte Dachau durch US-Soldaten befreit wurde - zusammen mit seinen Häftlingsfreunden Henry, Ignaz, Josek und Szlamek, den Musikern der "Micky-Maus-Kapelle" und ihrem Bandleader Haim Baigelmann. In Flossenbürg gehörten sie zur Lagerkapelle mit dem Namen "Schweinestall". Das war die Bezeichnung der Baracke, die stets die höchsten Todesraten verzeichnete. Der oberste KZ-Aufseher, "ein verfetteter Sadist", so Jack Eisner, zwang die talentierten jungen Männer oft zu seiner Unterhaltung aufzuspielen. Süffisant hatte er sie als "Micky-Maus-Kapelle" tituliert, in Anspielung auf ihre offenbar gekonnte Imitation des witzigen, weltweit erfolgreichen Cartoonhelden.

Drei lange Tage, vom 21. bis zum 24. April 1945, waren die Todgeweihten über einsame bayrische Landstraßen gezogen, getrieben von SS-Leuten mit Hunden. Wer zusammenbrach, wurde auf der Stelle erschossen. In der Ortschaft Stamsried begegneten sie zum erstenmal deutschen Zivilisten. Doch keiner von denen zeigte sich berührt -ganz zu schweigen von konkreter Hilfe.

Plötzlich ertönte hinter mir lautes Geknatter. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die SS-Männer in den ringsum gelegenen Wald stürmen sah. Geradezu panisch lenkten sie ihre Motorräder querfeldein. Waffen und Ausrüstung ließen sie einfach zurück. Schon im nächsten Moment rollte ein riesiger grüner Panzer auf mich zu. Ich sprang in den Straßengraben. Der Panzer fuhr vorbei. Gefolgt von einem zweiten. Dann noch einer. Ich sah den Stern, der auf den Seiten prangte. Einige Soldaten feuerten auf die davonstürmenden SS-Männer, andere warfen kleine Pakete auf die Straße. Ich hob eines auf und hielt es ungläubig in den Händen. Darauf stand: "U.S. Army, Ration C". "Amerikaner!" rief ich, so laut ich konnte. Ein Freudenschrei, der wie ein Echo durch die Reihen der Marschierer lief. "Amerikaner! Amerikaner!"

Jack Eisners erzählt in den nachfolgenden Passagen, wie er und seine Musikerfreunde zunächst in einem bayrischen Kaff namens Meisenberg Jagd auf Nazis machten - mit Pistolen und Klappmessern, die sie sich irgendwo besorgt hatten. Als sicheres Indiz galt ihnen die "typische SS-Tätowierung am linken Arm". Hunderte von Verdächtigen haben sie im Zuge eigenhändig aufgebauter Straßensperren abgefangen und gefilzt, um nach Mördern unter ihnen zu suchen. Stolz, betont er, waren sie auf den Respekt, den sie den Deutschen plötzlich einflößten. Doch der zuerst übermächtige Wunsch nach Rache war so leicht nicht zu befriedigen:

Es war erst ein paar Tage her, dass wir ein ganzes Dorf, über hundert Männer, Frauen und Kinder in ihrer Kirche auf dem Dorfplatz zusammengetrieben hatten - drauf und dran, ihr Gotteshaus anzuzünden, ihre Häuser niederzubrennen, ihnen den Besitz zu nehmen, ihr Leben. Doch dann hatte ich ihre Tränen gesehen und die verängstigten Kinder, die sich an ihre Mütter klammerten. Ich sah die Alten sich hinknien und bekreuzigen. Wütend stieß ich sie um. Ich hatte niederträchtig und brutal sein wollen. Aber jetzt wusste ich, dass ich es niemals fertig bringen würde. Ich wusste, dass ich nicht Gleiches mit Gleichem vergelten konnte.

Bei der Lektüre von Eiseners Buch wartet man Seite für Seite auf die Wende in diesem Erlebnisbericht, auf Hinweise, die einen Moment die Heimtücke von Befreiung, Bestrafung, Entnazifizierung und vermeintlicher Stunde Null erkennbar werden ließen. Der Schutt der zerbombten Städte war noch nicht weggeräumt, da formierten sich längst schon jene Täter und Mitläufer neu, die nach 1945 oft besser als vorher dastanden.

Manche Details mag Eisner so kurz nach der Befreiung nicht gewusst oder nicht zur Kenntnis genommen haben, trotzdem: Das Bild, das er immerhin erst Jahre später, also in der Rückschau zeichnet, weist einfach zu viele weiße Flecken auf.

Vergeblich sucht man zudem eine Antwort, wie sich die Einwohner zum Beispiel im bayrischen Cham, wo Jack Eisner mit seinen Freunden eine Weile lebte, gegenüber den Musikern verhielten? Gingen sie ihnen aus dem Weg? Hatten sie Angst vor den einstigen KZ-Häftlingen? Um welche Themen drehten sich die Gespräche auf der Straße, in den Geschäften? Was hieß damals "jüdisches Leben?" Und: worüber haben die "Happy Boys" mit anderen Holocaust-Überlebenden gesprochen, wenn sie durch die Lager der Displaced Person tingelten?

Jetzt, da wir frei waren, mussten wir schließlich etwas mit unserem Leben anfangen. Die Idee mit der Bandgründung war sehr verlockend. Wir würden durch das besetzte Deutschland ziehen und in den notdürftig eingerichteten Flüchtlingscamps und in US-Militärclubs auftreten. Vielleicht würden wir Familienangehörige und überlebende Freunde finden, vielleicht sogar wieder Spaß am Leben haben. Ja, dachte ich, das ist eine Zukunft.

Doch bevor diese Zukunft beginnen konnte, traten Jack Eisner & Co. erst mal ein waghalsiges Abenteuer zurück nach Polen an. Der Grund: Kostbare Musikinstrumente (Geige, Saxophon, Querflöte, Klarinette) hatte einer von ihnen vorm Krieg in Lódz vergraben. Zu Hause, im elterlichen Garten. Über ein Drittel des Buches nimmt diese Geschichte ein, in der Jack Eisner beschreibt, wie sie als GI's verkleidet die vor allem von Russen, Tschechen und Polen streng kontrollierten Ländergrenzen passierten, in Schwarzmarktaffären gerieten, am Ende aber heil zurückkehrten und endlich ihre Zwölf-Mann-Band "Happy Boys" gründen konnten.

Der Name war beschlossene Sache. Wir mochten ihn auch, weil er so amerikanisch klang. Außerdem wollten wir die Idee vermitteln, dass die Verfolgten von einst nicht in Tränen und Selbstmitleid zerfließen, sondern durch die Musik wieder Freude am Leben finden.

In "Displaced Person-Camps" spielten die Musiker vier Jahre lang ihr Programm aus jiddischen Liedern, Big-Band-Nummern und kabarettistischen Einlagen.
Schnell lag der Tourneeplan fest: Auf Platz 1 stand das Lager von Feldafing, gefolgt von Landsberg, Bergen-Belsen, Leipzig und Zeilsheim bei Frankfurt. Überall ernteten die "Happy Boys" großen Applaus. Im Spätsommer 1949 hatten die meisten schon ihr Visum für die Vereinigten Staaten in der Tasche. Noch im selben Jahr wanderten alle "Happy Boys" aus.

Es war es nie unsere Absicht, dort wieder gemeinsam als Band aufzutreten. Es wäre wohl auch kaum möglich gewesen: Wir hatten uns an verschiedenen, teils sehr weit voneinander entfernten Orten niedergelassen - von San Francisco bis Chicago, von St. Louis bis New York.

Noch einmal trafen sich nach 20 Jahren einige von ihnen zu einem Jubiläumskonzert in New York. Jack Eisner brachte seine Erinnerungen an die Jahre nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager nicht gleich damals zu Papier, unter dem Schock des Grauens, sondern erst mit über 70 Jahren. Das erfährt der Leser leider erst in der editorischen Notiz am Ende des Buches. Ein gründliches Lektorat, das inhaltliche Mängel beseitigt und langatmige Schilderungen gekürzt hätte, wäre dem Buch sicher gut bekommen.

Für dieses Frühjahr hatte der Aufbau-Verlag mit "dem Warschauer", wie alte Freunde ihn nannten, eine Lese- und Vortragsreihe durch Deutschland geplant. Am 24. August 2003 indes starb Jack Eisner in New York.

Das Buch von Jack Eisner heißt schlicht: Die Happy Boys. Eine jüdische Band in Deutschland 1945 bis 1949. Erschienen ist das 218 Seiten starke Buch im Aufbau Verlag und kostet 19.10 Euro.

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