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StartseiteDie neue PlatteFeine Details und technische Raffinessen30.08.2015

JACK QuartetFeine Details und technische Raffinessen

Das JACK Quartet gilt als eines der versiertesten Streichquartette für Musik der Moderne. Auf ihrem Live-Album "First Performance IV" spannen die Musiker mit drei technisch hochanspruchsvollen Werken den Bogen von den 1930er-Jahren bis zur unmittelbaren Gegenwart.

Von Leonie Reineke

Blick auf ein Cello.  (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Das JACK Quartet sind vier junge amerikanische Musiker, die bei ihrer außergewöhnlichen Professionalität sympathisch und unprätentiös rüberkommen. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

MUSIK: Haas, String Quartet No 8

Was für einen kurzen Moment wie ein Akkordeon, eine Mundharmonika oder eine asiatische Mundorgel klingt, ist ein Streichquartett, das einen Obertonakkord spielt. Ein typischer Kniff des Komponisten Georg Friedrich Haas, dem es in seiner Musik vor allem auf Feinheiten ankommt. Feinheiten, Details und technische Raffinessen spielen auch in den anderen Stücken auf der CD eine Rolle, die wir Ihnen in der heutigen Sendung vorstellen möchten: das Album "First Performance IV" des amerikanischen "JACK Quartet".

Das JACK Quartet gilt als eines der versiertesten Streichquartette für Musik der Moderne. Auf ihrem Live-Album "First Performance IV" spannen Sie mit drei technisch hochanspruchsvollen Werken den Bogen von den 1930er Jahren bis zur unmittelbaren Gegenwart. Den modernen Streichquartetten auf der CD stellen sie eine Motette aus dem 15. Jahrhundert gegenüber: die Vokalkomposition "Angelorum Psalat Tripudium" von Rodericus in einer Eigenbearbeitung für Streicher. Ruhe und Kontemplation durchziehen das Stück gleichermaßen wie Witz und ständige Umschwünge auf der rhythmischen Ebene.

MUSIK: Rodericus, Angelorum Psalat Tripudium

Die für Streichquartett bearbeitete Rodericus-Motette "Angelorum Psalat Tripudium" ist eins von vier auffallend unterschiedlichen Beispielen auf der CD des JACK Quartet für das Praktizieren von Mehrstimmigkeit: Die Gattung Streichquartett bringt dabei einen ganzen Katalog an überlieferten Formmodellen und satztechnischen Konventionen mit sich. Diesen Rahmen strukturell zu erweitern oder neu zu formulieren, um nicht nur die Vorbilder vergangener Jahrhunderte aufzuwärmen, stellt eine Herausforderung dar. Der Komponist Elliot Carter begegnete diesem Problem 1970 mit einer originellen Idee: Inseinem String Quartet No 3 teilt er das Quartett in zwei Duos, die offenbar unabhängig voneinander agieren. Während dem einen Duo eine freie, unabhängige Spielweise zugewiesen ist, spielt das andere in strengster rhythmischer Präzision. Lyrisch-gesangliche und schroffe, gehetzte Passagen können exakt zur gleichen Zeit stattfinden. Beide Duos verhalten sich dann so zueinander wie zwei Persönlichkeiten, deren Unterschiedlichkeit keinerlei Kommunikationsbasis erlaubt.

MUSIK: Carter, String Quartet No 3

Entscheidend für die hörbare Trennung der beiden Duos ist auch die Stereo-Abmischung, bei der auf jedem Kanal je ein Duo die Hauptpräsenz hat. Diese musikalische Zweigleisigkeit fällt besonders dann ins Gewicht, wenn eines der beiden Duos eine Weile pausiert und dann plötzlich wieder einsetzt.

MUSIK: Carter, String Quartet No 3

Einen anderen Weg als Elliott Carter, die Gattung Streichquartett mit neuen Attributen zu versehen, schlägt Georg Friedrich Haas ein: In seinem 2014 entstandenen achten Streichquartett arbeitet er mit sogenannter "Mikromelodik": Melodien spielen sich hier in kleinsten, kaum wahrnehmbaren Tonschritten ab. Zu Beginn des Stücks scheint nur ein einzelner Ton zu erklingen. Beim genaueren Hinhören aber werden minimale Tonhöhenvariationen bemerkbar. Diese dann tatsächlich auch als Melodien anzuerkennen, erfordert, sich von seinen üblichen Hörgewohnheiten zu lösen und das Wahrnehmungsraster feiner einzustellen.

MUSIK: Haas, String Quartet No 8

In Georg Friedrich Haasachtem Streichquartett erfolgen Bewegungen in eine bestimmte Richtung nie abrupt, sondern immer schleichend. Eine Stelle im Stück erinnert sogar an eine faszinierende akustische Täuschung, die normalerweise mit elektronischen Glockenklängen realisiert wird: Beim Hören dieses Phänomens meint man, die Klänge fallen stetig ab, in Wirklichkeit aber werden sie nach und nach höher.

MUSIK: Beispiel: Falling Bells

Diesen paradoxen Effekt hat Haas in seinem Quartett gewissermaßen nachgebildet: Während einer kontinuierlichen Abwärtsbewegung von Tönen ändert sich unmerklich die Oktavlage. So führt die Bewegung insgesamt aufwärts und am Ende sind die Töne deutlich höher als am Anfang.

MUSIK: Haas, String Quartet No 8

Das JACK Quartet sind vier junge amerikanische Musiker, die bei ihrer außergewöhnlichen Professionalität sympathisch und unprätentiös rüberkommen. Ihre CD zeugt von einer Leidenschaft für analytische Detailarbeit und komplizierte Tüfteleien. Zur nebenläufigen Beschallung werden sich die Stücke kaum eignen; vielmehr zum aufmerksamen Zuhören. So auch das Streichquartett von Ruth Crawford Seeger, einer Komponistin der 20er und 30er Jahre, deren Musik definitiv eine Entdeckung wert ist. Ihrer Klangsprache hört man eine deutliche Nähe zu den Komponisten der Zweiten Wiener Schule an: Der letzte Satz ihres Streichquartetts erinnert mit seinem streng mathematischen Aufbau ein wenig an die Zwölfton-Kompositionen Alban Bergs und Anton Weberns. Das JACK Quartet interpretiert diesen Satz mit einer frappierend exakten und transparenten Virtuosität.

MUSIK: Seeger, String Quartet

Technisch-analytisch-musikalische Feinarbeit auf höchstem Niveau das war der letzte Satz aus dem Streichquartett von Ruth Crawford Seeger, einem Stück von der CD "First Performance Vol. IV" des amerikanischen JACK Quartet.

 

Die Neue Platte:

JACK Quartett: "First Performance Vol.IV"
Label: "bmn Audiophil"

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