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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Jacob E. Mabe (Hrsg.) : Das Afrika-Lexikon - Ein Kontinent in 1ooo Stichworten12.08.2002

Jacob E. Mabe (Hrsg.) : Das Afrika-Lexikon - Ein Kontinent in 1ooo Stichworten

Hammer-Verlag, Wuppertal und Verlag J.B.Metzler, Stuttgart, 64,90 €

Zuerst zu Afrika. Der Kontinent macht Sorgen. Nirgendwo auf der Welt herrscht so viel Armut und Elend, Krieg und Bürgerkrieg wie eben dort. An dieser bedrückenden Ausgangslage wird sich auch in der voraussehbaren Zukunft wenig ändern, allein schon aufgrund des außerordentlichen Bevölkerungswachstums. Afrika zählt derzeit über 8oo Millionen Einwohner. Noch in diesem Jahrhundert wird sich diese Zahl auf annähernd 1,8 Milliarden mehr als verdoppeln. Ein solches Wachstum vermag keine Wirtschaft - wie auch keine Umwelt - auf Dauer unbeschadet zu überstehen.

Helmut Heinzlmeir

Den Kontinent in einem einzigen Band - mittels tausend Stichworten - in Geschichte und Ge- genwart, in Politik und Wirtschaft, Religion und Kultur vorzustellen, ist kein geringes Wagnis. Zwei Verlage haben es in enger Zusammenarbeit auf sich genommen. Rund 2oo, zum Teil namhafte Autoren aus dem In- und Ausland haben daran mitgearbeitet. Im Deutschsprachi- gen gibt es in dieser Art kein vergleichbares Nachschlagewerk:

Das Lexikon soll ... ... so der in Kamerun geborene Herausgeber: ... nicht nur dem zunehmenden Bedürfnis nach sachlicheren Informationen über die afrikanische Vergangenheit und Gegenwart Rechnung tragen, sondern zugleich auch ein vorurteilsfreies und positives Bild von Afrika präsentieren.

Afrika kann auf eine bewegte vorkoloniale Geschichte zurückblicken. Insbesondere in West- afrika - vielfach in jenen Regionen, die heute der Sahelzone zugerechnet werden - bestan- den zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert mehrere mächtige Großreiche. Namen wie Timbuktu erinnern noch heute an jene große Zeit. Ihre Macht beruhte nicht zuletzt auf dem Fernhandel zwischen Schwarzafrika einerseits und dem Mittelmeer und dem Nahen Osten andererseits:

Die Kontrolle der Fernhandelsrouten verschaffte den Herrschenden die nötigen Ein- künfte aus dem Verkauf von Gold und Sklaven sowie aus dem Import von Salz, aber auch von Pferden, um ein effizientes Herrschaftssystem aufbauen zu können. Das System be- ruhte auf dem Einsatz von Sklaven, die auf Plantagen arbeiteten und die Herrschenden zu zu versorgen hatten.

Es mag überraschen, aber im Zeitalter der Entdeckungen, zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert blieb Afrika von den einstigen Kolonialmächten weitgehend unbeachtet. Der Grund dafür war einfach: Amerika - Stichwort Landnahme - und Asien - Stichwort Handel - boten weit mehr. Vor Afrika ankerten die Schiffe der großen Kolonialmächte jener Zeit - England und Frankreich, die Niederlande und Portugal - zumeist nur, um Sklaven für Amerika einzutauschen. Sklaven waren - so schauerlich es klingen mag - der einzige Roh- stoff, der über die Jahrhunderte hinweg an Afrika interessierte. Insgesamt sind in diesem menschenverachtenden Handel über zwölf Millionen Menschen nach Amerika verschifft worden. Der Artikel zu diesem Handel ist - allein schon, weil aus schwarzafrikanischer Sicht - bemerkenswert. Er hält sich nicht allzu sehr mit den komplexen Zusammenhängen des transatlantischen Sklavenhandels auf - beispielsweise mit den Verantwortlichkeiten für Fang und Verkauf der Menschen -, er macht vielmehr eine einfache volkswirtschaftliche Rechnung auf. Eine Rechnung, auf die man erst einmal kommen muß. Danach ist Amerika von Schwarzafrikanern entwickelt worden. Mit den Gewinnen daraus finanzierte Westeuropa seine Industrialisierung. Also - so der Autor - steht Afrika Entschädigung zu:

Afrika wurde der wirtschaftlichen Entwicklung des Atlantikraumes zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert geopfert. Durch die Kolonialherrschaft Europas wurde diese Situa- tion später noch verschärft. Kein anderer Kontinent hat solch eine Doppeltragödie erleben müssen. Und die Hinterlassenschaften bestehen fort. Der nigerianische Literaturnobelpreis- träger Wole Soyinka hat mittlerweile öffentlich die Frage nach Entschädigung der afrikani- schen Völker gestellt.

Afrika hat in den zurückliegenden Jahrzehnten reichlich Entwicklungshilfe erhalten - auch im Vergleich zu Lateinamerika und Asien. Das Handbuch enthält viel aktuell aufbereitetes Zahlenmaterial. Ob die Hilfe viel genutzt hat, darüber sind die Fachleute geteilter Meinung. Die Zweifel wachsen.

Warum dem so ist, dazu enthält das Handbuch einige Informationen. Die Bandbreite der Stichworte - mit einem bemerkenswerten Schwerpunkt auch auf Kunst und Kultur - reicht vom Bevölkerungswachstum bis zur Zensur, von der Landwirtschaft bis zur Urbanisierung. Bei aller möglichen Kritik im Detail, das Handbuch ist dem Interessierten zu empfehlen.

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