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Startseite@mediasresDie Journalistin, die den "großen Zaren" kritisierte07.10.2021

Jahrestag der Ermordung von Anna PolitkowskajaDie Journalistin, die den "großen Zaren" kritisierte

Vor 15 Jahren wurde Anna Politkowskaja ermordet. Die Journalistin hatte über den Tschetschenien-Krieg berichtet – und dabei immer wieder die Regierung kritisiert. Bis heute wurde das Verbrechen an ihr nicht wirklich aufgeklärt. Doch am Jahrestag lebt die Erinnerung an sie und ihre Arbeit wieder auf.

Von Florian Kellermann

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Ein Mann trägt ein Bild von Anna Politkowskaja (picture alliance / dpa | Alexander Shcherbak)
Ein Bild vom Gedenken an Anna Politkowskaja in Moskau vor fünf Jahren, zum zehnjährigen Gedenken ihrer Ermordung (picture alliance / dpa | Alexander Shcherbak)
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Anna Politkowskaja wurde oft mit dem Tod bedroht und einmal, auf einem Flug, sogar schwer vergiftet. Das hielt sie nicht davon ab, über eines der in den 2000er-Jahren brisantesten Themen in Russland zu berichten – den Krieg in Tschetschenien. Politkowskaja deckte auf, wie grausam die russische Armee und ihre tschetschenischen Verbündeten vorgingen, etwa, wie sie Gefangene folterten.

Nie nahm sie ein Blatt vor den Mund, auch nicht in ihrem letzten Interview. Über Ramsan Kadyrow, den damaligen tschetschenischen Verbündeten des Kreml und das heutige Oberhaupt der Republik Tschetschenien, sagte sie: "Kadyrow ist im Grunde extrem verlogen. Im tschetschenischen Fernsehen sagt er: Wir werden diese Russen vertreiben. Wir zeigen ihnen, wo ihr Platz ist. Er kann die Hand des großen Zaren lecken und am selben Tag den Tschetschenen im Fernsehen sagen: Wir werden ihn in die Schranken weisen."

Mit dem "großen Zaren" war Präsident Wladimir Putin gemeint. Zwei Tage nach dem Interview, heute vor 15 Jahren, wurde die Journalistin ermordet. Im Aufzug des Hauses in Moskau, in dem die damals 48-Jährige wohnte, mit mehreren Schüssen aus einer Pistole.

Zeitung erinnert an Politkowskaja und ihre Arbeit

Politkowskaja schrieb für die unabhängige Zeitung "Nowaja Gasjeta", die seit Tagen an die Ereignisse vor 15 Jahren erinnert. Chefredakteur Dmitrij Muratow sagte in einem Interview:

"Wir eröffnen zum Jahrestag in der Redaktion ein Zimmer, das Anna Politkowskaja gewidmet ist. Und da haben wir so eine Wand aufgebaut, wie man sie aus Kriminalfilmen kennt, mit Zetteln und Fotos, wer mit wem verbunden ist, welche Indizien es gibt. Wir werden darstellen, wie die Ermittlungen immer wieder behindert wurden und wie der Mord letztendlich nicht aufgeklärt wurde."

  (picture alliance / dpa / Arno Burgi) (picture alliance / dpa / Arno Burgi)Das Blatt, das keine Oppositionszeitung sein will
In Russland existieren nur noch wenige Medien, die man als unabhängig bezeichnen kann. Die im Ausland bekannteste dürfte die "Nowaja Gasjeta" sein. Ein Redaktionsbesuch 2018.

Damit wolle die "Nowaja Gasjeta" in Zeichen setzen, so der Chefredakteur. Denn mit dem 15. Jahrestag verjähre die Schuld derjenigen, die den Auftrag zum Mord gaben, und die, im Gegensatz zu den verurteilten Ausführenden, weiterhin unbekannt seien.

Verdacht: Verbindung zu staatlichen Strukturen

Unabhängige Beobachter gehen davon aus, dass die Auftraggeber in Verbindung zu staatlichen Strukturen in Russland und besonders in Tschetschenien stünden. Igor Jakowenko, der vor 15 Jahren Chef des offiziellen Russischen Journalistenverbands war:

"Ich kenne niemand, der anders denkt, mit Ausnahme von völlig apolitischen Russen oder solchen, die für die Staatsmacht arbeiten. Schon damals war klar, dass es zwei Versionen gibt: Die Auftraggeber handelten im Interesse von Wladimir Putin oder von Ramsan Kadyrow."

  (dpa-Zentralbild) (dpa-Zentralbild)Morden nach System
Der Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Aleksej Nawalny im August 2020 hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Dabei ist Nawalny alles andere als ein Einzelfall – Gift-Attentate haben in Russland traurige Tradition.

Was wiederum nicht heiße, dass Putin oder Kadyrow persönlich hinter dem Mord stünden, sagt Jakowenko.

"Es gab etwas wie eine Gemeinschaft von Journalisten"

Damals hätten sich viele russische Journalistinnen und Journalisten mit der "Nowaja Gasjeta" und den Hinterbliebenen von Politkowskaja solidarisiert, erinnert sich der Journalist:

"Man sieht, wie tief wir seitdem gesunken sind. Schon damals waren die meisten Medien auf Kreml-Linie gebracht worden. Aber es gab noch so etwas wie eine Gemeinschaft von Journalisten. Heute wäre es unvorstellbar, dass der Journalistenverband seine Mitglieder zu einer gemeinsamen Aktion gegen ein von staatlichen Strukturen begangenes Verbrechen vereinen könnte."

Andauernde Berichterstattung – und Bedrohungen

Und doch gibt es noch Berichterstattung über Anna Politkowskajas Themen. Bei der "Nowaja Gasjeta" ist heute Jelena Milaschina für Tschetschenien zuständig. Auch sie wird regelmäßig bedroht, unter anderem von Ramsan Kadyrow. In einem Interview sagte sie vor wenigen Tagen:

"Wir leben in einem Land, in dem Gewalt gegen Journalisten nicht bestraft wird. Da bleibt nur das Mittel der Selbstverteidigung: Wir müssen möglichen Mördern zeigen, dass ihnen so ein Verbrechen nichts bringt. Wenn sie eine Journalistin ermorden, dann kommt die nächste, die ihr Werk fortsetzt."

Darüber hinaus wäre es schlicht Verrat an Anna Politkowskaja, wenn die "Nowaja Gasjeta" sich aus der investigativen Berichterstattung über Tschetschenien zurückziehen würde, so Jelena Milaschina.

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