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StartseiteKommentare und Themen der WocheStadtgesellschaft von Hanau kann zum Vorbild werden19.02.2021

Jahrestag der rassistischen MordeStadtgesellschaft von Hanau kann zum Vorbild werden

Dem rassistischen Mörder von Hanau ist es nicht gelungen, das Gemeinwesen zu zerstören, kommentiert Ludger Fittkau. Ein Zeichen dafür sind die Kandidaturen von Angehörigen der Ermordeten bei demokratischen Wahlen. Das ist ein Ermutigungs-Signal - für das ganze Land.

Ein Kommentar von Ludger Fittkau

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Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020. Der Rechtsextremist Tobias R. hatte hier am 19. Februar 2020 neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. (zu dpa: «Trauer, Unmut, drängende Fragen - Hanau gedenkt der Anschlagsopfer») (picture alliance/dpa | Boris Roessler)
In Hanau hatte ein Rechtsextremist hatte hier am 19. Februar 2020 neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen (picture alliance/dpa | Boris Roessler)
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"Ich will mich nicht in der Trauer verlieren und mich dadurch nicht in die Knie zwingen lassen." Das sagt Saida Hashemi, die Schwester des am 19. Februar 2020 ermordeten Said Nesar. Der Weg, den sie wählt, um nicht in der Trauer zu versinken, ist ein Hoffnungszeichen für Hanau. Denn Saida Hashemi, die angehende Mathematik- und Geschichtslehrerin, kandidiert als Parteilose auf der Liste der Hanauer SPD für die Kommunalwahl in Hanau am 14.März.

Und: Abdullah Unvar, der Cousin des vor einem Jahr in Hanau getöteten Ferhat Unvar will für die Sozialdemokraten in den Bundestag einziehen. Oder: Die Sozialwissenschaftlerin Selma Yilmaz-Ilkhan, die bisherige Vorsitzende des Hanauer Ausländerbeirates und lange engagiert in der Opferbetreuung, kandidiert auf der neu gegründeten Liste "Wir sind Hanau" für das Lokalparlament.

Einen Tag nach der Tat in Hanau: Passanten halten in der Innenstadt mit Kerzen eine Mahnwache für die Opfer ab.  (picture alliance / dpa / Peter Kneffel) (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)Ein Jahr nach dem Anschlag - Trauer und Wut über mangelnde Aufarbeitung
Am 19. Februar 2020 wurden in Hanau neun Menschen bei einem rassistisch motivierten Attentat ermordet. Ein Jahr später fühlen sich viele Angehörige der Opfer vom Staat immer noch allein gelassen. 

Bei allem Entsetzen über das Massaker von Hanau vor einem Jahr sind diese Kandidaturen ermutigende Zeichen dafür, dass der rassistische Mörder von Hanau das Gemeinwesen nicht zerstören konnte. Sie sind auch ein Beweis dafür, dass der Hanauer SPD-Oberbürgermeister Claus Kaminsky im vergangenen Jahr vieles richtig gemacht hat. Die Opferangehörigen und die sehr international geprägte Hanauer Bürgerschaft vertrauen ihrem Stadtoberhaupt.

Diversität verteidigen und feiern

Das ist ein sehr gutes Zeichen – weit über die südhessische 100.000- Einwohnerstadt hinaus. Es bestätigt das, was Seda Basay-Yildiz – die aus Marburg stammende Anwältin dreier Opferfamilien von Hanau zu Recht jetzt noch einmal einfordert: Wir sollten endlich aufhören, über Integration zu reden, sondern schlicht vom Normalzustand einer Einwanderungsgesellschaft ausgehen. Wenn auch die politischen Institutionen noch diverser werden, als sie bisher sind, ist ein wichtiger Schritt geschafft.

Wie es aussieht, kann die durch den Anschlag vor einem Jahr tief erschütterte Stadtgesellschaft von Hanau da sogar zum Vorbild werden. Zu den Parlamentskandidaturen kommt die Planung für ein lokales Zentrum der Demokratie. Oder der internationale Kunstwettbewerb für ein großes Denkmal, das den Opfern von Hanau gewidmet sein wird.

Die Stadt, die seit Jahrhunderten wirtschaftlich und kulturell von Einwanderung geprägt ist, scheint entschlossen zu sein, ihre Diversität auch künftig zu verteidigen und auch zu feiern. Das wäre ein großartiger Sieg über den Täter des 19. Februar 2020. Und ein Ermutigungs-Signal für ein Land, das sich mit Rassismus niemals abfinden darf.

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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