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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs gibt etwas nachzuholen im Gedenken22.06.2021

Jahrestag des Überfalls auf die UdSSREs gibt etwas nachzuholen im Gedenken

Der 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion hat gezeigt: Das Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges muss vertieft werden, kommentiert Florian Kellermann. Das ist momentan jedoch schwer - weil Russland die Geschichte für aktuelle politische Ziele instrumentalisiert.

Ein Kommentar von Florian Kellermann

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Panzer an die poln.-sowjet.Grenze 2. Weltkrieg / Russlandfeldzug 1941/42: Deutscher Ueberraschungsangriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 (Unternehmen Barbarossa). - Deutsche Panzer beim Vormarsch an die polnisch-sowjetische Grenze. - Foto, Juni/Juli 1941 (Alois Beck). (picture-alliance / akg-images)
Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941: Deutsche Panzer an der polnisch-sowjetischen Grenze (picture-alliance / akg-images)
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In Deutschland ist noch immer zu wenig allgemein bekannt, welchen Charakter der Zweite Weltkrieg in Osteuropa hatte. Das Deutsche Reich führte einen Vernichtungskrieg zuerst gegen Polen, später, vom 22. Juni 1941 an, auch gegen die Sowjetunion.

Es ging nicht nur darum, Gebiete zu erobern oder Rohstoffquellen zu erschließen. Das Ziel war es, Abermillionen Menschen, die man als Untermenschen bezeichnete, zu unterjochen und ihre Kultur zu vernichten. Dem diente auch das äußerst brutale Besatzungsregime.

Ein historisches Farbfoto zeigt die Trümmer zweier Panzer an der Böschung eines Kanals (picture alliance / akg-images |) (picture alliance / akg-images |)Deutscher Überfall auf Sowjetunion - Auftakt eines epochalen Verbrechens
Nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, rechneten Adolf Hitler und die Wehrmacht-Führung mit einem Feldzug von höchstens zwei Monaten. Eine grandiose Fehlspekulation.

Zorn, Trauer und Leid

Daran hat heute der russische Präsident Wladimir Putin in Moskau erinnert, nachdem er Blumen am Grabmal des unbekannten Soldaten niederlegt hatte. Das Datum "22. Juni" rufe deshalb noch immer Zorn, Trauer und Leid hervor, sagte Putin.

Richtig waren auch die Worte, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Vorfeld des Jahrestags sagte: Die Millionen sowjetischer Opfer seien nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid und unsere Verantwortung es fordern, so der Bundespräsident.

Russland ordnet seine Geschichtspolitik politischen Zielen unter

Es gibt etwas nachzuholen im Gedenken, das ist heute und in den vergangenen Tagen wieder einmal klar geworden. Klar geworden ist aber auch, dass dies im Moment sehr schwer ist. Denn Russland ordnet seine Geschichts- und Erinnerungspolitik aktuellen politischen Zielen unter – und diese Ziele sind direkt gegen andere Nachkommen von Opfern des deutschen Vernichtungskriegs gerichtet.

Deutlich zu sehen ist das am Text von Wladimir Putin, den heute "Zeit online" veröffentlicht hat. Der russische Präsident schlägt einen großen Bogen. Letztendlich nimmt er die deutschen Verbrechen als Hintergrund für seine Forderung, dass der Westen sich im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf die Seite Russland stellen solle. Er unterschlägt, dass die Ukraine genauso Teil der Sowjetunion war, dass der deutsche Überfall und die deutsche Besatzung dort sogar noch weit höhere Verluste unter der Zivilbevölkerung brachten als in Russland.

Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, Berlin. In dem ehemaligen Offizierscasino wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht unterschrieben (dpa / POP-EYE / Christian Behring) (dpa / POP-EYE / Christian Behring)Beck (Grüne): "Für Steinmeiers Rede hätte ich mir einen anderen Ort gewünscht"
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Kritische Auseinandersetzung mit Geschichte wird unterbunden

Die Instrumentalisierung von Geschichte zeigt sich auch an einem Gesetz, das die Duma gerade beschlossen hat. Nun steht es unter Strafe, die entscheidende Rolle der Sowjetunion beim Sieg über den Nationalsozialismus abzustreiten. Ebenso verboten ist es, die damaligen Ziele der Sowjetunion und des Deutschen Reichs gleichzusetzen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte wird so unterbunden, etwa mit dem Hitler-Stalin-Pakt und dem Überfall auf Polen von beiden Seiten.

Das Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges ist notwendig und wichtig. Es soll nicht nur gepflegt, sondern muss auch vertieft werden. Politische Scheuklappen darf es dabei aber nicht geben. Zur Aufarbeitung von Geschichte gehört auch der notwendige Hinweis, wenn jemand heutzutage versucht, die Opfer zu politischen Zwecken zu missbrauchen.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, geboren 1973 in Nürnberg, hat an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau Philosophie und Slawistik studiert. Seit vielen Jahren berichtet er aus den Ländern Mittel- und Osteuropas. Von 2015 bis 2021 war er Osteuropa-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Warschau. Seit Mai 2021 ist er Russland-Korrespondent. Sein Berichtsgebiet umfasst auch Belarus und die Staaten der Kaukasusregion."

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