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StartseiteEssay und DiskursHumboldt aus lateinamerikanischer Sicht15.09.2019

Jaime Labastida Humboldt aus lateinamerikanischer Sicht

Er war einer der berühmtesten Weltentdecker und Universalgelehrten: Alexander von Humboldts Forschungstätigkeit reichte von Physik über Botanik bis hin zur Klimakunde. Der mexikanische Autor Jaime Labastida beschäftigt sich schon lange mit seinem Werk - und entdeckt immer wieder neue Facetten.

Jaime Labastida im Gespräch mit Peter B. Schumann

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Ein Porträt des Schriftstellers Jaime Labastida (imago/EL UNIVERSAL/Cristopher Rogel Blanquet/RCC)
Der Schriftsteller Jaime Labastida beschäftigt sich schon lange mit Alexander von Humboldt (imago/EL UNIVERSAL/Cristopher Rogel Blanquet/RCC)

Humboldt gilt heute sogar als ein Vorreiter der Ökologie und manche halten sein Denken in universalen Zusammenhängen für einen frühen Beitrag zur Globalisierung. Sein Weltbild wurde entscheidend in den beiden Amerikas geprägt, vor allem in Ländern wie Mexiko, Venezuela, Kuba, Kolumbien oder Ecuador. Sie gehörten damals zu Neu-Spanien, waren Kolonien der spanischen Krone. Seine Forschungsergebnisse haben wesentlich zum Verständnis dieser Länder untereinander und in Europa beigetragen. Deshalb lag es auf der Hand, einen Intellektuellen Lateinamerikas zu bitten, die Bedeutung Alexander von Humboldts aus dieser Sicht darzustellen.

Der mexikanische Schriftsteller Jaime Labastida nahm im Juni 2019 an einer Konferenz zu "Alexander von Humboldt: Die ganze Welt, der ganze Mensch" in Berlin teil. Peter B. Schumann hat den 1939 geborenenen Publizisten und Philosophen getroffen. Bereits seit den 1960er-Jahren beschäftigt er sich mit Werk und Wirken Alexander von Humboldts und entdeckt darin immer wieder neue Facetten. Zwei Bücher veröffentlichte er über Humboldt: "Humboldt, ese desconocido", 1975, und "Humboldt: ciudadano universal", 1999. Im Herbst erscheint sein aktuellstes Buch zum Humboldt’schen Kosmos. Labastida ist Verleger von Siglo XXI Editores, einem renommierten Verlag des Kontinents. Bis 2019 war er Direktor der mexikanischen Akademie der Sprache.


Peter B. Schumann: Vor 250 Jahren wurde er geboren: der preußische Adelige Alexander von Humboldt. Er sollte zu einem der berühmtesten Weltentdecker und bedeutendsten Universalgelehrten werden. Seine Forschungstätigkeit reichte von der Physik über die Chemie bis zur Botanik, Zoologie, Geologie, Astronomie, Ozeanographie und Klimakunde. Er gilt heute sogar als ein Vorreiter der Ökologie, und manche halten sein Denken in universalen Zusammenhängen für einen frühen Beitrag zur Globalisierung. Humboldts Weltbild wurde entscheidend in den beiden Amerikas geprägt, vor allem in Ländern wie Mexiko, Venezuela, Kuba, Kolumbien oder Ecuador. Sie gehörten damals zu Neu-Spanien, waren Kolonien der spanischen Krone. Seine Forschungsergebnisse haben wesentlich zum Verständnis dieser Länder untereinander und in Europa beigetragen.

Deshalb lag es auf der Hand, einen Intellektuellen Lateinamerikas zu bitten, die Bedeutung Alexander von Humboldts aus dieser Sicht darzustellen. Dr. Jaime Labastida ist ein vielfach ausgezeichneter mexikanischer Poet, Essayist, Philosoph und Verleger von Siglo XXI Editores, einem der renommiertesten Verlage des Kontinents. Er hat zwei Bücher über den Weltgeist verfasst und einige seiner Werke herausgegeben.

Herr Labastida, was ist für Sie, einen lateinamerikanischen Intellektuellen, das Faszinierendste an Alexander von Humboldt?

Jaime Labastida: Das Faszinierendste ist für mich nicht nur das, was er über Amerika entdeckt hat, sondern die Methode, die er dabei anwandte. Von Anfang an praktizierte er einen "systematischen Empirismus", wie er sie später nannte. Dieser bestand in empirischen Untersuchungen, aus denen er allgemein gültige Theorien ableitete. Denn er beschränkte sich nicht darauf, Dinge zu beschreiben. Er wollte ihnen vielmehr auf den Grund gehen. Deshalb sammelte und klassifizierte er Pflanzen nicht nur, sondern hielt auch stets die Höhenlage und die Längen- und Breitengrade der Fundstelle fest. Dadurch schuf er eine neue Wissenschaft: die Geografie der Pflanzen. Er war also kein bloßer Sammler von Objekten, sondern jemand, der sie in einen größeren Kontext stellte.

"Die Ignoranz betraf nicht nur sein künstlerisches Werk"

Schumann: Er war ja auch nicht nur Forscher, sondern ebenso Künstler. Er zeichnete sorgfältig und kunstvoll Pflanzen, Steine, Bäume, Wasserfälle, Vulkane und die Landschaft, das heißt er hielt sie mehrdimensional fest. Und Sie, Herr Labastida, haben in Ihren Werken über Humboldt auf diesen Aspekt schon früh hingewiesen.

Labastida: Ich möchte behaupten, dass ein Gutteil seines Werkes grafischen Charakter hat. Humboldts Texte sind nicht wirklich ohne den dazu gehörigen plastischen Aspekt, die Illustrationen, zu verstehen. Er zeichnete beispielsweise von Anfang an die Kordilleren wissenschaftlich. Dazu verwendete er das Teleskop und den Sextanten, um die Gebirgsfalten zu vermessen, damit ein Geologe später feststellen konnte, wie sich beispielsweise der Chimborazo in Ecuador weiter entwickelt hatte.

Schumann: Warum wurde Humboldt als Künstler lange ignoriert, "bis vor kurzem kaum gewürdigt" – wie der Kunstwissenschaftler Horst Bredekamp festgestellt hat? Woher rührt diese Ignoranz?

Labastida: Die Ignoranz betraf nicht nur sein künstlerisches Werk, sondern ebenso viele andere Aspekte seiner wissenschaftlichen Arbeit. In den meisten Ländern Amerikas, die er bereiste, war er lange Zeit nur für seine Beiträge über das jeweilige Land bekannt. Der universale Aspekt seines großen Werkes wurde völlig ignoriert. Und dieser weckte sofort meine Aufmerksamkeit, als ich Humboldt zu erforschen begann. Mein erster Essay hatte deshalb den Titel "Humboldt, dieser Unbekannte". Die Kubaner legten zum Beispiel nur großen Wert auf seine Betrachtung "Politischer Versuch über die Insel Cuba", die Mexikaner auf seine Untersuchung über das Vizekönigreich Neu‑Spanien, die Venezolaner nur auf das, was er über sie geschrieben hat.

Schumann: Deshalb wird ja oft von einem kubanischen Humboldt, einem peruanischen, ecuadorianischen oder einem mexikanischen Humboldt gesprochen. Was war das Besondere, das er in Mexiko entdeckte?

Labastida: Er lernte ein Land voll von sozialer Ungleichheit kennen. Es war das reichste Land des spanischen Amerikas und das mit der größten Ungleichheit. Humboldt schrieb "von denen, die alles haben, und jenen, denen alles fehlt". Im Übrigen war er beeindruckt von den wissenschaftlichen Institutionen in diesem Neu-Spanien, zu dem Mexiko gehörte, und verglich sie mit den besten wissenschaftlichen Einrichtungen in Europa. Sie waren von den spanischen Königen geschaffen worden.

Schumann: Nun war Humboldt auch Ingenieur, Spezialist für Bergbau. Hat er in Mexiko nicht zur Verbesserung der Abbautechnik beigetragen?

Labastida: Das ist wahr, denn er fand in den Minen zwar eine für die dortigen Verhältnisse neuartige Technik vor, aber sie lag weit hinter der modernsten Technik in Europa zurück, vor allem was die Trennung des Silbers von anderen Mineralien betraf. Darauf wies er die Minenbesitzer hin und hielt auch Vorträge darüber. Bei dieser Gelegenheit traf er ehemalige spanische Studienkollegen, auch sie gebildete Leute, jedoch Feinde der Unabhängigkeit. Sie wollten die Kolonien nur modernisieren, um sie besser ausbeuten zu können.

Schumann: Die von Humboldt bewirkte Verbesserung der Technik soll die Ausbeutung der Minen noch verstärkt haben?

Labastida: Es war nicht seine Absicht, dass ausländische Mächte sie sich für ihre Zwecke zunutze machten. Er wollte sie lediglich den einheimischen Produzenten zur Verfügung stellen und die Arbeitsbedingungen erleichtern. Einige der Besitzer wie der Marquis de Regla haben sich dadurch jedoch ungemein bereichert und beispielsweise das Innere der Kathedrale von Tasco mit Gold und Silber ausschmücken lassen. Das war nicht im Sinne Humboldts. Er konnte aber nicht ahnen, dass die Minen später in die Hände von Ausländern fielen.

Schumann: Humboldt beschäftigte sich sehr stark mit der politischen Situation in den Kolonien, denn überall gab es Bestrebungen, sich von der spanischen Vorherrschaft zu befreien. Hat der preußische Adelige den Unabhängigkeitskampf beeinflusst?

Labastida: Das glaube ich nicht. Das ist einer dieser Humboldt-Mythen. Er hat sicher mit Wissenschaftlern und gebildeten Kreisen darüber gesprochen. Aber sein "Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien" wurde erst nach der Unabhängigkeit 1822 veröffentlicht. Und die exzellente Untersuchung "Geopolitische Tafeln des Königreichs Neu-Spanien", die er dort hinterließ, verstaubte sogar im Archiv. Diese kritischen Auseinandersetzungen konnten also die Unabhängigkeit überhaupt nicht beeinflussen. Außerdem waren viele seiner gebildeten und einflussreichen Gesprächspartner keine Parteigänger der Unabhängigkeit. Im Gegenteil: Sie bekämpften sie.

"Er lehnte entschieden die Situation der Sklaven ab"

Schumann: Andererseits kritisierte Humboldt die Ausbeutung sehr scharf.

Labastida: Er lehnte entschieden die Situation der Sklaven ab. Als er nach Venezuela kam, sah er zum ersten Mal einen Sklavenmarkt und war erschüttert. In seinem politischen Essay über Kuba verdammte er erneut die Sklaverei.

Schumann: Dazu ein Zitat von Alexander von Humboldt aus seinem Reisebericht über den Aufenthalt in der venezolanischen Hafenstadt Cumaná:

"Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fünfzehn bis zwanzig Jahren. Man gab ihnen jeden Morgen Kokosöl, um sich den Körper damit einzureiben und die Haut glänzend schwarz zu machen. Jeden Augenblick erschienen Käufer und schätzten nach der Beschaffenheit der Zähne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund gewaltsam auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht."

Und wenig später heißt es in dem Text:

"Man stöhnt auf bei dem Gedanken, dass es noch heutigen Tages europäische Kolonisten gibt, die ihre Sklaven mit dem Glüheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen sind. So behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Mühe des Säens, Ackerns und Erntens ersparen."

Humboldt war Humanist. Woher kommt seine humanistische Haltung? Von der Französischen Revolution?

Labastida: Nicht nur von der Französischen Revolution, sondern auch von seinen früheren Mentoren. Er bewunderte die Französische Revolution und kleidete sich immer wie ein Angehöriger des Direktoriums. 30 Jahre seines langen Lebens verbrachte er in Frankreich und schrieb auf Französisch. Er war 'französiert', eben ein Kosmopolit.

Schumann: Er sah damals – und ich darf ihn zitieren – eine "Wohltat in der Ausrottung des Feudalsystems und aller aristokratischen Vorurteile, unter denen die edlere Menschenklasse so lange geschmachtet hat". Humboldt trug sozusagen "die Ideen von 1789 unter dem Herzen". Er lehnte jedoch die Gewaltexzesse ab, denn er war kein Revolutionär.

Labastida: Keineswegs, aber ein kritischer Mensch, und er trat entschieden für die Meinungsfreiheit ein. Das galt auch für den Austausch von Informationen, die Publikation seiner wissenschaftlichen Resultate. Da verhielt er sich nicht anders als Wissenschaftler von heute, die möglichst rasch möglichst viele Andere daran teilhaben lassen und nichts für sich behalten wollen. Das ist einer der fortschrittlichsten Aspekte seiner Forschungen.

Schumann: Humboldt war ein aufgeklärter Aristokrat, der zwar für die Meinungsfreiheit eintrat, aber nicht generell für politische Freiheiten.

Labastida: Er verstand sich als Republikaner, tolerierte aber die Monarchie und hat in den letzten Lebensjahren von der Unterstützung des preußischen Königs gelebt. Daran gibt es keinen Zweifel.

Schumann: Warum begann Humboldt eigentlich seine Forschungsreisen in Amerika?

Labastida: Durch Zufall. Er hatte die Möglichkeit, eine Reise nach Ägypten zu machen oder einen Kapitän auf einer Reise um die Welt zu begleiten. Als beides fehlschlug, fasste er einen anderen Plan. Er ging nach Spanien und bat die spanische Regierung um einen Passierschein für Amerika, denn die Grenzen waren für Ausländer geschlossen. Er erhielt einen Geleitbrief, der ihm Tür und Tor öffnete, und sammelte in Amerika ein Wissen an wie keiner jemals vor ihm. Oft wird von Humboldt als einem Reisenden gesprochen. Ich mag diesen Begriff gar nicht, denn kein mir bekannter Reisender hat 50 wissenschaftliche Instrumente mit auf die Reise genommen. Er war ein wissenschaftlicher Forscher, kein Reisender.

"Humboldt bereicherte unser Wissen"

Schumann: Und entdeckte also eher zufällig Amerika für sich, ähnlich wie Kolumbus.

Labastida: Aber dieser entdeckte nicht nur Amerika, sondern den Planeten, denn er stellte als erster das globale Ausmaß unserer Welt fest. Humboldt vertiefte diese Erkenntnis danach. Kolumbus suchte nach Gold und Sklaven, um den Reichtum des spanischen Imperiums zu vermehren, das damals gerade erst im Entstehen war. Humboldt dagegen bereicherte unser Wissen zum Beispiel in der Biologie und in der Anthropologie sowie durch die Erkenntnisse über die politische, ökonomische und soziale Situation.

Schumann: In diesem Jahr seines 250. Geburtstags wird ihm gern ein alter Vorwurf gemacht: Humboldt sei eine Art Spion des US-amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson gewesen, denn er habe diesem erlaubt, eine Landkarte des von ihm vermessenen Louisiana kopieren zu lassen.

Labastida: Diese Karte hat Humboldt in seinem "Atlas über die geografische und politische Lage Neu-Spaniens" publiziert und sie war jedermann seit 1811 zugänglich. Spione machen so etwas nicht. Auch hat er nicht nur eine Landkarte veröffentlicht, sondern eine ganze Serie von Daten, einen kompletten Atlas über das Vizekönigreich mit 30 oder 40 Zeichnungen, einschließlich des Profils der Kordilleren von Acapulco bis Veracruz. Was hat das mit Spionage zu tun? Er hat den Atlas dem Vizekönig übergeben und selbst eine Kopie behalten. Diese durfte Jefferson kopieren. Außer seinem Exemplar sind die beiden anderen Atlanten jedoch verschwunden.

Schumann: Woher stammen solche Behauptungen, Herr Labastida?

Labastida: Von einem bornierten Nationalismus. Zuerst hieß es, Humboldt sei als Zeichner ein Plagiator gewesen. Dann sollte er seine Erkenntnisse aus Gesprächen mit den besten Fachleuten bezogen haben. Solche Vorwürfe gab es in jedem Land. Natürlich hat er die Archive ausgewertet, zu denen man ihm Zugang verschaffte, und hat mit diesen Leuten gesprochen. Ein solcher Austausch ist doch wunderbar und wichtig an der Arbeit Humboldts, denn die Spezialisten sollten seine Interpretation und nicht nur die Daten kennenlernen.

Schumann: Hat Humboldt sein integrales, globales Verständnis der Welt auf dieser Amerika‑Reise entwickelt?

Labastida: Daran habe ich keine Zweifel. Jetzt erst vermochte er seine Erkenntnisse aus Europa mit den in Amerika entstandenen zu vergleichen, und zwar anhand von Pflanzen und geologischen Ausprägungen der Erdoberfläche. Daraus entstand ein Text über Evolutionen auf unserem Globus, in dem er Ähnlichkeiten bei bestimmten Phänomenen auf beiden Seiten des Atlantiks in Beziehung setzte.

Schumann: Zum Beispiel in seinem - auf Deutsch - "Geognostischen Versuch über die Lagerung der Gebirgsarten in beiden Erdhälften".

Labastida: Dadurch erhielt er eine ganz neue Vorstellung von der Dimension des Planeten. Seine spätere Reise nach Russland hatte keineswegs die umfassende Bedeutung seiner Amerika-Reise. Aber auch diese diente ihm zu generellen Vergleichen.

Schumann: Können wir etwas von seinem ganzheitlichen, globalen Verständnis der Welt lernen?

Labastida: Hoffentlich. Denn Humboldt wollte immer vergleichbare Linien an gewissen fundamentalen Variablen herausarbeiten. Die Karten, die zu seinem Lebenswerk "Kosmos" gehören, enthalten deshalb die Isothermen, Linien gleicher Temperatur, die Isobaren, Linien gleichen Drucks und so weiter. Das heißt, er erfasste den Planeten in seiner Universalität. Das zeigen auch die "Karten über das geografische und physische Neu-Spanien". Sie sind fantastisch. Sie behandeln ein riesiges Territorium und enthalten unter anderem Zeichnungen von den mexikanischen Vulkanen. Sie sind wiederum Teil der 90 Karten seines universalen "Kosmos".

Schumann: Inwieweit kann Humboldt, dieser "wichtigste Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts", wie Sie ihn nennen, Intellektuelle, Wissenschaftler, Forscher, Philosophen heute noch beeinflussen?

Labastida: Die heutige Wissenschaft hat einen derartigen Grad der Spezialisierung erreicht, dass sie Humboldts universalem Denken überhaupt nicht mehr entspricht. Vielleicht ist er sogar der letzte Forscher von universaler Bildung. Er war ein Kenner vieler Wissenschaften und hat Beiträge zu ihrer Weiterentwicklung geliefert, zum Beispiel in der Botanik. 15 der Bücher, die er über seine Amerika-Reise schrieb, sind der Flora gewidmet. Dabei ist er bei solchen Detailkenntnissen nie stehengeblieben, sondern hat sie - wie gesagt - in einen universalen Kontext gestellt. Das ist für mich das Erstaunlichste. Und dadurch hat er Darwin beeinflusst. Auch seinen Abenteurer‑Charakter als Forscher finde ich erstaunlich, denn er wollte auf dem Orinoco bis zu dessen Quellen vordringen.

Schumann: Das hat er zwar nicht geschafft, aber statt dessen und im Gegensatz zu der herrschenden Lehrmeinung entdeckt, dass es doch eine natürliche Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonas gab. Dabei hat er sich und seiner Begleitung oft das Äußerste abverlangt – wie sein Reisebericht zeigt.

"Da unser Diener dem heftigen Regen weit mehr als wir ausgesetzt gewesen war, entwickelte sich die Krankheit bei ihm furchtbar rasch. Seine Kräfte lagen so darnieder, dass man uns am neuen Tag seinen Tod meldete. Es war aber nur eine mehrstündige Ohnmacht, auf die eine heilsame Krise eintrat. Zur selben Zeit wurde auch ich von einem sehr heftigen Fieber befallen; man gab mir mitten im Anfall ein Gemisch von Honig und Extrakt der China vom Rio Carony. Das Fieber wurde daraufhin stärker, hörte aber am andern Tag auf. Bonplands Zustand war sehr bedenklich, und wir schwebten mehrere Wochen in der höchsten Besorgnis."

Schumann: Humboldt machte sich selbst Vorwürfe, dass er durch eine verwegene Entscheidung das Leben der kleinen Gruppe aufs Spiel gesetzt hatte.

"Den Weg über die Flüsse hatte ich selbst gewählt, und in der Gefahr, in der mein Reisegefährte schwebte, erblickte ich die unselige Folge dieser unvorsichtigen Wahl."

"Darwin und Humboldt haben sich nie persönlich kennengelernt"

Schumann: Das Buch, aus dem diese Zitate stammen – "Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents" – hat ein anderer berühmter Forscher auf einer seiner Reisen gelesen: Charles Darwin.

Herr Labastida, welches Verhältnis hatten die beiden Wissenschaftsgrößen?

Labastida: Es gab keine direkte Beziehung, beide haben sich nie kennen gelernt. In einem Brief an seinen Bruder schrieb Darwin allerdings, dass er bisher Humboldt bewundert habe, doch nach der Lektüre dieses Buches würde er ihn verehren, denn er habe ihm eine neue Dimension eröffnet. Er habe verstanden, was ihn wirklich bewege, und wie er die Natur erforsche.

Schumann: Wie verhielt sich Humboldt überhaupt in den gelehrten Kreisen? Man hat ihn oft dafür kritisiert, dass er seine Quellen, seine Informanten nicht erwähnt, auf Zusammenarbeit keinen Wert gelegt und den Lateinamerikanern sogar seine Resultate vorenthalten haben soll.

Labastida: Aber er ist doch nie mehr nach Lateinamerika zurückgekehrt. Wie hätte er seine Erkenntnisse anders mit ihnen teilen können als durch deren Publikation? Sie standen allen zur Verfügung. Ein Beispiel: seine "Ansichten der Kordilleren und Monumente indigener Völker", die ich vor einiger Zeit auf der Grundlage der ersten Übersetzung endlich in Mexiko herausgegeben habe, waren damals im Besitz verschiedener großer mexikanischer Historiker. Sie wurden durch die Lektüre stark beeinflusst, nur eben nicht durch den persönlichen Kontakt mit dem Autor. Humboldt hatte durchaus die Absicht, Neu-Spanien wieder zu besuchen, denn die Stadt Mexiko hatte ihm sehr gefallen. Aber es kam nicht dazu, denn er hat 30 Jahre lang in Paris die gesammelten Erkenntnisse aufgearbeitet, hat verschiedene Orte in Europa aufgesucht und die letzten 30 Jahre in Berlin verbracht.

Schumann: In dem von Ihnen gerade erwähnten Buch beschäftigt sich Humboldt mit den indigenen Völkern. Ging sein Interesse an ihnen über die rein wissenschaftliche Neugier hinaus?

Labastida: Zu lebenden Indigenen hatte er, glaube ich, keine besondere Beziehung. Er erwähnte sie als eine demografische Zahl: Sie sollen 40 Prozent der Bevölkerung in Neu-Spanien ausgemacht haben. Ihn interessierte weniger die indigene Bevölkerung als die Hochkulturen Mittelamerikas – wie der Buchtitel zeigt. Er klassifizierte sie alle als Teil einer mexikanischen Kultur. Inzwischen wissen wir, dass es Kulturen der Mayas, der Zapoteken und der Olmeken und so weiter waren. Für ihn galten sie jedoch alle als mexikanisch. Andererseits wurden die autochthonen Einwohner in der Kolonialzeit nicht als Mexikaner bezeichnet, sondern als Nahuas. Und sie selbst nannten sich Amerikaner. Von Mexiko spricht man überhaupt erst nach der Unabhängigkeit.

Schumann: Das ist ja reichlich verwirrend, und es überrascht nicht, wenn Humboldt hier nicht genauer differenzierte. Er hat jedoch nicht nur die imposanten Ruinenstädte, sondern selbst die Felszeichnungen, die er auf seiner Orinoco-Reise fand, bewundert.

"Hier findet man auf den härtesten Granitfelsen plumpe Bilder eingegraben, welche Sonne, Mond und verschiedene Tiere darstellen und darauf hinweisen, dass hier früher ein ganz anderes Volk lebte, als das wir an den Ufern des Orinoco kennengelernt. Wenn einmal die Bewohner beider Amerika mit weniger Geringschätzung auf den Boden sehen, der sie ernährt, so werden sich die Spuren früherer Jahrhunderte unter unsern Augen von Tag zu Tag mehren. Ein schwacher Schimmer wird sich dann über die Geschichte der barbarischen Völker verbreiten, über die Felswände, die uns verkünden, dass diese jetzt so öden Länder einst von tätigeren, geisteskräftigeren Menschenrassen bewohnt waren."

An solchen Zitaten aus seinen Reisetagebüchern lässt sich erkennen, dass Humboldts Verhältnis zur damaligen indigenen Bevölkerung nicht ganz ungebrochen war. - Noch einmal zurück zu seinen interkontinentalen Kontakten. Er war ja ein unermüdlicher Briefeschreiber. Seine Korrespondenz umfasst Zehntausende von Briefen. Auf diese Weise pflegte er natürlich einen permanenten Ideenaustausch mit Intellektuellen in Amerika.

Labastida: So ist es. In Neu-Spanien hatte er bevorzugt Kontakt zu gebildeten Kreisen wie zum Beispiel Manuel Abad y Queipo, den spanischen Bischof von Michoacán, um nur einen zu erwähnen. Dieser bekämpfte zwar zunächst die Unabhängigkeit, vertrat jedoch sozioökonomische und politische Reformen, die Humboldt interessierten. In Spanien musste er sich später vor der Inquisition wegen Ketzerei verantworten. Er galt als Häretiker, war also alles andere als ein Reaktionär, sondern eher ein Parteigänger der Unabhängigkeit und der Revolution.

Schumann: Manche Leute halten Humboldt für den ersten 'Netzwerker', weil er ein so umfassendes Netz an Kontakten schuf.

Labastida: Natürlich. Es soll 90.000 von ihm geschriebene Briefe geben außer den zahllosen, umfangreichen Forschungsberichten, 90.000 Briefe an die größten Wissenschaftler seiner Zeit. Er war unermüdlich.

Schumann: Damals gab es zwar noch kein Fernsehen und kein Internet, aber das zu schaffen, ist doch eine ungeheure physische und geistige Anstrengung, zumal seine Forschungen weiterliefen. Das dürfte einzigartig sein.

Labastida: Das ist einzigartig. Ich kenne niemand Vergleichbaren. Der einzige, der eine ähnlich universale Weltsicht besaß, ist Hegel. Aber der war kein Wissenschaftler, sondern Philosoph und betrieb auch keine Feldforschung.

Schumann: Humboldt gilt als Vordenker der Ökologie. Er war gegen den Raubbau der Natur und trat für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ein. Sind diese Erkenntnisse durch den überwältigenden Eindruck der tropischen Landschaft am Anfang seiner fünfjährigen Amerika-Reise in Venezuela vorgeprägt worden?

Labastida: Gewiss. Während er den Orinoco hinauffuhr, schlief er unter freiem Himmel, in Hängematten. Damals lernte er den immensen Reichtum der "ursprünglichen" Wälder, wie er sie nannte, kennen. Und er schrieb einen wunderschönen Essay über das nächtliche Treiben der Tiere im Urwald. Er wurde immer wieder durch die Schreie der Affen und die Vielstimmigkeit der Tiere in der Nacht geweckt. Er vertrat stets die These, dass die Stürme vorüberziehen und die Natur nicht aus dem Gleichgewicht bringen würden.

Schumann: Humboldts idealisierender Begriff von einer relativen Harmonie in der Natur steht allerdings im Widerspruch zur Evolutionstheorie von Charles Darwin. – Was halten Sie, Herr Labastida, für Humboldts wichtigsten Beitrag der Erforschung Amerikas?

Labastida: Die beiden Amerikas ließen in ihm seine universale Weltsicht entstehen, auf die ich schon hingewiesen habe. Nach der Unabhängigkeit wurden uns erst seine enormen Beiträge zum Verständnis unserer Länder bewusst. Wir haben in ihnen gelebt, aber sie nicht gekannt. Humboldt hat in der kurzen Zeit, in der er sich in den einzelnen Ländern aufhielt, wesentlich dazu beigetragen. Das ist höchst erstaunlich. Es war den Leuten unbegreiflich, wie er in den fünf Jahren seiner Reisen durch Neu-Spanien ein hellsichtiges Buch über die politischen Verhältnisse schreiben konnte. Oder wie er in den wenigen Monaten seines Aufenthaltes in Kuba eine Landkarte mit solcher Perfektion zeichnen und die politische, kulturelle und soziale Situation der Insel beschreiben konnte. Wie er in Venezuela den Orinoco hinauffuhr und in Caracas das Silla-Gebirgsmassiv bestieg. Es ist unglaublich, wie ihm dies alles gelang und wie er außerdem noch die soziopolitische Lage zu beschreiben vermochte und immer wieder den Sklavenhandel verdammte.

Schumann: Was bleibt von dem unermesslichen Erbe dieses preußischen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts außer der Bewunderung durch uns Menschen des 21. Jahrhunderts?

Labastida: Vor allem zwei Dinge: natürlich seine historischen Beiträge, denn seine gesamten Forschungen besitzen inzwischen einen historischen Charakter genauso wie die von Aristoteles, Descartes, Newton oder Einstein. Sie können und sollten von neuen Generationen weiterentwickelt werden. Und andererseits Humboldts wissenschaftliche Methode, diesen "systematischen Empirismus", das heißt: empirische Forschung zu betreiben und daraus allgemeine Theorien abzuleiten.

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