Dienstag, 07.04.2020
 
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Jakob Tanner: "Geschichte der Schweiz"Eidgenössische Extrawurst

In diesem Herbst wird in der Schweiz ein neues Parlament gewählt. Die EU wird im Wahlkampf auffällig wenig thematisiert. Der finanzstarke Kleinstaat im Zentrum Europas versteht sich gerne als Sonderfall und geht seinen eigenen Weg. Wie es dazu kam, analysiert Jakob Tanner in seiner "Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert".

Von Eva Pfister

Schweizer Landesgrenze ( imago/Geisser)
Schweizer Landesgrenze ( imago/Geisser)
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Es ist in diesem großen Geschichtswerk nicht zu übersehen, dass die Schwerpunkte von Jakob Tanner in der Wirtschafts- und Finanzpolitik liegen. Der Historiker war bis zu diesem Sommer Professor für neuere Schweizer Geschichte an der Universität Zürich und Leiter der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Schon im ersten Kapitel, bei seiner Darstellung der Schweiz um 1900 widmet er sich vor allem der Ökonomie. So schildert er etwa die lebhaften Aktivitäten von Schweizer Unternehmen in den europäischen Kolonien, auch wenn die Schweiz selbst nie Gebiete auf anderen Kontinenten besaß. Man habe eben begriffen, dass die Kosten für eine politische und militärische Intervention zu hoch waren.

"Zugleich konnten Schweizer Firmen mittels Informationsbeschaffung und Marktkenntnis vom Aufbau und vom Vorhandensein einer kolonialen Infrastruktur profitieren. So nutzten sie die öffentlichen Investitionen (zum Beispiel: Eisenbahn, Telegraphie oder Bewässerung), welche die Briten in Indien getätigt hatten, und traten dabei durchaus auch in Konkurrenz zu englischen Firmen."

"Trittbrettfahren" nennt Jakob Tanner diese Strategie der Schweiz. Ihre zwiespältige Rolle als neutraler Kleinstaat und wirtschaftliche Großmacht ist der rote Faden, der sich durch seine "Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert" zieht, bis hin zur heutigen EU-Abstinenz des mit Europa so eng verflochtenen Landes.

Besondere Aufmerksamkeit richtet Tanner auf das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Bis heute halten weite Teile der Bevölkerung am Glauben fest, dass es die militärische Abschreckung der Schweizer Armee war, die das nationalsozialistische Deutschland davon abhielt, in die Schweiz einzumarschieren. Jakob Tanner hält ihnen die Fakten entgegen:

"Wenn im Sommer 1940 nach der Kapitulation Frankreichs, wo gegen tausend kampferprobte Panzer direkt an der Schweizer Grenze stehen, die Schweizer Armee zu zwei Dritteln demobilisiert wird – von 450.000 auf knapp 150.000 im Herbst -, dann fallen dem Historiker natürlich Fragen dazu ein: Ja wieso hat man das gemacht? Man entdeckt dann, dass im August 1940 ein Wirtschaftsvertrag mit Deutschland zustande kam, dass es auch ganz wichtig für die innere Schweizer Stabilität war, dass eben die Arbeitsplätze gesichert waren, das war aber nur auf Kosten der Zusammenarbeit mit Deutschland zu haben – wir haben hier eine doch sehr komplizierte Situation, die einfache Heroenerzählungen überfordert."

In seinen Wertungen bleibt Jakob Tanner differenziert: Der neutrale Kleinstaat hätte sich im Krieg nicht anders als opportunistisch verhalten können, meint er, jedoch hätte es damals im Umgang mit Flüchtlingen durchaus Spielraum für mehr Humanität gegeben. Hier habe die Schweiz ebenso versagt wie in ihrer Verantwortung für sozial Schwache und andere Randgruppen; auch dies ist ein Aspekt, den der Autor immer wieder aufgreift. Dass man den Frauen die politischen Rechte bis 1971 vorenthielt, kreidet Tanner seiner Heimat ebenso an wie ihr Umgang mit den ausländischen Arbeitskräften.

Eine Darstellung so detailliert wie engagiert

"Wenn die Schweiz einen ziemlich aggressiven, erfolgreichen Standortwettbewerb betreibt, mit Steuerkonkurrenz, mit Vergünstigungen für Firmenansiedlungen, muss sie sich ja nicht wundern, wenn dann auch ausländische Arbeitskräfte benötigt werden. Ohnehin würde das Gesundheitssystem, das Bildungssystem, die ganze Gastronomie gar nicht funktionieren ohne sehr viele ausländische Arbeitskräfte. Wenn man dann gleichzeitig sagt: die wollen wir nicht oder wir wollen eine Regelung, die es uns ermöglicht, die zu diskriminieren, dann finde ich das keine Haltung, die der Schweiz mit ihrem Selbstverständnis entspricht, denn wir sind ja kein Staatswesen, das auf Diskriminierung angelegt ist."

Diese Kritik führt Tanner bis in die Gegenwart hinein. So hinterfragt er den Populismus der aktuell so erfolgreichen Schweizer Volkspartei SVP, deren ausländerfeindliche Kampagnen ausgerechnet von milliardenschweren Global Players finanziert werden:

"Hier geht es, wie bei der Migrationspolitik, nicht um Öffnung versus Abschottung, sondern um eine Aufspaltung. Arbeitsmarktdiskriminierungen sollen national genutzt werden; konsequenterweise wird ein Ausländerstimmrecht strikt abgelehnt. Eine solche Politik lässt sich im Sonderfall-Modus besser realisieren als mit einer EU-Mitgliedschaft. Sie wird heute von breiten bürgerlichen Kräften unterstützt. Die SVP formiert jene Kräfte, die, frei nach Chateaubriand, davon ausgehen, die Schweiz könne künftig auf das Elend der EU und die Katastrophe des Euro eine Bank bauen."

Jakob Tanners Darstellung ist so detailliert wie engagiert. Ein Problem ist jedoch der Aufbau seines Geschichtswerks. Er geht chronologisch vor und versucht, in kurzen Zeitabschnitten jeweils möglichst viele Aspekte aufzugreifen. Dadurch springt er immer wieder: von den Militärausgaben zu den Arbeitskämpfen, von der Währungspolitik zu den Problemen und Chancen der direkten Demokratie und so weiter. Das erschwert doch die Lektüre; lieber würde man wichtige Themen wie das Bankgeheimnis oder die Schwäche der Arbeiterbewegung einmal konzentriert durch das 20. Jahrhundert hindurch verfolgen können, statt ihnen vielfach gestückelt stets von Neuem zu begegnen. In seiner mäandernden Analyse, wie Jakob Tanner sein Vorgehen nennt, macht er jedoch klar, dass die nationalen Mythen der eigensinnigen Eidgenossen meist nur dazu dienten, die Politik der internationalen Großkonzerne zu verschleiern.

Jakob Tanner: "Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert". Verlag C.H.Beck, München 2015, 679 Seiten, 39,95 €

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