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StartseiteSport am WochenendeGar nicht cool25.02.2018

Jamaika-BobGar nicht cool

Beim Streit um den Jamaika-Bob kommt keiner gut weg. Weder der Bobverband von der Karibikinsel noch die deutsche Trainerin Sandra Kiriasis. Die Kollateralschäden reichen weit.

Von Jürgen Kalwa

Der Jamaika-Bob von Jazmine Fenlator-Victorian und Carrie Russell. (imago sportfotodienst)
Der Jamaika-Bob von Jazmine Fenlator-Victorian und Carrie Russell. (imago sportfotodienst)
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Wer sich für die Karriere der Bobpilotin Jazmine Fenlator-Victorian interessiert, kann auf ihrer Instagram-Seite viele Momentaufnahmen finden, die ihren sportlichen Werdegang illustrieren.

Darunter solche aus dem Winter vor vier Jahren, als sie zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilnahm. In einem engen blauen Rennanzug mit drei großen weißen Lettern auf dem Rücken: "USA".

Die Zweierbob-Fahrerinnen Jazmine Fenlator-Victorian und Carrie Russell aus Jamaika. (imago sportfotodienst)Die Zweierbob-Fahrerinnen Jazmine Fenlator-Victorian und Carrie Russell aus Jamaika. (imago sportfotodienst)

Die 32-jährige aus New Jersey ging damals mit der prominenten Hürdensprinterin Lolo Jones ins Rennen. Das Resultat war eine Enttäuschung: Platz elf von neunzehn Bobs und weit abgeschlagen hinter den beiden anderen amerikanischen Teams, die in Sotschi Silber und Bronze gewannen.

Es war nicht das Ende ihrer Ambitionen. 2015 wechselte sie – Tochter eines jamaikanischen Vaters und einer Mutter mit deutschen, polnischen und lettischen Wurzeln – einfach den Verband. Und sie schrieb sich bei der Gelegenheit ein neues Thema auf die Fahnen: Vorbild in Sachen Hautfarbe.

Inspiriert von "Cool Runnings"

Ein emotionales Anliegen, wie sie bei einer Pressekonferenz in Pyeongchang deutlich machte: "Es ist mir wichtig, dass kleine Mädchen und kleine Jungen jemand erleben, der so aussieht und redet wie sie. Der dieselbe Kultur repräsentiert, der krause Haare und dunkle Haut hat. Wenn du ohne das aufwächst, hast du das Gefühl, dass du so etwas nie schaffen wirst. Und das ist einfach nicht richtig."

Es klang nach einer der Wohlfühl-Geschichten, auf die man beim IOC so stolz ist. Einfach zu erklären. Inspiriert vom jamaikanischen Viererbob in Calgary 1988. In Hollywood später unter dem Titel "Cool Runnings" inszeniert.

Trainerin wurde ihres Amtes enthoben

Cool ging es in Südkorea allerdings überhaupt nicht zu. Denn kurz vor Beginn der Bob-Wettbewerbe wurde die einzige wirkliche Fachkraft im Team, Trainerin Sandra Kiriasis, einfach ihres Amtes enthoben.

Sie war verblüfft, dass sie "das Jamaika-NOK-Team verlassen muss, aus dem Dorf ausziehen muss, meine Akkreditierung abgeben muss, noch einen Bahn-Pass bekommen soll, damit ich weiterhin Bahntrainerin sein kann. Mit dem Zusatz, und nicht nur einmal mit dem Zusatz: ohne Kontakt zu den Athleten zu haben. Der wurde mir untersagt."

Die Bob-Olympiasiegerin und Trainerin von Bobteam Jamaika, Sandra Kiriasis, steht im Zielbereich.  (dpa)Die Bob-Olympiasiegerin und Trainerin von Bobteam Jamaika, Sandra Kiriasis, steht im Zielbereich. (dpa)

Kiriasis spitzte die Sache zu, als sie sich weigerte, dem Team den teuren Bob zu überlassen. Den habe sie persönlich besorgt und fühle sich für ihn verantwortlich.

Die Wortgefechte in den Medien konnten aber nicht aufklären, was eigentlich der Auslöser für die Auseinandersetzung gewesen war. Jazmine Fenlator-Victorian hüllt sich bis heute in Schweigen.

"Eine untergeordnete Trainerin"

Auch Leo Campbell, der Chef de Mission der jamaikanischen Olympiamannschaft, blieb in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" eher wolkig.

Betonte aber, dass die unbotmäßige Angestellte seines Verbands eigentlich sowieso nichts zu sagen gehabt hätte: "Sie war Assistenzcoach, kein Chefcoach. Sagen wir, eine untergeordnete Trainerin."

Jamaika-Bob nur Vorletzter

Zum Glück für den Verband sprang eine jamaikanische Brauerei ein und zahlte das Geld, um denselben Bob zu kaufen. Fenlator-Victorian und Bremserin Russell Carrie landeten allerdings nur auf dem 19. Platz von 20 Teilnehmern.

Schlagen konnten sie mal gerade die Mannschaft aus Nigeria, die sie mit ihrem Knatsch in den Schatten gedrängt hatten. Dass in Pyeongchang die ersten Repräsentanten Afrikas im olympischen Eiskanal an den Start gegangen waren, wurde durch das Theater im Lager der Jamaikaner völlig in den Hintergrund gedrückt.

Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und Anschieberin Carrie Russell aus Jamaika starten. (dpa)Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und Anschieberin Carrie Russell aus Jamaika starten. (dpa)

Auch die deutsche Trainerin sah irgendwann nicht mehr besonders gut aus, weil einige ihrer Behauptungen von der BSC Winterberg Marketing GmbH, dem ursprünglichen Besitzer des Bobs, in Abrede gestellt wurden.

"Frau Kiriasis hat den Bob für Jamaika nicht organisiert oder besorgt", hieß es in einer Stellungnahme, die darüberhinaus erklärte: Die Goldmdaillengewinnerin von 2006 sei schon gar nicht "zu irgendeiner Zeit 'Besitzerin' des Bobs" gewesen".

Die ganze Episode brachte kurioserweise die Vorbereitungsroutine einer anderen Fahrerin durcheinander – der zweimaligen Olympiasiegerin Kaillie Humphries aus Kanada.

"Sandra ist eine starke Frau"

Sie wird ebenfalls von Kiriasis trainiert, die nun, weil ihr die Jamaikaner die Akkreditierung weggenommen hatten – nicht mehr an die Strecke durfte.

Sie schätzte gegenüber der Internetplattform Sport1 die Auseinandersetzung so ein: "Ich glaube, dass irgendwann ein Punkt erreicht wurde, an dem der Stolz gewisser Personen verletzt wurde. Sandra ist eine starke Frau. Sie weiß, wie man gewinnt, deshalb wollte ich sie auch in meinem Team. Davon fühlen sich Männer manchmal bedroht und davon fühlen sich Organisationen und Verbände bedroht, die ihren Laden nicht im Griff haben."

Gold ging an Mariama Jamanka

Der Streit wirkte sich für Humphries, die einst übrigens die Verbindung zwischen der Deutschen und den Jamaikanerinnen eingefädelt hatte, ganz offensichtlich ebenfalls negativ aus.

"Wenn sie nicht hier an der Bahn ist, wird es schwierig", prophezeite sie. Und tatsächlich. Humphries holte diesmal nur Bronze. Gold ging an Mariama Jamanka. Jamanka. Nicht Jamaika.

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