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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Sechs Monate undercover in Niedriglohn-Britannien"28.05.2018

James Bloodworth"Sechs Monate undercover in Niedriglohn-Britannien"

Undercover recherchieren - so stellt man sich die klassische Arbeit von Investigativ-Journalisten vor. James Bloodworth hat in Großbritannien sechs Monate lang als Undercover-Journalist in schlecht bezahlten Jobs gearbeitet. "Hired" - also "Angestellt" - heißt sein Buch.

Sandra Pfister im Gespräch mit Catrin Stövesand

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ARCHIV - Das Logo des umstrittenen Fahrdienst-Vermittlers Uber ist am 03.06.2014 in einer Filiale in San Francisco (USA) zu sehen. Der umstrittene Fahrdienst-Vermittler erweitert sein Einzugsgebiet um 24 St (dpa/Christoph Dernbach)
Undercover: Der Autor James Bloodworth arbeitete auch für das Unternehmen Uber als "Taxi"-Fahrer (dpa/Christoph Dernbach)
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James Bloodworth hat mehrere Wochen in einem Amazon-Logistikzentrum in Großbritannien gearbeitet, er schildert, wie er permanent kontrolliert und schikaniert wurde. Die Arbeit mache krank, so sein Fazit: die Schlagzahl, die Müdigkeit, der Druck, die Monotonie und die Schikanen. Bloodworth beschreibe zwar aus eigener Erfahrung, lenke den Blick aber auf die wirklichen Angestellten, hebt unsere Rezensentin Sandra Pfister hervor. Die Briten, die hier arbeiteten, hätten zwei oder drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Alle Firmen, in denen Bloodworth arbeitete, liegen in strukturschwachen Regionen. Dort gibt es kaum Job-Angebote. Das begünstige prekäre Beschäftigung und schlechte Arbeitsbedingungen. Das seien auch die Regionen, die größtenteils für den Brexit gestimmt haben.

Bloodworth arbeitete auch für Uber als "Taxi"-Fahrer und in einem Call-Center. Besonders schlimm sei es jedoch in einem Altenheim gewesen, das zur Kette "Carewatch UK" gehört. Er schreibt darüber, wie sehr die alten Menschen vernachlässigt würden, weil das Personal so wenig Zeit habe.

Sonderfall Großbritannien

So rechtlos wie in Großbritannien seien die Arbeitskräfte in Deutschland nicht, das werde sehr deutlich in Bloodworths Buch, betont Sandra Pfister. Die in der Thatcher-Ära vollzogene Entmachtung der Gewerkschaften habe ganz andere Dimensionen schlechter Beschäftigungsverhältnisse ermöglicht. Etwa "zero-hour contracts": Angestellte mit solchen Verträgen müssen sich immer zur Arbeit bereithalten, aber wenn das Unternehmen einen nicht braucht, gibt es auch kein Geld.

Das Buch zwinge den Leser, hinter die Kulissen unseres Lebensstils zu schauen. Der Autor kritisiere unverhohlen, dass viele von uns offenkundig das Gefühl hätten, wir könnten uns für wenig Geld von vorne bis hinten bedienen lassen - eine Art Neo-Feudalismus für die moderne Mittelschicht.

Daneben mache Bloodworth deutlich, welche Verantwortung die Politik in punkto Beschäftigung trage. Viele der Probleme in Großbritannien seien von konservativen Politikern hausgemacht, Deregulierung schade Menschen ganz konkret.

James Bloodworth: "Hired. Six Months Undercover in Low-Wage Britain." - "Angestellt. Sechs Monate undercover in Niedriglohn-Britannien"
Verlag Atlantic Books, 288 Seiten, 16,99 Euro.

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