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StartseiteCorso"Konventionell schön"15.02.2020

James-Bond-Song von Billie Eilish"Konventionell schön"

Billie Eilish hat das erreicht, was andere Popstars höchstens nach vielen Berufsjahren dürfen: ein James-Bond-Titelstück komponieren. Das Resultat lässt allerdings die Experimentierlust ihrer sonstigen Songs vermissen und bewegt sich in der Tradition großer Bond-Ouvertüren.

Raphael Smarzoch im Gespräch mit Christoph Reimann

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Billie Eilish bei der Vanity Fair Oscar Party am 9.02.2020 in Beverly Hills, Los Angeles Vanity Fair Oscar Party 2020 in Beverly Hills (imago images / APress)
Jetzt hat sie auch ein James-Bond-Titelstück komponiert: Die US-amerikanische Musikerin Billie Eilish (imago images / APress)
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Christoph Reimann: Für wen war das jetzt etwas Neues, also für Billie Eilish oder für die James-Bond-Titelsong-Reihe?

Raphael Smarzoch: Ich würde sagen, es ist erst mal konventionell schön. Und in diesem Sinne vielleicht auch eine Überraschung. Von Billie Eilish hätte man etwas anderes erwartet. Also keine Verarbeitung klassischer musikalischer Bond-Themen, sondern einen experimentelleren Zugang, wie man ihn aus ihren Solo-Stücken kennt. Also, beispielsweise die Arbeit mit elektronischen Texturen, Rhythmen oder Manipulationen ihrer Singstimme. 

Typische Zutaten eines Bond-Songs

Aber nichts davon ist in "No Time to Die" zu hören. Stattdessen bekommt man die typischen Zutaten für einen Bond-Song serviert. Ein opulentes Orchester-Arrangement, das in diesem Fall von Soundtrack-Komponist Hans Zimmer stammt. Eine wabernde Twang-Gitarre schleicht sich auch in den Song, die einzelne Töne spielt, durchaus prominent platziert im Stück. Vielleicht, weil sie von Johnny Marr stammt, ehemals als Gitarrist bei The Smiths aktiv.

Und dann gibt es dieses Spiel mit unterschiedlichen Dynamiken, das auch wirklich sehr vorhersehbar ist. So wie eine musikalische Gaußsche Glockenkurve: Das Stück beginnt sehr leise, um wenige Augenblicke später im Bombast aufzugehen und anschließend wieder so zu enden wie es begann, allerdings mit einem offenen Akkord am Schluss, der vielleicht so etwas wie eine Art Fragezeichen ist.

Reimann: Also ist das jetzt ein würdiger James-Bond-Titel, den man in eine Reihe stellen könnte mit anderen James-Bond-Songs, da gibt es ja viele Klassiker mittlerweile?

Smarzoch: Ja, das ist durchaus möglich. "No Time To Die" ist eine Art Potpourri aus erfolgreichen Bond-Stücken. Es ist ein sehr opportunistisches Stück, das vielleicht auch zeigt, dass Billie Eilish doch nicht so rebellisch ist, wie sie sich immer gibt und wie sie von der medialen Öffentlichkeit dargestellt wird.

Denn gerade hier wäre es ja möglich gewesen, aus dem engen Klangkorsett auszubrechen und etwas Neues auszuprobieren. So wie es etwa Madonna 2002 getan hat, mit dem Stück "Die Another Day", das Elemente aus der Disco-Musik und Elektronik verarbeitet und den orchestralen Bond-Bombast eiskalt ignoriert. Das gilt auch für "Another Way To Die" von Jack White und Alicia Keys, die den Bond-Klangkosmos mit Blues und R&B erweitern. Aber genau diese Stücke sind bei der Fangemeinde gescheitert.

Sicherer Weg ohne Überraschungen

Stattdessen gehen Eilish und ihr Bruder, mit dem sie schon ihr Album "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" komponierte, den sicheren Weg. Die Klaviermelodie ganz zu Beginn des Stücks spielt mit Motiven aus Monty Normans klassischer James Bond Titelmelodie.

Es gibt auch Verweise an John Barrys "Diamonds are Forever" oder "From Russia with Love". Man hört Tina Turners "Goldeneye" oder auch Adeles "Skyfall". Und vor diesem Hintergrund muss man dem Geschwisterpaar zugestehen, dass sie sehr gute und aufmerksame Zuhörer sind, die aus historischen Materialien etwas Eigenes, wenn auch nicht unbedingt Innovatives erschaffen können.

Reimann: Also doch nur purer Eklektizismus und wenig Billie?

Smarzoch: Ihre Stimme ist natürlich sehr Billie. Sie klingt schlafwandlerisch und sanft, wie fürs Hören mit Kopfhörern gemacht, fast schon ASMR-artig, aber auch sehr intensiv und emotionsgeladen, was auch gut mit der Textebene des Stücks harmoniert, in dem es um die toxische Seite von Ian Flemings James Bond-Charakter geht, die in den letzten Filmen zunehmend in den Mittelpunkt rückte. Also, seine Tendenz, sich zu isolieren und ihm nahestehende Menschen zu verprellen.

Eine Neujustierung im James-Bond-Gefüge

Vielleicht spricht diese introspektive Seite des Songs auch für einen Neujustierung im James Bond-Gefüge. Einerseits Billy Eilish, die nicht der klassischen Bond-Diva entspricht. Andererseits die Überlegungen, James Bond von einer Person of Color oder Frau verkörpern zu lassen.

Reimann: Für viele Musikerinnen und Musiker kommt die Möglichkeit, einen James-Bond-Song zu komponieren einem Ritterschlag gleich und das passiert auch meistens spät in der Karriere oder auf dem Höhepunkt der Karriere. Bei Billie Eilish kommt es jetzt ziemlich früh. Was kann denn jetzt noch danach kommen für sie?

Smarzoch: Hoffentlich bald ein neues Album, auf dem sie sich nicht mehr so brav gibt, wie in diesem James-Bond-Song.

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