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StartseiteBüchermarktEine Woche Familienaufstellung18.12.2019

James Wood: "Upstate"Eine Woche Familienaufstellung

Ein Vater macht sich auf den Weg von England nach Amerika und verbringt Zeit mit seinen zwei erwachsenen Töchtern, stellt sich der Familiendynamik. Der Literaturkritiker James Wood umkreist in seinem Roman "Upstate" die Themen Vertrautheit, Fremdheit und Verlust in der Familie.

Von Paul Stoop

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In einer Praxis für integrative Lerntherapie stehen mehrere Holzmännchen für eine Familienaufstellung auf einem Tisch (imago images / JOKER / Petra Steuer)
Rückblenden erhellen die zurückliegende Familiengeschichte und einen Bruch, der allen dreien immer noch zu schaffen macht - darum geht es in James Woods Roman "Upstate" (imago images / JOKER / Petra Steuer)
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Alan Querry macht sich Sorgen um seine erwachsene Tochter Vanessa. Sie lebt in Amerika, nur bei ihrem jährlichen Sommerbesuch in der englischen Heimat sieht sie den Vater. Ausgelöst wird Alans Unruhe durch eine Mail von Vanessas Freund Josh. Der berichtet von einer Stimmungskrise seiner Partnerin. Eine vage Andeutung ließe sich sogar als Hinweis auf einen Suizidwunsch lesen.

Zusammen mit Helen, Vanessas jüngerer Schwester, macht sich Alan auf den Weg in den nordwestlichen Teil des Staates New York, im Volksmund "Upstate New York". Der Besuch soll wie ein zufälliges Familientreffen aussehen, denn Helen muss beruflich oft in New York sein. Die Begleitung der zweiten Tochter dient dem Vater als eine Art Tarnung für das, was er als Krankenbesuch empfindet.

Rückkehr in die Familiensituation

Das Treffen spielt sich im Jahr 2008 ab. Barack Obama führt Wahlkampf um die Präsidentschaft, die Finanzkrise manifestiert sich noch nicht mit voller Wucht. Es ist die Endphase der kurzen Blackberry-Zeit.

Alan – 68 Jahre alt, ein moderat erfolgreicher Immobilien-Unternehmer – verbringt erstmals seit Jahrzehnten Zeit mit beiden Töchtern. Vanessa unterrichtet europäische Philosophie am privaten Skidmore College. Es ist ein unspektakuläres Leben mit ihren Büchern und neuerdings mit Josh, einem jüngeren Kulturjournalisten. Helen ist eine gestresste Managerin im Musik-Business. Sie hält die Rückkehr in die ungewohnte Familiensituation am wenigsten aus und sehnt sich schon am ersten Tag nach ihren Kindern, nicht jedoch nach ihrem Mann Tom.

Schwesterliche Konkurrenz

Vater und Töchter verbringen sechs Tage miteinander, in wechselnden Konstellationen, teils in größerer Runde mit Besuchern aus der Nachbarschaft, teils zu dritt oder mit Josh. Mal behutsam, mal mit übergriffiger Vehemenz umkreisen sich die Familienmitglieder. Immer wieder führt das zu Irritationen, wenn etwa die schwesterliche Konkurrenz zwischen der leisen Vanessa und der impulsiven Helen aufbricht.

Sie sei so froh, dass der Vater gekommen sei, sagt Vanessa ihrer Schwester auf deren Frage, welchen Eindruck sie vom Vater habe:

"'Er ist ganz der Alte. Lieb, anständig, leicht distanziert.'
'Aber längst nicht so distanziert, wie du denkst. Was glaubst du denn, warum er hier ist, wenn er so distanziert sein soll?'
'Weil das die einzige Chance für ihn ist, vier Tage am Stück mit dir zu verbringen', sagt Vanessa.
'Das ist doch kein Wettbewerb hier. Also – nur, wenn du einen draus machst.'"

Die nie offen angesprochene Depression, unter der Vanessa leidet, erweist sich als ein nachrangiges Thema – eher ein zufälliger Anlass für eine Auszeit, während der sich alle Beteiligten mit einer akuten Lebensfrage befassen: Soll Helen ihren Arbeitgeber Sony verlassen und sich selbstständig machen? Ist Vanessa mit ihrer bescheidenen Rolle Upstate zufrieden oder soll sie nach England zurückkehren? Kann Alan seine Firma retten, die gerade in Liquiditätsprobleme gerät? Hält Josh auf Dauer Vanessas Stimmungsschwankungen aus?

Familiennähe und Distanz

Während der Beschäftigung mit diesen quälenden inneren Fragen beäugen die Mitglieder der Kleinfamilie nicht nur Josh, der ihnen zu laut und zu unbekümmert redet, sondern sich vor allem gegenseitig. Unerbittlich zeichnet der Erzähler die zugewandten, gleichgültigen oder abwehrenden Blicke und Gesten auf, lässt den Leser die kleinen Heucheleien und das Unbehagen unter der Oberfläche der Konversation spüren.

Fürsorge und Gleichgültigkeit

Alan gefällt sich in der Rolle des fürsorglichen Vaters, letztlich ist ihm Vanessas Leben aber gleichgültig. Auf ihre Ankündigung, sie habe für den Abend ein paar Freunde eingeladen, die ihre Familie kennenlernen wollten – ein Verhalten, das für akut Depressive eher untypisch ist – fühlt er sich genervt:

"Alan bemühte sich um eine erfreute Miene. Es war typisch für Vanessa – so weltfremd im Grunde –, dass sie einfach nicht darüber nachdachte, in wie vieler Hinsicht Helen und er die Gesellschaft ihrer Uni-Kollegen vielleicht scheuen könnten. Das würde ein langer Tag werden."

"Upstate" wird den Qualitätskriterien des Kritikers James Wood gerecht. Der Wirklichkeitsgehalt ist hoch, die Figuren sind in ihrer Vielschichtigkeit glaubhaft. Rückblenden erhellen die zurückliegende Familiengeschichte und einen Bruch, der allen dreien immer noch zu schaffen macht: Alans Scheidung von Cathy, die ihn verlassen hat, als die gemeinsamen Töchter noch klein waren, und Cathys Tod einige Jahre danach.  Alan kannte von da die große Leere.

"Nachdem Cathy ihn verlassen hatte, und dann noch die Kinder zum Studieren ausgezogen waren, war es viele Jahre lang schauderhaft ruhig im Haus gewesen; in den dicken Teppichböden hing noch der geisterhafte Hauch ihrer Schritte. Damals hatte er sogar darüber nachgedacht, den schönen alten Bau zu verkaufen."

Dieser Verlust hat auch die Töchter geprägt. Sie kämpfen gegen die Leere, die der zweimalige Verlust der Mutter hinterlassen hat: Vanessa mit leisem Leiden, Helen mit Ehrgeiz und Unduldsamkeit.

Leider lässt sich James Wood manchmal zu sehr von seiner eigenen Sprachkunstfertigkeit verleiten. Dann geraten Bilder schon mal schief, wenn etwa ein Bizeps "hervorblitzte wie die Kanonenkugel kurz vor dem Abfeuern" oder das Taxi losschoss, "als wollte es sich in die Schlacht stürzen". Eine Ebene des Romans, der aufgrund von Woods englischer Herkunft reizvoll sein könnte, wirkt eher bieder: Alans Staunen über alles Amerikanische. Ach, das Fast Food, und weh, die individuelle Religiosität. Da ist nichts Überraschendes, und Bill Bryson kann es eh besser.

Kammerspiel mit Vater und Töchtern

Aber der Roman hat viele Stärken. Wood hält souverän die Lese-Erwartung aus, es müsse noch eine dramatische Wende oder eine Enthüllung geben, die manches im Ungefähren Gelassene auflöst. Es wird jedoch nichts aufgelöst am Ende dieser Familiengeschichte. Filterte man das weniger relevante Beiwerk heraus, wäre "Upstate" sehr gutes Theater: ein kluges, definitiv nicht-hysterisches Kammerspiel um die Themen Nähe und Distanz, Autonomie und Abhängigkeit, und Fürsorglichkeit in der Familie – gepaart mit der Unfähigkeit, wirklich zu helfen.

James Wood "Upstate"
aus dem Amerikanischen von Tanja Handels
Rowohlt Verlag, Hamburg. 304 Seiten, 22 Euro.

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