Samstag, 18.08.2018
 
Seit 22:05 Uhr Atelier neuer Musik
StartseiteHintergrundJapan – hoch industrialisiert und schwer getroffen14.03.2011

Japan – hoch industrialisiert und schwer getroffen

Ein Wirtschaftsgigant geht in die Knie

Das Leid und die Angst der japanischen Bevölkerung sind angesichts der Zerstörung und des drohenden Atom-GAUs groß. Als wäre das nicht genug, kommt die zu erwartende wirtschaftliche Schwächung hinzu. Wie das Stehauf-Land Japan aus dieser Krise herauskommt, ist kaum abzusehen.

Von Stefan Maas, Katrin Michaelsen und Ursula Welter

Kursverluste an der Börse in Tokio (picture alliance / dpa)
Kursverluste an der Börse in Tokio (picture alliance / dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Jahr für Jahr das Gedenken in Hiroshima: An den 6. August 1945, den ersten kriegerischen Kernwaffeneinsatz der USA, der die japanische Hafenstadt nahezu zerstörte. Über Jahrzehnte musste Japan mit den Folgen leben und Strahlenopfer beerdigen.

Hiroshima liegt im Südwesten Japans. Die Katastrophe des vergangenen Freitags hat vor allem den Nordosten getroffen. Dort oben ist nicht absehbar, wann an ein geordnetes Leben überhaupt nur zu denken ist. Die Überlebenden suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen oder sind auf der Flucht vor radioaktiver Bedrohung. Hiroshima ist nach 1949 wieder aufgebaut worden und gehört heute zu den großen Industriestandorten Japans. Das Potenzial des Neuanfangs zeichnet die Menschen in Japan aus. Ihnen wird ein gutes Krisenmanagement und großes Durchhaltevermögen nachgesagt. Jetzt aber ist die hoch entwickelte Volkswirtschaft an vielen Punkten empfindlich getroffen. Die Verwüstungen durch Erdbeben und Tsunami im Norden. Die Probleme in den Atomanlagen und der daraus resultierende Energiemangel. Der Strom selbst im Ballungsraum Tokio wird über Stunden abgeschaltet, die Lebensmittelversorgung ist ins Stocken geraten. Die Probleme türmen sich auf in Japan. In welcher wirtschaftlichen Lage war das Land, als es am Freitag derart brutal getroffen wurde? Der Ökonom Professor Norbert Walter, vormals Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sagt, der Zustand Japans sei nicht eindeutig gewesen: auf der einen Seite eine konjunkturelle Erholung nach der Finanzkrise, auf der anderen Seite aber das, was er "konstitutionelle Schwäche" nennt: Japan habe sich in der Vergangenheit nicht um die Alterung seiner Gesellschaft gekümmert und sich abgeschottet, auch gegen die vielen jungen, innovativen Zuwanderer aus dem asiatischen Raum:

"Japan blieb mental eine Insel. Japan hat sich um seine wirtschaftliche Stärke, die es etwa 1990 hatte mindestens in der Fassade zu erhalten enorm viel staatliche, infrastrukturelle Investitionen auf den Weg gebracht und hat dazu eine Verschuldung akzeptiert, die zweimal so groß ist wie das Sozialprodukt und das ist es, was ich konstitutionelle Schwäche nenne."

Dabei hatte die Finanzkrise das Land weniger stark getroffen als etwa die USA und Kontinentaleuropa. Aber Japans Banken hatten auch schon ihre eigene, hausgemachte Immobilienkrise hinter sich. Anfang der 90er-Jahre war diese Blase geplatzt:

"Von diesem dramatischen Schock haben sich die japanischen Finanzhäuser nie wieder erholt. 1990 waren die wichtigsten Banken mit der größten Börsenkapitalisierung alle japanisch, heute ist keines mehr unter dieser Gruppe."

Mehr als 20 Prozent des japanischen Inlandsproduktes speisen sich aus der Industrie, der Agrarsektor macht einen geringen Teil aus, den größten Anteil hat die Dienstleistungsbranche. Aber gleich welche Branche: Energie, Strom brauchen sie alle.

"Die Elektrizitätsversorgung ist natürlich bei einer so starken Abhängigkeit von der Kernkraft, die möglicherweise abgeschaltet wird, in nennenswertem Maße kurzfristig und womöglich mittelfristig vermindert. Bis man neue Kraftwerke baut, das dauert. Die Lösungen, die jetzt gewählt werden sind teurer, also Flüssiggas aus benachbarten Ländern mobilisierten, damit Kraftwerke, die das verbrennen können, wenigsten Strom liefern. Das alles wird sicherlich ein Stolpern und Stottern werden."

Hinzu kommt, dass die japanische Wirtschaft von einer intakten Infrastruktur, von gut funktionierenden Verkehrswegen abhängt – aber auch hier haben Erdbeben und Tsunami schwere Schäden angerichtet. In jedem Fall ist Japans Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen, wie stark und wie dauerhaft, wird sich erst noch zeigen. Am vergangenen Freitag hatten Analysten auf dem Frankfurter Börsenparkett noch geglaubt, Japan sei zu schneller Aufbauleistung in der Lage. An diesem Befund hat sich nichts geändert und die Reaktionen an den Finanzmärkten waren heute vergleichsweise moderat, jedenfalls verglichen mit dem Ausmaß der Katastrophe. Dennoch: Das Wort von der Rezession für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt machte heute die Runde, wenn auch unter Vorbehalt. Der Ökonom Norbert Walter:

"Das weiß man nicht, ich weiß es auch nicht. Japan steht vor einer Rezession, wenn aus diesem atomaren Gau eine Neuorientierung in der Energiepolitik resultieren muss für dieses wichtige Land, und das kann man aus heutiger Perspektive nicht ausschließen."

Immerhin: Mit nennenswerten Lieferausfällen für die Europäer rechnen die Experten nicht. Die asiatischen Nachbarn Japans seien da schon stärker getroffen. Denn: Japans Exporte in Gestalt von Autos, Maschinen und Elektronik gehen in erster Linie in die Volksrepublik China, nach Südkorea, nach Russland und zu einem geringeren Teil in die USA und nach Europa.

Auffallend gestiegen ist in den vergangenen Jahren das Niveau der Einfuhren Japans aus der arabischen Welt – aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus Saudi-Arabien aber auch aus Kuwait. Nicht zuletzt Rohöl holt sich das rohstoffarme Land aus dieser Region, der Energiebedarf lässt sich damit aber eben nur zum Teil decken. Was immer in Japan geschieht, wie immer die Folgen für die Wirtschaft und die Energiepolitik des Landes sind: Die ganze Welt sei betroffen, meint Angela Merkel, und die Bundeskanzlerin sagte zu, im Rahmen der G-20-Gruppe, die zurzeit unter französische Leitung steht, über die Lage in Japan zu sprechen. In 14 Tagen treffen sich die Finanzminister der größten Industriestaaten und der Schwellenländer:

"Wenn wir heute noch einmal die Bilder gesehen haben, auch die Verwüstungen durch den Tsunami, durch das Erdbeben, so ist das alles für uns unvorstellbar. Und das alles in einem hoch industrialisierten Land. Wir werden auch schauen müssen, welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft. Ich werde darüber auch mit dem französischen Präsidenten sprechen, was G-20 anbelangt."

Sprechen? Aber worüber? Sicherlich über humanitäre Hilfe. Aber auch über finanzielle Unterstützung für Japan, das traditionell eine expansive Fiskalpolitik betreibt; das schon vor der Finanzkrise einen Schuldenberg in Höhe von 170 Prozent seines Inlandsproduktes vor sich her schob? Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme haben in Japan Tradition. Und das sei Teil des Übels, sagt Ökonom Norbert Walter. Zu hoffen sei, dass die Zeit des Keynesianismus in Japan bald vorüber sei und sich Japan weniger auf die Ausgaben des Staates als auf dessen Einnahmen konzentriere. Dass Japan Geld von der Weltgemeinschaft annehmen werde, das glaube er nicht:

"Die Japaner erwarten keine Hilfe von anderen im Finanziellen, und sie werden auch keine bekommen. Es wird keinen Rettungsschirm für Japan geben. Aber das bedeutet, dass die Notwendigkeit bald, sehr bald dramatische und schmerzhafte Schritte in Japan auf den Weg zu bringen, etwa die Einführung einer Mehrwertsteuer, die nennenswert ist, die natürlich dann die Kaufkraft der Japaner, die ohnehin betroffen sind, mindert, aber zu einer, die Schmerzen vergrößernden Remedur gibt es nach meiner Einschätzung keine Alternative."

Steueranhebungen waren in der Tat bereits an diesem Wochenende, keine 48 Stunden nach dem verheerenden Beben, ein Thema in der japanischen Innenpolitik. Und dann – nach einem Treffen aller politischen Parteien gestern - schnell wieder schnell vom Tisch. Vielleicht nur vorerst. Alexander Freund, Leiter der Japan-Redaktion der Deutschen Welle, zeigte sich überrascht ob dieser Ankündigung:

"Weil ich glaube, es ist ein Trugschluss. Angesichts der Dramatik der Bilder. Wenn wir sehen, was es für Verwüstungen es da oben gibt. Und wir werden jetzt nach diesen drei Katastrophen noch einen wirtschaftlichen Tsunami erleben."

Doch bislang waren Steuererhöhungen ein Thema, mit dem man in Japan keine Wahlen gewinnen kann. Das bekam die Regierung DPJ im vergangenen Juli zu spüren – als sie die Oberhauswahlen, die Wahlen zur zweiten Parlamentskammer, verlor. Der Grund: Premierminister Kan, gerade frisch im Amt, hatte damals laut überlegt, die unglaubliche Staatsverschuldung abzubauen und dafür auch die Verbrauchssteuern von fünf auf zehn Prozent anzuheben. Danach sah es so aus, als sei Premierminister Naoto Kan der fünfte Regierungschef in Folge, der sich nicht einmal ein Jahr im Amt halten kann; der zweite, seit seine Partei die Regierung übernommen hat. Im Jahr 2009 hatte die Demokratische Partei die Unterhauswahl gewonnen und die über 50 Jahre regierende Liberaldemokratische Partei abgelöst. Vor allem mit dem Versprechen, die Macht der Ministerialbürokratie zu beschränken – also endlich von der bisherigen Rollenverteilung abzurücken, wonach nicht die Politik, sondern Beamte das Land führen. Im Juni des vergangenen Jahres musste dann Ministerpräsident Yukio Hatoyama nach nur acht Monaten seinen Hut nehmen und das Amt an den jetzt regierenden Naoto Kan übergeben. Der Grund: Hatoyama hatte den Bewohnern Okinawas im Wahlkampf versprochen, er werde sich dafür einsetzen, dass ein US-amerikanischer Militärflughafen verlegt würde – weg von Okinawa. Dieses Versprechen aber nicht gehalten. Sein Nachfolger, der damals 63-jährige Kan, ein gelernter Physiker, war damals bei den Japanern sehr beliebt, erzählt Alexander Freund:

"Kan hat einige Voraussetzungen, die ihn sympathisch machen, auch für die Japaner. Er kommt aus der Bürgerrechtsbewegung. Also er steht für ein anderes, ein neueres, liberaleres Japan."

Und doch: Auch Kans Stern konnte nie so richtig glänzen. Kaum vier Wochen im Amt, musste er sich der Partei-internen Kritik stellen, er habe mit seinen Steuerplänen zur Oberhauswahl-Schlappe beigetragen. Weshalb er fürchten musste, seinen Posten Parteivorsitzender gleich wieder zu verlieren. Dazu ist es zwar nicht gekommen, doch die Opposition machte Kans Regierung das Leben schwer: Die große und langjährige Regierungspartei LDP sowie die kleineren Gruppierungen "Neue Volkspartei" und "Neue Komeito" konnten durch ihre Mehrheit im Oberhaus viele politische Vorhaben blockieren. So hatte der Ministerpräsident zum Beispiel keine Mehrheit für seine Haushaltspolitik; es folgten zudem einige politische Skandale, weshalb die Umfragewerte für Kan und die Seinen dramatisch absackten. Viele Beobachter spekulierten daher schon, Kan werde vielleicht noch im April dieses Jahres auf sein Amt verzichten müssen.

"Wir werden unser Bestes tun, um alle Menschen, die von der Außenwelt abgeschnitten sind, zu retten, denn jede Minute zählt."

Nun aber ist Naoto Kan seit Freitag unermüdlich im Einsatz. Stets mit einem schlichten blauen Arbeiter-Anzug bekleidet, versucht der Ministerpräsident seiner Bevölkerung zu vermitteln: Ich bin da! Und die Regierung hat die Lage im Griff. Die Folgen des schweren Erdbebens am Freitag, des Tsunamis sowie der Explosionen in Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima I. Kan will seine Landsleute beruhigen. Kleinreden will er die Katastrophe nicht. Auch wenn die Informationspolitik der japanischen Regierung verhalten ist, und auch die Berichterstattung der Medien versucht zu beschwichtigen. Es sei die "größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg" hatte der Regierungschef gestern verkündet. Und so ist besonders für Ministerpräsident Kan nun die Stunde gekommen, zu beweisen, dass er kann, was die japanische Bevölkerung bislang bei ihm vermisst: die Fähigkeit zu Führen! Politische Entscheidungen zu treffen – und endlich politische Blockaden aufzulösen!

"Entsprechend wird sich jetzt zeigen, ob er auch den Rückhalt hat - der Bevölkerung, aber eben auch in der Administration – diese unglaubliche Herausforderung zu meistern. Ich könnte mir vorstellen, dass er der richtige Mann an der richtigen Stelle ist, momentan."

Auch die Opposition scheint endlich bereit zu sein, mit der Regierung zu kooperieren. Und ihre bislang unversöhnliche Blockadepolitik aufzugeben. Bereits am Freitag, kurz nach dem Erdbeben, hatte sich der Regierungschef mit Oppositionsvertretern getroffen. Es gab Überlegungen, einen Zusatzhaushalt zu verabschieden, mit dessen Hilfe die Kosten für Rettungsmaßnahmen und Wiederaufbau aufgefangen werden können. Ob damit eine neue Ära in der japanischen Politik anbricht – oder es sich nur um eine vorübergehende Schonfrist für die Regierung handelt, lässt sich momentan nur sehr schwer vorhersagen, meint Alexander Freund:

"Gleichwohl wird sich natürlich jetzt in den nächsten Monaten erst zeigen, ob die Menschen die wirklich zwingenden Probleme, die Japan ja hat, die in Japan komplett ungelöst sind, ob sie soweit in den Hintergrund rücken durch die Katastrophe, oder ob sie dann doch wieder auf die Tagesordnung kommen."

Kan jedenfalls geht davon aus, dass sich Japans Wirtschaft schon bald von der Katastrophe erholen wird. Geradezu einen Aufschwung erleben wird, wie die Vereinigten Staaten unter dem "New Deal" von Präsident Roosevelt in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Doch ganz ohne internationale Hilfe wird auch Japan die Folgen der Katastrophe nicht abfangen können. Beispielsweise die USA haben Japan schnelle Hilfe angeboten.

"Die US-Amerikaner sind natürlich massiv in Japan präsent. Sie sind mit 47.000 Soldaten im Süden auf Okinawa stationiert, im ganzen Land gibt es Basen. Die haben sehr, sehr schnell Experten Richtung Norden entsandt. Sie haben ihre Flugzeugträger in Bewegung gesetzt, Hubschrauber, aber das wird natürlich auch auf japanischer Seite sehr honoriert. Denn es fällt ja schon auf, dass die Japaner sehr schnell und sehr offen auf die Hilfsangebote der westlichen Nationen eingegangen sind, dass sie sich aber gleichzeitig etwas schwer taten, als jetzt Südkorea oder auch China die Hilfe anbot, oder auch Russland. Das sind alles alte Konflikte. Bei den Amerikanern ist ein weitgehend unverkrampfteres Verhältnis, auch wenn es immer mal wieder Diskussionen gibt um die Präsenz der US-Truppen in Japan."

Wie kein anderer steht symbolhaft für diese Diskussion der Luftwaffenstützpunkt Futenma auf der südjapanischen Insel Okinawa. Dieser liegt mitten im dicht besiedelten Gebiet von Ginowan und ist bei der Bevölkerung äußerst unbeliebt. Der frühere Ministerpräsident Hatoyama wollte den Stützpunkt ursprünglich schließen, um sich aus der Abhängigkeit der USA zu befreien. Doch sein Nachfolger, Premierminister Naoto Kan, will an den Vereinbarungen mit den USA nicht rütteln. Für ihn gibt es keine Alternative zur Präsenz der US-Truppen.

"Gerade im Blick auf den großen Nachbarn China, der jetzt noch mal beim Volkskongress sehr klar gemacht hat, dass er seine Militärausgaben noch einmal sehr deutlich anheben will. China – das haben wir auch im SIPRI-Bericht gehört, ist Waffenimporteur Nummer zwei, da ist eine wachsende Bedrohung. So ist natürlich auch den Japanern klar, alleine werden sie niemals für die Sicherheit sorgen können. Deswegen, die großspurigen Töne, die es mal da gab, die US-Armee könne sich ja mal so mittelfristig aus Japan zurückziehen, die sind längst verstummt."

Japan ist in Sicherheitsfragen von den USA abhängig. Das Land unterhält auf Grund einer Beschränkung in seiner Verfassung keine Armee, sondern nur sogenannte Selbstverteidigungsstreitkräfte, die zwar gut ausgestattet, aber keine aktive Rolle im asiatischen Raum spielen dürfen. Für die USA wiederum ist Japan ein wichtiger Eckpfeiler ihrer Pazifik-Strategie.

"Japan ist für die USA der unsinkbare Flugzeugträger in Asien. Ich glaube, das ist ein ganz bezeichnendes Bild. Die Japaner liegen von der Geographie strategisch unglaublich wichtig. Man hat China vor der Haustür, man hat Nordkorea vor der Haustür. Das ist den Amerikanern völlig klar. Wenn die jetzt mittelfristig überlegen, größere Truppenteile zu verlagern, all´ das wird nicht reichen. Es wird darauf hinauslaufen, dass Japan praktisch, vor allem die südliche Teile Okinawas, dass das die zentrale Plattform ist, von der man versuchen wird, den ganzen Pazifik zu beherrschen."

Militärische Bedrohung ist das eine, die wirtschaftliche Konkurrenz in Asien das andere. Mit Argwohn beobachtet Japan das Wirtschaftswachstum seines Nachbarn China. Seit dem vergangenen Jahr rangiert die Volksrepublik auf Platz zwei der größten Volkswirtschaften, hinter den USA. Japan, mit seinen fast 130 Millionen Bürgern, muss sich mit dem dritten Platz begnügen. Noch immer aber steht Japan für gut acht Prozent des gesamten Welteinkommens. China hat nicht nur den Rivalen Japan abgehängt, sondern sucht darüber hinaus ebenfalls die Nähe zu den USA. Eine Zweierbeziehung, bei der Japan außen vor bleibt?

"Wenn die Schutzmacht mit dem ungeliebten Nachbarn engere Kontakte pflegt, das rüttelt am eigenen Selbstvertrauen und schürt Ängste. Gleichwohl ist man glaube ich in sich ruhend, als auch die Japaner das Gefühl haben, die Amerikaner haben die Relevanz von Japan erkannt, als strategische Institution, aber auch als gefestigte Demokratie in einem asiatischen Kontext, der ja nun nicht überall so richtig demokratisch organisiert ist. Das heißt, man sieht das schon mit gewissem Argwohn, gleichwohl ist den Japanern natürlich völlig klar, dass die Amerikaner natürlich keine Alternative haben. So eng wie die Amerikaner jetzt mit den Chinesen wirtschaftlich verflochten sind, und angesichts der unglaublichen Devisenrücklagen der Chinesen in US-Dollar, ist klar, dass die Amerikaner strategisch, wirtschaftspolitisch, enger an China heranrücken müssen."

Doch alle Rivalitäten scheinen angesichts der Erdbeben-Katastrophe und der Atom-Krise für einen Moment vergessen. Aus China kommen versöhnliche Töne. Ministerpräsident Wen Jiabao übermittelte seinem japanischen Amtskollegen Kan sein Mitgefühl. Außerdem stehen Erdbebenhelfer aus China bereit. Im chinesischen Internet finden sich zahlreiche mitfühlende Kommentare für die gebeutelten Opfer. Das ist insofern bedeutend, als die Beziehungen zwischen Japan und China nach einem See-Zwischenfall im vergangenen Herbst auf Eis liegen. Ein chinesisches Fischerboot war mit zwei Schiffen der japanischen Küstenwache kollidiert. Japan-Expertin Gao Lan von der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften glaubt jedoch nicht, dass sich an den Beziehungen zwischen Japan und China grundlegend etwas ändern wird.

"Kurzfristig wird der Konkurrenzkampf zwischen unseren beiden Ländern abnehmen. China und Japan werden mehr als bisher kooperieren. Aber auf lange Sicht wird sich die Rivalität verschärfen. Japan ist ein rohstoffarmes Land, es wird eine härtere Politik fahren, wenn es um die Ausbeutung des ostchinesischen Meeres geht. Japan muss seine Ölvorräte sichern."

Vor allem jetzt, da die Versorgung der Bevölkerung und Unternehmen mit Kernenergie in Frage gestellt ist. Das Ausmaß der Folgen des Bebens und des Tsunamis vom vergangenen Freitag sind für Japan damit weder ökonomisch noch politisch absehbar.

Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen reagieren mit punktuellen Programmänderungen, hier geht es zum Live-Stream der Programme:

Deutschlandfunk Live-Stream Flash
Deutschlandradio Kultur Live-Stream Flash
DRadio Wissen Live-Stream Flash

Die einzelnen Beiträge der Sonderübertragungen finden Sie in unserem Audio-on-Demand-Angebot

Programmhinweis: DLF, DKultur und DRadio Wissen berichten ausführlich in ihren Nachrichtensendungen über die weitere Entwicklung in Japan in den folgenden Sendungen:
Ortszeit Audios
Information und Musik
Informationen am Morgen
Informationen am Mittag
Informationen am Abend
Hintergrund
Forschung Aktuell
Wissenschaft und Technik
Fazit
Das war der Tag

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk