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StartseiteSonntagsspaziergangTempel, Tee und Totenmasken01.10.2017

Japan Tempel, Tee und Totenmasken

Das japanische Archipel hatte sich über 250 Jahre von der Außenwelt abgekapselt: Die Edo-Zeit ab 1603 prägte viele Traditionen, Bräuche und Künste, die sich bis heute erhalten haben. Diese stehen im Kontrast zur modernen, technikfreundlichen Umgebung in Japans Städten und machen den ganz besonderen Reiz für Besucher aus.

Von Heike Braun

Ein traditioneller Säulengang mit rotlackierten Stelen am Fushimi Inari Taisha Schrein in Kyoto, der ehemaligen Kaiserstadt. (imago / Itar-Tass)
Perfektion und Mystik - in Japan an jeder Ecke zu finden. Ein traditioneller Säulengang am Fushimi Inari Taisha Schrein in Kyoto, der ehemaligen Kaiserstadt. (imago / Itar-Tass)
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So klingt der Flughafen von Osaka, wo für viele Japanreisende ihr Trip im Land der aufgehenden Sonne beginnt. Auch für diejenigen, die nach Kyoto wollen. Während in Osaka und Tokio das moderne Japan pulsiert, spiegelt Kyoto die Jahrtausende alte Geschichte des Landes wieder. Alleine weit über 1000 Jahre war hier der Sitz des Kaisers. Hunderte Paläste, Schreine und Tempel sind in der Stadt verteilt. Viele davon gehören zum UNESCO Weltkulturerbe.

"In Japan ist der Buddhismus und der Shintoismus, sehr verbreitet. Shintoismus ist der Glaube an Götter und Geister. Nirgendwo sonst in Japan, gibt es mehr Glaubenshäuser -beider Religionen- auf so engem Raum, wie in Kyoto."

Sagt Shimizu-san, einer der leitenden Mönche des Shimogamo Schreins. Er und sein Kollege Okabe-san sind in weiße, bodenlange, Kaftan-artige Kimonos gekleidet. Auch die Socken und die Sandalen sind weiß. Obwohl die beiden Mönche viel Verantwortung tragen, sind sie beide erst 44 und 32 Jahre alt. Die beiden Männer sind schlank, immer in Bewegung und wirken beinahe unsichtbar. Der Shimogamo Schrein wurde im 6. Jahrhundert Geistern gewidmet. Er ist der Älteste seiner Art in Kyoto und älter als die Stadt selbst.

Bonus der Gesellschaft für Kimono-Träger

Eines der berühmtesten shintoistischen Feste, das Aoi Matsuri Festival, wird von den Mönchen dieses Schreins veranstaltet.

"Das ist mit das wichtigste Festival in Kyoto. Das gibt es schon seit dem 6. Jahrhundert. Früher wurde eine hiesige Prinzessin in der prunkvollen Kutsche durch Kyoto gefahren. Sie musste natürlich Jungfrau sein und bildhübsch. Heute suchen die reichen Familien, die zum Shimogamo-Schrein gehören, unter ihren Töchtern eine aus, die bei der Prozession die Prinzessin vertreten darf."

Jedes Jahr am 15. Mai wird die Auserwählte dann in einen Kimono gekleidet, der 21 Kilogramm wiegt.

"Gerade in Kyoto tragen übrigens wieder viele junge Frauen den traditionellen Kimono, der natürlich viel leichter ist, als der beim Festival. Trotzdem ist es sehr aufwendig, einen solchen Kimono anzulegen. Das so viele junge Frauen wieder Kimono tragen, hat einen einfachen Grund: Wer traditionell gekleidet ist, fährt umsonst Bus und kommt in viele Museen, Schreine, Paläste und Tempel, ohne Eintritt rein."

Das gilt das auch für Ausländer, die eine traditionelle japanische Tracht tragen. Allerdings muss auch bei einer "Langnase" eine solche Tracht tadellos sitzen. Ansonsten werden sie -von den Japanern- darauf angesprochen.

"Der Kaiser selbst, ist das Oberhaupt der Shintoisten. Genau genommen, ist er mein Vorgesetzter. Die Mehrheit der Japaner fühlt sich sowohl mit dem Shintoismus, als auch mit dem Buddhismus verbunden."

Der Shintoismus und das liebe Geld

Viele Japaner lieben die Feste und Feiern der Shintoisten. Sie beten regelmäßig zu den shintoistischen Göttern und Geistern und spenden ihnen Geld. Die japanischen Beerdigungen finden meisten nach buddistischem Ritual statt.

"Geheiratet wird aber lieber shintoistisch. Das ist prunkvoller. Wir haben alleine in unserem Schrein 500 Hochzeiten im Jahr. Die japanischen shintoistischen Mönche dürfen übrigens nicht nur die Paare trauen, sondern auch selbst heiraten."

"Das hier ist unser Trauzimmer. Der Priester führt eine rituelle Reinigung des Paares durch, der Bräutigam leistet einen Eid mit dem er verspricht, für seine Frau zu sorgen. Danach werden meist noch rituelle Zweige des heiligen Sakaki Baumes geopfert und das Paar trinkt gemeinsam aus drei Schälchen den traditionellen Sake."

So klingt ein "Und hiermit seid ihr Mann und Frau" auf Japanisch. Die Eheschließungen in Japan gehören weltweit zu den teuersten Hochzeitsfeiern überhaupt. In Osaka und Tokio sieht man Braut und Bräutigam immer öfter in westlicher Hochzeitskleidung. Im traditionellen Kyoto, wird lieber in einem prachtvollen, ganz speziellen Kimono-Outfit geheiratet. Auch die Männer tragen diese traditionelle Kleidung, die sich seit dem 8. Jahrhundert nicht mehr wesentlich verändert hat. Im Durchschnitt geben Japaner für die Hochzeit rund 30.000 Euro aus. Alleine die Fotoshootings verschlingen zwischen fünf und achttausend Euro.

Abenteuer Love-Hotel

In Japan ist es gar nicht so einfach, sich kennenzulernen, oder später als Paar, ein normales Eheleben zu führen. Denn überall sind Menschen und in der Regel sind die Wände der Häuser, papierdünn. Wenn also junge Liebende oder verheiratete Paare einmal alleine sein wollen, greifen sie in Japan zu einem Trick. Sie gehen in ein sogenanntes Liebeshotel. Wie so vieles in Japan ist das Einchecken eine Wissenschaft für sich. Die Rezeptionen sind nicht besetzt. Stattdessen sind Bilder von den Zimmern, auf Monitoren zu sehen.

"Ja, also die Bilder, die beleuchtet sind, das sind die freien Zimmer. Und die Zimmer die nicht beleuchtet sind, die sind jetzt eben nicht mehr frei. Die sind schon besetzt", erklärt der Japanologe und Reiseführer Jörg Albrecht seiner Reisegruppe.

"Wenn man sich dann entschieden hat für ein Zimmer, dann drückt man unter dem Bild ein Knöpfchen und dann wird kein Schlüssel herausgegeben, sondern dann wird die Zimmernummer ausgedruckt und damit kann man dann zum Zimmer gehen. Man kann die Zimmer nicht abschließen oder man kann sie zwar abschließen, aber dann nicht wieder öffnen, weil man ja keinen Schlüssel hat. Und die Zimmer haben auch gar keine Fenster. Dafür punkten die Zimmer mit ganz anderen Dingen. Da gibt es zunächst einmal ein Riesen-Bett. Eins natürlich. Und vor dem Bett gibt es einen Fernseher, der ist mindestens genauso breit. Und wenn man dann Glück hat, dann hat man auch ein schönes Badezimmer, wo quasi dann noch mal so ein Fernseher am Fuße der Badewanne eingelassen ist. Die natürlich auch sprudeln kann. Und wenn man das dann alles mal ausprobiert hat, dann sind auch ruck zuck die zwei Stunden um.
Und wenn man das Zimmer verlassen möchte, dann findet man neben der Türe so eine Art Parkscheinautomat. Da muss man dann den Zimmerpreis entrichten, je nach dem wie lange man in dem Zimmer gewesen ist. Erst dann öffnet sich auch wieder die Türe."

In Japan gibt es mehr Sterne-Köche als in Frankreich

Jörg Albrecht ist mit einer Japanerin verheiratet und lebt mit ihr und seinen zwei Kindern, halb in Deutschland, halb in Japan, in der Stadt Osaka. Er hat auch schon Touristen geführt, die aus Versehen in einem Liebeshotel abgestiegen sind und völlig entsetzt waren. Denn einige Portale haben diese Hotels auf ihren Internetseiten, ohne zu beschreiben, was sich dahinter verbirgt.

Jörg Albrecht hat Japanologie studiert. Er spricht die Sprache nicht nur fließend, sondern kann die Schriftzeichen auch lesen. Besonders beim Entziffern von Speisekarten ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

"Gutes Essen ist sehr, sehr wichtig in Japan. Man kann eigentlich in jedes japanische Restaurant rein gehen und wird vom Essen her nie enttäuscht. Ich habe es noch nie erlebt, dass es in Japan mal schlechtes Essen gab. Das kann man sich in Japan nicht leisten. Japaner legen nämlich unheimlich viel Wert auf gutes Essen und ein Laden, der diese Qualität nicht bietet, würde sich nicht lange halten."

Bekommt ein Japaner nicht genau das, was er bestellt hat, gibt es Ärger und das Essen geht zu fast hundert Prozent wieder zurück. Sehr häufig bilden Restaurants das Essen, das man in ihren Lokalen bestellen kann, in völlig authentisch wirkenden Plastikvarianten ab. Es stehen ganz oft Beispielteller mit Spaghetti, Fisch, Fleisch oder Beilagen in Schaufenstern. Jörg Albrecht führt Touristen gerne durch Straßen mit vielen Restaurants. Der Restaurantführer "Le Guide Michelin" zeichnete 2017 allein in Kyoto, Osaka und Tokio, 121 Lokale mit zwei oder drei Sternen aus. Mehr in ganz Frankreich.

"Auch hier auf dem Markt, ist alles super frisch und von sehr guter Qualität. Für Japaner ist es ganz wichtig, was es leckeres zu Essen gibt. Wenn man sagt, man kommt aus Deutschland sagen die 'Oh lecker! Würstchen und Bier.' Wenn man sagt, man kommt aus England sagen sie: 'Ihh! Da gibt es doch nichts Leckeres zu essen.' Auch im japanischen Fernsehen, es wird immer und ewig etwas gegessen und dann beschreibt man, wie das Essen ist. Es geht gar nicht darum, selbst zu kochen, sondern man muss im Fernsehen dann nur sagen 'Ooishi' oder 'Umai' für lecker."

Faszination der Europäer für japanische Tradition

Jörg Albrecht ist mit seiner Liebe zu Japan kein Exot. Viele Europäer zieht es aus ganz unterschiedlichen Gründen hierher. Besonders Kunstschaffende sind von den traditionellen Techniken in Japan fasziniert. Und von der Perfektion japanischer Künstler. Für Europäer ist es aber nicht so ganz einfach, den hohen japanischen Ansprüchen gerecht zu werden.
Waltraud Degner wohnt, hauptsächlich in Bad-Laasphe, einer westfälischen Kleinstadt, direkt an der hessischen Grenze. Sie kam vor 17 Jahren zum ersten Mal nach Japan. Die freischaffende Künstlerin und Kunstpädagogin studierte an der Universität von Kyoto, Nihonga Malerei. Seitdem lebt sie jedes Jahr, für mehrere Monate in hier. André Geymond wurde in Paris geboren. Er wohnt seit 36 Jahren in Kyoto und unterrichtet an der Forschungs-Universität die Fächer Französisch und Kommunikation. Er ist mit einer Japanerin verheiratet und hat zwei Kinder.

Die beiden Europäer treffen sich regelmäßig mit einer Gruppe japanischer Künstler in einem traumhaft schönen, stillgelegten Shinto-Schrein, zur Sumie Malerei.
Diese Schwarz-Weiß-Kunst der Tuschemalerei arbeitet mit sparsamsten Mitteln. Sie will mehr andeuten als aussprechen. Waltraud Degner hat häufig Besuch aus Deutschland. Den nimmt sie dann mit, zum Treffen der Sumie Maler. Der Franzose André Geymond drückt den Gästen immer sofort ein Blatt japanisches Papier und einen Pinsel in die Hand. Seine Devise:

"Male was und wie Du willst, dann stirbst Du glücklich. Man lässt die Welt draußen und konzentriert sich auf die Malerei."

Für die Deutsche, ist die Sumie Malerei eine ernste Wissenschaft.

"Jetzt mache ich Folgendes: Ich nehme von der schwarzen Tusche etwas auf und gebe es in eine andere Schale und gebe dem Wasser zu, damit sie heller wird. Die Farbe wird immer seitlich aufgenommen vom Pinsel. Dann prüft man das noch mal, ob es auch tatsächlich die Tönung hat, die ich haben möchte. Ich nehme jetzt etwas Farbe von der einen Seite weg, damit es heller wird. Was ich hier jetzt gemalt habe, ist ein absolut trockener Bambus."

Auch André Geymond weiß, dass bei der japanischen Tuschemalerei vor allem eines zählt: Geduld.

"Man versucht es wieder und wieder und wirft die ersten Versuche alle fort. Nach einiger Weile sagt man sich dann: Das ist jetzt ganz ok. Das behalte ich."

Teure Pinsel, handgeschöpftes Papier

Je öfter man sich vermalt, desto teurer wird dieses Hobby. Die handgeschöpften Zeichen-Blätter kosten im Din-A5-Format mindestens 10 Euro. Japanische Pinsel kosten ein kleines Vermögen und wie so oft: Man muss sich auch damit auskennen.

"Der kostet 250 Euro. Und der 200 Euro. Das hängt damit zusammen, welche Haare verwendet werden. Pferdehaare sind die Teuersten. Dann kommt dazu, wie ist die Spannung, wie federt er. Wichtig ist aber, dass er immer wieder in die gleiche Richtung zurück schwingt."

André Geymond und Waltraud Degner haben sich beide in die japanische Perfektion verliebt. Die ist in der Sumie Malerei auch wichtig, denn gemalt wird auf sehr teurem und kostbarem Seidenpapier. In Japan ist die Papierherstellung von Hand noch sehr verbreitet. Es gibt Dörfer in denen buchstäblich in jedem Haus, mindestens ein sogenannter Papierschöpfer lebt. Aber auch unter ihnen gibt es Meister, die besser, geschickter und perfekter sind als andere. Einer davon ist Tomoyasu Sato. Er lebt in der Nähe der Autostadt Toyota. Er schöpt sogenanntes Washi-Papier, das bis zu 0,03 Millimeter dünn ist:

"Washi heißt übersetzt japanisches Papier. "Wa" bedeutet japanisch und "Shi" heißt Papier. Washi ist weltberühmt. Die Methode, dieses hauchdünne Papier herzustellen, ist 1000 Jahre alt. Naja, es kommt ursprünglich aus China. Aber wir Japaner haben es perfektioniert. Ich mache noch alles mit der Hand. Am besten kann man Papier schöpfen, wenn es draußen eiskalt ist. Wenn es zu warm ist, kommen sofort viele kleine Insekten und wollen sich auf das Papier setzen. Darum stehe ich im Sommer immer bei Sonnenaufgang auf und arbeite, wenn es noch kühl ist."

Tomoyasu Sato betreibt auch eine kleine Landwirtschaft, von der er lebt und sich ernährt. Denn sein Papier stellt er Künstlern meistens kostenlos zur Verfügung.

"Meine einzige Voraussetzung ist, dass mir die Künstler eines ihrer Werke schicken, dass sie aus meinem Papier gemacht haben. Bezahlung möchte ich keine. Ich will einfach nur, dass meine Kunst erhalten bleibt. Es wäre furchtbar, wenn irgendwann einmal keiner mehr weiß, wie Papier in kompletter Handarbeit geschöpft wird. Ich unterrichte das auch an der Universität in Aichi."

Historisches Handwerk und Maltechniken der Hainan-Zeit

Der 75-Jährige ist klein, schlank, durchtrainiert, ausgesprochen beweglich und fast ausschließlich auf Knien in seiner Werkstatt unterwegs. Sato-san zeigt Besuchern stolz, was Künstler aus aller Welt aus seinem Papier hergestellt und ihm tatsächlich auch zugeschickt haben. Und es gibt eine gratis Führung, für den Gast aus Deutschland.

"Das hier ist Einwickelpapier. Das ist zum Beispiel mit Blattgold unterlegt. Da wird in Japan sehr drauf geachtet, wie man etwas einpackt. Ich weiß noch, dass ich mal dem Professor, der mich betreut hat an der Universität ein Geschenk gemacht habe und habe dann dieses Papier verwendet. Sofort wurde das bemerkt. Sofort."

Waltraud Degner ist mit ihrer Freundin Kayoko Asano nach Toyota gefahren, um bei dem 75-jährigen Washi-Meister, Papier einzukaufen. Sie lässt auch nicht locker, bis er ihr Geld annimmt. Ein Blatt in DIN-A3-Größe kostet umgerechnet 30 Euro.

Waltraud Degner hat die japanischen Maltechniken an der Universität von Kyoto gelernt. Natürlich bei einem Meister seines Faches. Ihr erstes eigenes Meisterstück war eine 12 Meter lange japanische Bildrolle mit filigranen, dicht aneinander gezeichneten Tierfiguren. Dabei handelt es sich um eine Satire, in der sich Tiere wie Menschen verhalten, wobei auch buddhistische Riten karikiert werden.

"Das war meine erste Arbeit. Es gibt mehrere Rollen. Aber das ist eine der ersten und berühmtesten. Die kommt aus der Heian-Zeit. Die Heian-Zeit hat gedauert, vom 7. Jahrhundert bis zum 12. Jahrhundert. Ich sollte das kopieren, um den Pinselstrich zu lernen. Wie setzte ich den Pinsel an. Hier ist er heller der Strich, hier ist er dunkler. Dann dieser dunkle Strich. Zum Beispiel dieser Strich, da muss man den Pinsel in einem ganz bestimmten Winkel ansetzten und dann in einem Stück ziehen. Das ist ein Fuchs, der hat genau die Kopfbedeckung wie die Priester. Der Fuchs steht für Geld und für die Leute übers Ohr hauen. Eben ein Schlitzohr. Gebraucht habe ich für das Kopieren dieser Rolle, einen Monat."

Manga als akademisches Fach in Kyoto

Diese sogenannte Kakomonorolle gilt als Vorläufer des Mangas. Waltraud Degner hat sich selbst nie an Manga Comics versucht. Obwohl sie sich gut mit japanischen Traditionen auskennt, sind die Geschichten, die in den Manga Comics erzählt werden zu komplex und zu kompliziert. In Europa waren Mangas lange als die Comics mit den übergroßen Augen verpönt. Auch in Japan war der Manga vorübergehend aus der Mode gekommen. Das änderte sich schlagartig, als Shuzo Ueda im Jahr 2006 das Manga Museum in Kyoto eröffnete. Besonders das integrierte, mehrsprachige Manga-Theater habe sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt sagt Shuzo Ueda, ehemaliger Leiter des Manga Museums in Kyoto:

"Letztes Jahr hatten wir 290.000 Besucher in diesem Museum. Natürlich kommen auch viele Cosplayer zu uns, die als ihre Manga Figuren verkleidet, ihre Lieblingsgeschichten nachspielen. Heute ist auch so eine Gruppe bei uns. Japaner und Manga kann man heute wieder in einem Atemzug nennen. Wir lesen schon zum Frühstück Mangas. Auf dem Weg zur Arbeit geht es im Zug oder Bus weiter und auf dem Heimweg blättern wir noch mal schnell in einen Buchladen, die allerneuesten Mangas durch. Es sind nicht nur einfache Bildergeschichten, sondern es ist bebilderte Literatur, die auf eine zielgenaue Leserschaft abgestimmt ist."

Die Umsetzung vieler Kindergeschichten in Comics fand in Japan statt. Biene Maja, Heidi, Wicki und die starken Männer, stammen zum Beispiel aus der Feder japanischer Zeichner. Kyoto hat die einzige Universität weltweit, die einen Doktortitel in Mangakunst anbietet. Egal ob für Kinder, Frauen oder Männer: Die Mangas spiegeln in der Regel die Jahrtausende alten Traditionen des Landes wieder. Auch in Japan war die alte Kultur zeitweise in Vergessenheit geraten. Die Mangas haben sie wieder in Erinnerung gerufen.

Über 250 Jahre Abschottung des Archipels prägt die Edo-Zeit

In der Zeit von 1603 bis 1867 war Japan für über 250 Jahre völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Diese Zeit gilt die friedlichste auf den Inseln. In dieser sogenannten Edo-Ära, wurden viele der heute existierenden Traditionen, perfektioniert. Die Tuschemalerei, die Kampftechniken, die Teezeremonie und die Kunst des Noh Masken Theaters. Die Schauspieler trugen in dieser Zeit Masken von Frauen, weil zu den Theaterstücken anfangs nur Männer Zugang hatten.

"Die Spieler waren früher alle nur männliche Samurai. Wollten sie eine Frauenrolle spielen, trugen sie eine Noh-Maske. Darum gab es am Anfang auch nur Frauenmasken. Heute gibt viele verschiedene Sorten Noh-Masken. Häufig von Geistern und Dämonen. Es gibt inzwischen aber auch Toten- und Männermasken. Auch neue Frauenmasken sind dazu gekommen. Mit allen Untertypen sind es rund 250 Arten."

Erklärt einer der bekanntesten Noh-Masken-Schnitzer Kyotos, Ueda-san. Er unterrichtet die Noh-Masken Schnitzerei. In seinen Kursen sind nur begabte Schüler. Auch Waltraud Degner gehört zu den Teilnehmern. Hoch konzentriert schnitzt sie an einer Frauenmaske. Hin und wieder wirft Ueda-san einen anerkennenden Blick auf ihr Kunstwerk. Immer wenn ein "hai" oder "domo" erklingt, was hier so viel heißt, wie "der Nächste bitte", darf einer seiner Schüler nach vorne kommen und die Maske mitbringen, die er gerade schnitzt. Ueda-san ist ein Mann in den 70-ern. Er trägt den typischen blauen Kimono-Kittel der japanischen Künstlergilde. Er hat einen gutmütigen, ruhigen Blick und wird nicht müde, die Arbeiten seiner Schüler auszubessern. Die Masken entstehen allesamt aus Zedernholz. Zuerst aus einem unförmigen Klotz, der immer dünner wird, bis man beinahe hindurch sehen kann.

"Ich selbst schnitze bis zu drei Monaten an einer Maske. Meine Schüler teilweise anderthalb Jahre. Diese Maske ist 60 Jahre alt und eines meiner Erstlingswerke. Es ist ein männlicher Dämon. Und das hier ist eine Maske: Wenn man die auf der Bühne sieht, kann sie entweder freundlich oder böse aussehen. Das kommt auf die jeweilige Bewegung des Spielers an, der die Noh-Masken trägt."

Gute Noh-Masken sind nicht unter 1500 Euro erhältlich. Eine Dämonenmaske kann bis zu zehntausend Euro kosten. Ueda-sans Masken kommen bei den traditionellen Noh-Masken-Plays, auf der Bühne zum Einsatz. Eines der bekanntesten Noh-Masken-Plays Japans findet in Sasayama statt. Einer Burgenstadt, die an die Präfektur Osaka grenzt.

Bei Noh-Plays gibt es vier Instrumente: eine kleine, eine große und eine Standtrommel. Dazu kommt ein Flötenspieler.
Die Flöte - genannt Nokan - kann selbst von meisterhaften Spielern nicht gezielt gespielt werden.

Mit den hohen Tönen sollen wahrscheinlich die Geister herbei gerufen werden. Die Traditionen in Japan sind teilweise so alt, dass sich deren Bedeutung in den Überlieferungen hin und wieder schon mal verloren hat. Tatsache ist: Wer ein Noh-Masken-Play gesehen und verstanden hat, der hat wahrscheinlich auch begonnen, die japanische Mentalität zu begreifen.

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