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StartseiteFirmenporträtInvestor mit feinem Gespür für Staatsschulden24.01.2020

Japonica-Chef Paul KazarianInvestor mit feinem Gespür für Staatsschulden

US-Investor Paul Kazarin war in der Schuldenkrise einer der größten privaten Gläubiger Griechenlands. Anders als die Euro-Staaten glaubt er: Athens Verschuldung war überbewertet. Mit Griechenland-Anleihen verdiente Kazarian viel Geld, nun kämpft er für andere Bilanzierungsregeln für Pleite-Staaten.

Von Heike Wipperfürth

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Die Flaggen Griechenlands und der EU vor der Akropolis in Athen (imago Stock & People)
Griechenland durchlief eine massive Wirtschaftskrise, jetzt läuft es besser. Japonica-Chef Paul Kazarian war zeitweilig einer der größten privaten Gläubiger des Landes. (imago Stock & People)
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Paul Kazarian sitzt in einem Konferenzzimmer in der Columbia Universität. Seine Vorlesung ist gerade vorbei. Aber er ist weiter bei seinem Lieblingsthema: Griechenland, die Anleihen des viel zu hoch verschuldeten Krisenstaates. So sah das Europa. Doch Kazarian sah das anders: "Immer mehr negative Nachrichten und beängstigende Überschriften kamen", schimpft er, "während wir die Bonds hielten." Um sich nicht von der Panikmache anstecken zu lassen, habe seine Firma eigene Wirtschaftsdaten für Griechenland erstellt - und die sahen gut aus, sagt Kazarian.   

Geld verdienen mit Ramsch-Anleihen

Er leitet Japonica Partners, eine Beteiligungsfirma in den USA. Sein Geschäftsmodell? Er kauft die Ramschanleihen von Pleitekandidaten, um sie mit Gewinn wieder zu veräußern. 

Ganz besonders stolz ist der Finanzier auf seinen Deal mit griechischen Staatsanleihen zum Höhepunkt der Krise. 

Er habe dabei eine Rendite von acht, neun Prozent auf das eingesetzte Kapital erzielt. Das sei viel höher gewesen, als alles andere, was er vorher gemacht habe, sagt der Milliardär. Um die Transaktion erfolgreich abzuschließen, nahm der Amerikaner armenischer Abstammung über 200 Experten unter Vertrag und reiste pausenlos zwischen Athen, Brüssel und Frankfurt hin und her, um sich mit Politikern und Finanzexperten zu beraten. In monatelanger Arbeit erstellte er eigene Berechnungen der griechischen Staatsschulden – und kam zum Ergebnis: Die griechische Schuldenkrise sei "die größte Lüge des Jahrhunderts".

Griechenlands Schulden anders berechnet

Denn: Die Schulden des Landes beliefen sich nicht auf 177 Prozent des Bruttoinlandproduktes, wie die griechische Regierung und internationale Behörden behaupteten, sondern höchstens auf 71 Prozent. 

Das sei eine viel bessere Bilanz als andere Schlusslichter vorzeigen konnten, deren Anleihen viel höher berechnet wurden, sagte Kazarian. 

 Japonica-Chef Paul Kazarian Japonica-Chef Paul Kazarian

Was glaubte er erkannt zu haben, das Andere übersehen hatten? Ganz einfach: Die griechische Regierung und die internationalen Behörden hatten die Schuldenerleichterungen nicht von der ursprünglichen Schuldensumme abgezogen, wie es der Internationale Standard zur Bilanzierung von Staatsschulden, kurz IPSAS, vorsieht. IPSAS – das ist die englische Abkürzung für den Bilanzierungsstandard, auf den sich internationale Rechnungsprüfer verständigt haben.   

Die IPSAS-Grundidee besteht darin, für Staaten die gleichen Maßstäbe in der Bilanzierung anzuwenden wie für Unternehmen. Entscheidend ist dann nicht der Nennwert eines Kredits, sondern der - meist niedrigere - Zeitwert.

Bilanzierung nach IPSAS

Wäre Griechenland ein Unternehmen, das nach IPSAS bilanziert, müssten seine Schulden wesentlich geringer angesetzt werden. Seinen Kreuzzug gegen veraltete Regeln führt Kazarian nicht nur, um von höheren Anleihepreisen zu profitieren, sondern auch, um die Bilanzen von Staaten in der ganzen Welt transparenter zu machen, sagt Shivaram Rajgopal - ein Finanzprofessor an der Columbia Universität in New York, der gemeinsam mit Kazarian in einem Kurs über versteckte Staatsschulden unterrichtet. 

"Er beleuchtet ein sehr schwieriges und schwer verständliches Thema, das oft ignoriert wird, aber sehr dringlich ist."

"Verrücktes Genie mit Geschäftssinn"

Dass er für mehr Transparenz auf die Barrikaden gehen würde, hätte Kazarian, der ehemalige Goldman Sachs Investmentbanker, sicher nicht gedacht, als er Japonica Partners vor 21 Jahren gründete. Sein größter Coup war die 660 Millionen Dollar Übernahme des bankrotten Konsumgüterunternehmens Allegheny International, das er innerhalb kurzer Zeit zu einer profitablen Firma machte. 

Der Harvard-Professor Steven Fenster nannte ihn ein "verrücktes Genie" mit einem "unglaublichen" Geschäftssinn.

Dieser Geschäftssinn brachte ihn 2012 auf der Suche nach maroden Unternehmen nach Griechenland – bis er etwas Besseres fand: Nicht Unternehmen, sondern Staatsanleihen zum Ramschpreis. Kazarian griff zu und hielt letztendlich fast neun Prozent der gesamten Staatsschulden des Landes als einer der größten privaten Gläubiger Athens.

Staaten sollen Schulden nach internationalen Regeln offenlegen

Vor zwei Jahren hat Kazarian seine Griechenland-Bonds verkauft, doch seine Stiftung finanziert weiterhin Konferenzen und Forschungsarbeiten, die darauf drängen, dass Staaten ihre Vermögen und Schulden nach internationalen Regeln offenlegen. 

Die Modernisierung ihres Rechnungswesens fällt Staaten nicht leicht. So zeige Deutschland wenig Transparenz: Die Bundesrepublik benutze ein Rechnungswesen aus dem 18. Jahrhundert, sagt Kazarin. Es ließe die Darstellung der Kosten nicht zu und habe nichts mit wirtschaftlicher Realität zu tun, so Kazarian. 

Die EU-Kommission hat offen ihre Sympathie für das als EPSAS abgekürzte Verfahren erkennen lassen. Aber viele EU-Staaten und Behörden sträuben sich. Auch der deutsche Bundesrechnungshof.

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