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StartseiteCorsoZwischen Genres und Kontinenten13.05.2017

Jazz-Sängerin Youn Sun Nah Zwischen Genres und Kontinenten

Vom Jimi-Hendrix-Cover bis zum Scat-Gesang: Die südkoreanische Jazz-Sängerin Youn Sun Nah deckt ein erstaunlich breites Genrespektrum ab. Die vielgereiste Musikerin geht auch auf ihrem neuen Album "She Moves On" musikalisch weiter – und fragt sich: Wohin steuert die Welt?

Youn Sun Nah im Corsogespräch mit Burkhard Birke

Die südkoreanische Jazzsängerin und Songschreiberin Youn Sun Nah. (Sung Yull Nah)
Die südkoreanische Jazzsängerin und Songschreiberin Youn Sun Nah. (Sung Yull Nah)

Burkhard Birke: "She Moves On" ist der Titel eines Songs von Paul Simon und der Titel Ihres neuen Albums, Youn Sun Nah. She moves on bedeutet: Sie geht weiter. Wohin sind Sie denn gegangen?

Youn Sun Nah: Ich habe fast 20 Jahre in Frankreich gelebt. Vor zwei Jahren habe ich mich dann entschlossen, in meine Heimat Korea zurückzukehren. Letztes Jahr hatte ich dann aber Lust, noch einmal woanders hinzugehen. Deshalb habe ich Amerika gewählt, um mit New Yorker Musikern ein neues Album zu produzieren. Die USA sind mein neues Ziel, aber ich versuche, so viel wie möglich in Bewegung zu bleiben.

Birke: Haben Sie denn keine Angst, dass Präsident Trump auf einmal verfügt, auch die Einreisemöglichkeiten für Koreaner zu begrenzen?

Youn: Ich bin keine Amerikanerin, deshalb kann ich nicht so mitreden über das, was da momentan passiert. Mit den Musikern haben wir natürlich über die Entwicklung gesprochen. Das, was sich in meiner Heimat momentan abspielt, ist sehr besorgniserregend. Korea ist ein geteiltes Land und durch die jüngste Entwicklung wird die Teilung noch stärker spürbar. Das macht mich sehr traurig. Auch die Situation in den USA! Die Gesellschaft ist gespalten. Das ist traurig, was dort passiert.

Birke: Spiegelt sich denn diese Traurigkeit, spiegeln sich die politischen Entwicklungen, der Terrorismus  auch in Ihren Kompositionen wider?

Youn: Mich beeinflussen vor allem Menschen. Auf meinen Reisen versuche ich immer, mit den Menschen zu sprechen. Und meine Erfahrung ist: Leute aus den unterschiedlichsten Ländern sprechen immer über dasselbe, sie sorgen sich angesichts der Entwicklungen in der Welt, nie wird über etwas Positives gesprochen – ob das nun in Korea, in China, in den USA, in Europa ist. Nie wird über Hoffnung gesprochen. Das macht traurig. Wohin steuert denn die Welt? Ich bin deshalb momentan empfänglicher für traurige Lieder, was angesichts der weltpolitischen Entwicklung kein Wunder ist.

Birke: Dennoch gibt es nicht zu viele traurige Lieder auf Ihrem neuen Album. Zwei Eigenkompositionen sind unter anderem darauf: "Evening Star" und "Traveller". Was hat Sie bei "Evening Star" inspiriert?

Youn: Mir lag es am Herzen, etwas Fröhlicheres zu komponieren. Deshalb habe ich eine leichte Bossa Nova geschrieben. Den Text hat Vanessa Saft, die Frau meines Produzenten, geschrieben. Ich wollte auch etwas über Reisen komponieren, daher der Titel "Traveller", für den meine Freunde auch den Text geschrieben haben. Ich habe noch weitere Stücke komponiert, aber nicht alle auf das Album getan. Vielleicht kann man ja auf meiner nächsten Produktion mehr von meinen Eigenkompositionen hören.

Birke: Komponieren Sie auf dem Klavier?

Youn: Ja, aber ich bin keine Pianistin!

Birke: Wie haben Sie die anderen Titel des neuen Albums ausgewählt? Es gibt doch einige Überraschungen, den Titel "Dawn Treader" von Joni Mitchell etwa. Warum haben Sie ausgerechnet den ausgewählt?

Youn: Als ich mich entschlossen habe, mit Jamie Saft zu arbeiten, haben wir viel über amerikanische Songs gesprochen. Den ganzen Tag über hört er Musik. Er hat alle Platten von Bob Dylan, alle Alben von Joni Mitchell und Frank Sinatra. Jamie Saft ist ein großer Joni Mitchell Fan und eines Abends haben wir über sie gesprochen und ihre Songs gehört. Ich habe die Schönheit ihrer Kompositionen wiederentdeckt. Und da bin ich auf den Song "Dawn Treader" gestoßen, den ich nie zuvor gehört hatte. Sie hatte ihn geschrieben als sie sehr jung war – unglaublich – ich mochte ihn sofort.

Birke: Auf der CD ist mit "Drifting" auch ein Titel von Jimi Hendrix: Entwickeln Sie jetzt auch eine Vorliebe für Rock?

Youn: Vor einiger Zeit bereits hatte ich den Hendrix Titel "Who Knows" aufgenommen. Ich mochte eigentlich alles von ihm, aber dieses Stück habe ich erst kurz vor der Aufnahme entdeckt. Es wird nicht viel gesungen, der Titel ist sehr instrumental, aber der Grundton gefiel mir sehr. Ich habe Marc Ribot gebeten, Gitarre zu spielen und sein Solo ist erstaunlich, unglaublich. Ich mag Hendrix’ Universum, mag wie er spielt und singt – er singt, als wäre er in seinem Zimmer. Das klingt alles so leicht. Das ist es, was mir gefiel. Das ist cool, wie die Amerikaner sagen – und dann haben seine Stücke immer einen Höhepunkt! Wirklich beeindruckend.

Birke: Beim Konzert haben Sie gerade noch französische Chansons gesungen. Das neue Album ist aber ganz dem amerikanischen Folk, Jazz, Rock gewidmet. Ist das auch der Abschied von einer sehr wichtigen Epoche in Ihrem Leben?

Youn: Als ich 1995 nach Frankreich kam, wollte ich nur drei Jahre bleiben und dann nach Korea zurück. Dann sind es aber vier, fünf … sieben ja am Ende zwanzig Jahre geworden. Das war nicht so vorgesehen. Jetzt hatte ich Lust, ein Album mit New Yorker Musikern aufzunehmen. Meine nächste Produktion mache ich vielleicht mit Brasilianern oder Koreanern. Ich bin nicht festgelegt. 

Birke: Sie sind vor zwei Jahren nach Korea zurückgekehrt. Haben Sie Ihre Wurzeln gefunden?

Youn: Ja – ich habe meine Wurzeln gefunden. Es tut gut, Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Meine Mutter kocht fantastisch. Alte Freunde wiederzutreffen, das hat gut getan und mir Lust gegeben, das, was ich mache richtig gut zu machen. Meine Eltern haben viel Einfluss auf mich. Sie sind auch Musiker und ihre Erfahrung und ihr Rat haben mir gutgetan. 

Birke: Ihr Vater war Dirigent?

Youn: Dirigent und Leiter des Nationalchors.

Birke: Ihr Vater war Dirigent und Chorleiter, aber seine Tochter hat mit Musical angefangen: Mit "Linie 1"!

Youn: Ja. Als ich mit der Universität fertig war, habe ich in der Modebranche gearbeitet. Dann habe ich ein Angebot für eine Rolle in dem Musical "Linie 1" bekommen. Das war ein Wunder. Ich konnte nicht tanzen – ich kann es immer noch nicht – ich kann auch nicht schauspielern, aber bei der Rolle brauchte man nur auf der Bühne zu stehen und zu singen. Da habe ich Lust zum Singen bekommen. Ja – so habe ich einen engen Bezug zu Deutsch und Deutschland.

Birke: Und wie sind Sie vom Musical zum Chanson und zum Jazz gekommen?

Youn: Den Jazz habe ich entdeckt, nachdem ich nach Paris gekommen war. Vorher hatte ich nie Jazz gehört, jedenfalls nicht bewusst. Also habe ich gesungen, ohne irgendwelche tieferen Kenntnisse zu haben. Ich dachte Jazz sei etwas, das man schnell lernen kann. Ich ahnte nicht, dass es ein ganzes Leben dauern würde. Anfangs war es wirklich schwer. Ich wollte nach Korea zurück, weil ich dachte: Ich habe keine Stimme wie Ella Fitzgerald oder Billie Holiday. Ich habe eine Sopranstimme. Dann haben mir meine Lehrer Alben von europäischen Jazzinterpretinnen gegeben. Und da habe ich verstanden, dass man nicht einen gewissen Typ Stimme braucht, um Jazz zu singen. Dann dachte ich: Vielleicht kann ich meinen Jazz mit meiner Stimme singen.

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