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StartseiteKalenderblattSozialkritik mit Pinselstrich04.10.2014

Jean-François MilletSozialkritik mit Pinselstrich

Die Werke des französischen Malers Jean-François Millet schildern den tristen und beschwerlichen Alltag der im 19. Jahrhundert noch überwiegend bäuerlich geprägten Gesellschaft. In Frankreich kennt heute fast jedes Kind seine Bilder. Und dabei galt Millet, der 1875 starb, in seiner Heimat kurz nach seinem Tod schon fast als vergessen.

Von Björn Stüben

Begehrt: Besucher des französischen Pavillons auf der EXPO 2010 in Shanghai fotografieren Millets berühmtes "Angelusläuten." (dpa/picture alliance/Diego Azubel)
Begehrt: Besucher des französischen Pavillons auf der EXPO 2010 in Shanghai fotografieren Millets berühmtes "Angelusläuten." (dpa/picture alliance/Diego Azubel)
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Ein ärmliches Bauernpaar hält inne bei der harten Feldarbeit. Heugabel und Schubkarre ruhen, während das Paar in sich gekehrt betet. Am fernen Horizont ragt im Gegenlicht ein spitzer Kirchturm in den Himmel. Das um 1858 von Jean-François Millet auf Leinwand gemalte Bild "L'Angélus", "das Angelusläuten", ist eine Ikone der französischen Malerei. Anne-Marie Meunier, heutige Eigentümerin des Millet-Ateliers im 70 Kilometer südlich von Paris gelegenen Künstlerdorf Barbizon, entschlüsselt das im Musée d'Orsay aufbewahrte Meisterwerk:

"Millet hat, wie er versicherte, beim Malen dieses Bildes nur an seine Großmutter und sein Heimatdorf gedacht, und ich bin sicher, das stimmt. Damals zeigte das Glockengeläut noch die Uhrzeit an, und das Angelusläuten kündigte das Ende der Arbeit auf dem Feld an.
Dann wurde noch ein kurzes Gebet gesprochen, und man ging nach Hause. Sein "Angelus"-Gemälde bildet also eine Kindheitserinnerung ab.

Jean-François Millet, geboren am 4. Oktober 1814 in dem normannischen Dorf Gréville, verließ im Alter von 20 Jahren den elterlichen Bauernhof, um sich in der nahe gelegenen Hafenstadt Cherbourg in verschiedenen Künstlerateliers zum Maler ausbilden zu lassen.

Seine Begabung verschaffte ihm 1837 ein Stipendium, das ihm den Eintritt in die Pariser Kunsthochschule und ins Atelier des arrivierten Historienmalers Paul Delaroche ermöglichte. Bald wandte er sich jedoch von der offiziellen akademischen Kunst ab und widmete sich, wieder nach Cherbourg zurückgekehrt, der Porträt-, vor allem aber der Genremalerei mit ihren Szenen aus dem bäuerlichen Leben.

Einige Zeitgenossen witterten dahinter eine politische Aussage, wie Anne-Marie Meunier unterstreicht:

"Millet wurde schnell als Sozialist abgestempelt, was aber nicht stimmte. Im Gegenteil, er war eher ein sehr konservativ geprägter Mensch. Und sein "Angelus"-Bild sorgte dann für noch mehr Verwirrung. Die progressiven Geister konnten hiermit nichts anfangen, denn sozialkritische Themen drehten sich damals mehr um Armut und Elend in Städten und Fabriken als auf dem Land, und so drängte man Millet mit seinem "Angelus" dann in die erzkatholische Ecke."

Schilderung des entbehrungsreichen Lebens

Bereits 1848 hatte Millet sein Bild "Le Vanneur", "Der Kornschwinger" im Pariser Salon ausstellen und anschließend an den französischen Innenminister Alexandre Ledru-Rollin verkaufen können. Die Schilderung des entbehrungsreichen Daseins auf dem Land, wo Mitte des 19. Jahrhunderts die Mehrzahl seiner Landleute lebte, wurde zum Hauptgegenstand seiner Malerei - wie in "Les Glaneuses", den "Ährenleserinnen" von 1857. Auf der Suche nach Themen kehrte er Paris den Rücken und bezog ein Atelier im Dorf Barbizon.

"Er ging hinaus auf die Felder und machte zuerst Skizzen, denn direkt vor dem Motiv hat er nie gemalt. Allerdings hatte er ein schwieriges Verhältnis zu den Bauern selbst. Von einem befreundeten Maler erfahren wir, dass Millet sie sogar mied.

In Briefen äußerte er sich sehr abfällig. Sie seien klein kariert, geizig und unkultiviert, was wohl auch stimmte. Er hingegen war sehr kultiviert, und so hat es kaum Kontakt gegeben."

Der moralisierende Aspekt Millets

Einige Zeitgenossen entdeckten jedoch auch einen moralisierenden Aspekt in Millets Werken, der für sie weit über die bloße Schilderung des Alltäglichen hinausging. Isolde Pludermacher, Konservatorin am Musée d'Orsay, zitiert hierzu einen berühmten Kunstkritiker:

"Baudelaire äußerte sich 1859 sehr kritisch zu Millets Bauerndarstellungen. Er schrieb: "Sie erscheinen besserwisserisch mit ihrer zur Schau getragenen schicksalsergebenen Abgestumpftheit, und das macht mir Lust, sie dafür zu hassen. Diese Ausgestoßenen maßen sich eine melancholische Überheblichkeit an. Millet sollte sie einfach nur als simple Bauern malen ohne jegliche moralische Botschaft."

Fast vergessen

Als Jean-François Millet 1875 in Barbizon starb, waren es vor allem amerikanische Sammler, die sich für seine Werke interessierten. In Frankreich machten jetzt die Impressionisten von sich reden und Millets malerisches Werk geriet zeitweilig in Vergessenheit. Sein herausragendes zeichnerisches Oeuvre sollte aber eine junge Künstlergeneration, zu der auch Vincent van Gogh gehörte, stark beeinflussen.

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