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StartseiteBüchermarktWenn Pistolen sprechen könnten12.02.2019

Jennifer Clement: "Gun Love"Wenn Pistolen sprechen könnten

Die amerikanische Autorin Jennifer Clement lässt in ihrem neuen Roman "Gun Love" die Waffen sprechen: Zwischen der poetischen Sprache ihrer jungen Ich-Erzählerin und der nüchternen Kalibergrößen-Prosa entsteht ein Spannungsfeld, im dem der Süden der USA als eine zerrissene Region aufscheint.

Von Michael Watzka

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Die us-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement und ihr Buch"Gun Love" (Foto: dpa/ picture alliance / Markku Ulander / Cover: Suhrkamp Verlag)
Die US-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement mit ihrem neuen Buch "Gun Love" (Foto: dpa/ picture alliance / Markku Ulander / Cover: Suhrkamp Verlag)
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"Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen. Meine Mutter war so süß, ihre Hände klebten immer wie nach einem Kindergeburtstag. Ihr Atem roch nach den fünf Geschmacksrichtungen der Life Saver-Bonbons. Und sie kannte alle Liebeslieder, die ganze Universität der Liebe. 'Slowly Walk Close to Me', 'Where Did you Sleep Last Night', 'Born Under a Bad Sign' und all die anderen Ich-bring-dich-um-wenn-du-mich-verlässt-Lieder."

Der Blues, der Tod, und die ganze Universität der Liebe – in "Gun Love", dem neuen Roman von Jennifer Clement, passt das alles zusammen zwischen die verrosteten Türen eines alten Ford Mercury, abgestellt im Norden Floridas irgendwo am Rand einer Müllkippe, räderlos, farblos, klapprig. Ganze vier Sitze umfasst er, dieser kleinste Vorlesungssaal der Welt, und zugleich ist er das Zuhause der kleinen Pearl und ihrer Mutter Margot. Zwischen dem wenige Plastiktüten umfassenden Hausrat vermittelt sie der Tochter dort das ABC der Seelenpoesie - das ist die Sprache der Blues-Balladen und ihre uralte Liebes-Metaphorik.

Ein rostiges Auto als Wohnsitz

Ansonsten aber sind es Verirrte und Abgehängte, die diesen Roman bevölkern: ein waffendealender Pastor, ein mexikanisches Schmugglerpaar, traumatisierte Kriegsversehrte und der zwielichtige Eli, der eines Tages ans Autofenster klopft und nicht wieder weggeht. Und inmitten all der Unbeständigkeit steht dann nicht etwa ein Haus, sondern der alte Mercury als feste Burg, die Mutter und Tochter seit jeher bewohnen, was nach Pearls Zeitrechnung genau vierzehn Jahre sind, so alt ist die Ich-Erzählerin, als die Handlung einsetzt.

Wie eine Ballade entspinnt sich diese hauchzarte Mutter-Tochter-Geschichte im tiefen Süden der Vereinigten Staaten. Angesiedelt auf der Rückbank eines räderlosen Autos, zwischen einer Müllkippe, einem Trailerpark und zwei Highways, wird hier der amerikanische Traum in sein Gegenteil verkehrt. Statt Aufstieg und Mobilität, sowohl im wörtlichen als auch im sozialen Sinne, regieren hier Perspektivlosigkeit und Stagnation den Alltag. 

Amerikas geweihter Boden

Genau wie Pearl und ihre Mutter sitzen nämlich auch die Bewohner des angrenzenden Trailerparks in ihren eigentlich fahrbaren Untersätzen fest. Margot, eine Tochter aus wohlhabendem Hause, ist als Siebzehnjährige kurz nach Pearls Geburt von zuhause weggelaufen und mit Auto und Kind auf dem Parkplatz neben dem abgehalfterten Trailerpark gelandet. Tagsüber geht sie in einem nahegelegenen Veteranenkrankenhaus putzen, Pearl und ihre beste Freundin April May laufen vormittags am Rand des Highways zur Schule, nachmittags rauchen sie Zigaretten am vermüllten Fluss und schauen den Alligatoren nach. Jennifer Clement:

"Mich interessierte zunächst das Thema der Obdachlosigkeit. Ich habe dann diesen Teil der Vereinigten Staaten als Schauplatz gewählt, weil ich meine Figuren ins Land der Ureinwohner versetzen wollte. Waffen hatten hier nämlich einst einen großen Anteil daran, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe mehr oder weniger ausradiert wurde. Der Roman spielt also hier, weil das geweihter, heiliger amerikanischer Boden ist. Das in Verbindung mit der Obdachlosigkeit war es, was mich interessiert hat, insbesondere die Leute, die hier in Autos leben - etwas, das es in den USA tatsächlich gibt."

Die brutale Sprache der Waffen

Zwischen intakter Ursprünglichkeit und harter Realität, den beiden Polen der Handlung, changiert der Roman auch auf sprachlicher Ebene. Der mitfühlenden Poesie einer tieferen Verbundenheit mit Natur und Seele stellt Clement die brutale Sprache der Waffen gegenüber, als die von Grund auf andere Prosa einer kaputten, verkommenen, im Roman durch und durch männlichen Welt. Und wo immer sich diese beiden Register überschneiden, bahnt sich Zerstörung an. Etwa in dem neuen Liebhaber der Mutter, Eli: Er ist es, an dem die durch Blues-Balladen geschulte Intuition Margots versagt.

"Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto. Die brauchen wir jetzt, sagte meine Mutter. Wie ein Regenschirm im Regen. Warum hat Eli sie dir gegeben? Für ihn ist es, als würde er mir Rosen schenken, sagte meine Mutter. Eli dachte, das ist genau das, was eine Waffe braucht, zwei Mädchen, die allein in einem Auto leben."

Eigenartige Symbiose aus Zuneigung und Gewalt

Clements Roman zeigt den US-amerikanischen Süden als eine Region, in der ein von Drogen, Gewalt und Müll geprägtes Milieu alles in Kugeln und Kaliber verrechnet - auch wenn es das menschliche Leben selbst ist. Denn mit "Gun Love", der titelgebenden Waffenliebe, ist im Buch vieles gemeint, vor allem aber eine recht eigenartige Symbiose aus Zuneigung und Gewalt.

Diese sehr amerikanische Bildwelt mutet beim Lesen mitunter etwas merkwürdig an, in der Großanlage jedoch fungiert sie als ganz konkretes Kontrastmittel zu der poetischen Sprache des Romans, die sich - gewollt oder nicht - immer wieder im klischeehaften Kleister verheddert. Diese "poetische" Dimension auf sprachlicher Ebene verweist jedoch noch auf ein weiteres Element im Buch: die besondere Gabe nämlich von Mutter und Tochter, den atmosphärischen Schwingungen zwischen Menschen und Dingen nachzuspüren. Jennifer Clement:

"Margot besitzt die Gabe, tatsächlich das zu fühlen, was andere Leute fühlen, und ihre Tochter merkt, dass sie die Gabe auch hat - aber dazu eben auch die Fähigkeit, zu fühlen, was Gegenstände fühlen, die Geschichte in den Objekten um sie herum zu erspüren. Das wiederum ermöglicht es mir als Autorin, die Waffen selbst sprechen zu lassen."

Die Kugel für das Herz

Denn die Einschüsse der Kugeln rücken näher, und sie verschonen auch den alten Mercury nicht: Eli nimmt im Auto nach und nach den Platz von Pearl ein, die fortan die Nachmittage in einem leerstehenden Wohnwagen im Trailerpark verbringt. Dort macht sie nicht nur Bekanntschaft mit der ausgeflippten Corazón, einer leidenschaftlichen Mexikanerin, die für Pearl zum Tor in eine andere Welt wird. Nein, die Vierzehnjährige wird dort auch Zeugin eines Sammelsuriums unterschiedlichster Waffen, das von Tag zu Tag wächst und den Wohnwagen mit Geschichten anfüllt.

Nachdem auch Margot den unvermeidlichen Tod durch die Kugel findet und Eli kurz darauf türmt, gerät Pearl zur Hälfte des Buchs in das Umfeld eines Waffenschmugglerrings. Der leerstehende Wohnwagen entpuppt sich dabei als Umschlagplatz eines großangelegten Netzes, in das der ganze Trailerpark verwickelt ist. Pearl kommt zunächst in eine Pflegefamilie, doch auch dort holt sie schließlich ihr altes Leben ein. Es beginnt eine lange Reise, die sie im Bus die Golfküste entlang bis an die mexikanische Grenze führt.

"Während der Bus mich wegbrachte von vierzehn Jahren Leben im Auto vor einem Trailerpark und drei Wochen Leben als Pflegekind, verstand ich, worin mein Erbe bestand. Meine Mutter hatte mir nicht nur Manieren beigebracht und von ihrer Silberner-Löffel-Zimttoast-Kindheit erzählt, sie hatte mir auch einen Treuhandfonds von Gefühlen hinterlassen. Aber erst jetzt nach ihrem Tod wurde mir klar, dass ihr Mitgefühl auch Gegenständen gegolten hatte. Die Perlen um meinen Hals beweinten das Meer."

Waffen finden ihren Weg über die Grenze

Der vorläufige Endpunkt dieser Reise, ein Motel kurz hinter der Grenzstadt Laredo, ist das Herzstück dieses Romans. Der nämlich weist mit Blick auf die Gegenwart auch einige politische Brisanz auf: Pearls Geschichte schildert von der US-Seite aus, was die amerikanisch-mexikanische Autorin von der anderen Seite der Grenze bereits in dem 2014 erschienen Vorgängerroman "Gebete für die Vermissten" gezeigt hat: Beide Bücher beschäftigen sich mit den verheerenden Folgen des Waffenverkehrs, der als Lebensentwurf, Kulturprodukt und Geschäftsmodell zugleich das soziale Leben an der Golfküste in Atem hält:

"Der Hauptimpuls, dieses Buch zu schreiben, war der Fakt, dass täglich etwa 20.000 Waffen den Weg über die Grenze nach Mexiko finden. 'Gun Love' ist mein Versuch darüber zu schreiben, wie Waffen aus den USA nach Mexiko und dann weiter nach Zentralamerika geschleust werden. Die sogenannte Migrationskrise, von der in den Medien die ganze Zeit die Rede ist, ist in Wirklichkeit eine Krise, die durch US-amerikanische Waffen, die in unser Land geschwemmt werden, überhaupt erst angeschürt wird."

Poesie und Realismus

"Gun Love", der vierte Roman von Jennifer Clement, ist eine über weite Strecken überaus poetische Geschichte. Diese Poesie aber tritt im Roman immer wieder hinter einen harten Realismus zurück. Das Resultat ist die mehr oder weniger akkurate Darstellung einer Welt, in der es zwar legal ist, ganze Wagenladungen voll mit Maschinenpistolen über die Grenze zu bringen, nicht aber die Menschen, die von diesen Waffen letztlich nach Norden vertrieben werden. In diese komplizierte, hochaktuelle Gemengelage legt Clement mit ihrem Roman den Finger - das sie es nicht mit dem politischen Zeigefinger tut, sondern mit den ungleich sanfteren Mitteln ihrer überzeugenden Fiktion, ist eine der Stärken dieses lesenswerten Buchs.

Jennifer Clement: "Gun Love"
Suhrkamp, Berlin
251 Seiten, 22 Euro

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