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StartseiteBüchermarktJenseits der Literaturbeilage02.06.2004

Jenseits der Literaturbeilage

Christoph Ransmayr: "Geständnisse eines Touristen"

Einmal erzählt der Weltreisende Christoph Ransmayr von den mündlichen Erzählern, viele von ihnen Analphabeten, auf dem Jemaa el Fna, dem Platz der Toten in Marrakesch, um die sich Abend für Abend Trauben von Zuhörern bilden, hungrig nach Geschichten.

Martin Krumbholz

Christoph Ransmayr, "Geständnisse eines Touristen", Coverausschnitt (Fischer Verlag)
Christoph Ransmayr, "Geständnisse eines Touristen", Coverausschnitt (Fischer Verlag)

Und wenn ein Erzähler schließlich doch verstummte, sich an einem der filigranen Rohrtische in den Gast einer fliegenden Küche verwandelte oder in der Menge verschwand, blieb am Ort seiner Erzählung eine leere Stelle, die sich langsamer als die von den Gauklern hinterlassenen Leerstellen zu schließen schien, so, als ob das wirkliche Leben jenen Raum, den eine bloße Geschichte eingenommen hatte, nur zögernd wieder füllen wollte.

Um Leerstellen und deren Beseitigung, um die Rezeption von Literatur also, aber auch um das "wirkliche Leben" geht es in Ransmayrs Band Geständnisse eines Touristen, Untertitel: Ein Verhör. Tourist, nicht Schriftsteller oder Dichter, denn auf solche Titel erhebt Ransmayr erklärtermaßen keinen Anspruch; und vom "Verhör" ist nicht deswegen die Rede, weil der Autor etwas verbrochen hätte, sondern weil der Fonds dieses Buchs aus Interviewfetzen besteht - im Lauf der Jahre muss ein berühmter Autor ja die dümmsten Fragen beantworten, und offenbar empfindet er diese Dauerbefragung zunehmend als Verhör. Das Verhör kommt hier nun aber in der Gestalt des Selbstverhörs daher, oder besser gesagt einer freundlichen Selbstbefragung, wobei die Fragen meist ausgespart bzw. geschickt in den laufenden Text hineinmontiert sind. Auf diese Weise sieht der Leser sich permanent in einen Scheindialog verwickelt: "Größenwahn, sagen Sie?", obwohl der wirkliche Leser natürlich nichts dergleichen gesagt, allenfalls klammheimlich gedacht hat; überraschend konziliant tönt es zurück: "Vielleicht haben Sie recht." Aber schließlich, das möge der Leser bedenken, könne dieser wie jeder andere Wahn mit einem Sturz ins Bodenlose enden. Soweit sind wir aber noch lange nicht. Über die Fragen des Feuilletons jedenfalls wie überhaupt über die veröffentlichten Meinungen des Feuilletons muss Ransmayr sich maßlos geärgert haben; unerhörte Töne seien in seine Ohren gedrungen:

Töne, als ob in einem missliebigen Erzähler, Schriftsteller oder Dichter nicht bloß der Urheber eines literarischen Beitrags zu kritisieren wäre, sondern jemand bestraft! werden müßte: kein Erzähler, sondern ein Unhold, der nicht nur den guten Geschmack dieses oder jenes Kritikers beleidigt, sondern dazu auch noch dessen Sohn verstümmelt, dessen Frau und Tochter vergewaltigt und am Ende den Tatort in Brand gesteckt hätte und nun dafür die Strafe seiner Vernichtung erleiden müßte.

Der Dichter, der kein Dichter sein möchte, aber noch weniger ein Agent des Medienbetriebs, denn als solcher wird er ja unaufhörlich zum "journalistischen Meinungsinkasso" gebeten – Ransmayr ist das ganze Hin und Her der Werturteile, der Hymnen und Verrisse gründlich leid. Manchmal seien es übrigens gerade die Hymnen, die Widerspruch provozierten, was dem gerühmten und geschmähten Autor Ransmayr als "ein ziemlich verschlissener Antagonismus" erscheint:

Klar, wer will sich denn als fünfzigster oder zweiundachtzigster Gratulant mit einem Blumenstrauß einstellen, wenn Applaus und Dankbarkeit einer bereits gelangweilten Festgesellschaft weitaus sicherer sind, wenn dem Jubilar oder der Jubilarin ein solcher, bereits dürr gewordener Riesenstrauß einfach ins Gesicht gedrückt und dort wie eine Reisbürste ein bißchen bewegt und gedreht wird. (...) Zurechtgerückt, heißt es dann unter Umständen auf den Rängen der literarischen Schlachtenbummler – zurechtgebürstet, Augen geöffnet, mäßigend eingegriffen, Zweifel angemeldet.

Über Kritiker und ihre Marotten, über ihre Schuhmoden und über die Unmöglichkeit, sich mit ihnen zu duellieren, hat Ransmayr eine Menge mitzuteilen, und der Drang, das eine oder andere Hühnchen zu rupfen mit diesem und jenem, gibt dem angriffslustigen kleinen Buch denn auch sein unverwechselbares Al-dente-Aroma. Zum Glück aber ist die Welt größer als unsere Literaturbeilagenweisheit es sich träumen lässt, und zu vielen Themen lässt der Autor sich der eigenen Genervtheit zum Trotz dann doch zum Meinungsinkasso bitten, zu Fragen des literarischen Kanons - "Einen Kanon des Bleibenden wollen Sie? Du lieber Himmel" -, zu Salzburg und den Salzburger Festspielen, zum Skitourismus und den "immer breiteren Pisten in die Unfallkrankenhäuser", zum Bergsteigen mit Reinhold Messner, für das der Begriff "Tourismus" eine kokette Untertreibung ist, und nicht zuletzt zum Zu-Fuß-Gehen, für das dieser Langsamschreiber, neben seinen wenigen Büchern, berühmt ist: "Ja, ich gehe viel zu Fuß", bekennt er und teilt seinem fiktiven Interviewer mit:

Ich kenne keine Fortbewegungsart, die dem Denken, dem Sprechen und schließlich auch Schreiben gemäßer wäre als das Gehen. Denn zum Fußweg gehört auch der langsame, allmähliche Wechsel der Perspektive, das Innehalten und Betrachten. Erst dadurch kann so etwas wie ein vielschichtiges Bild der Welt entstehen, Material für Geschichten, Erzählungen. Die Linie, der rote Faden, der durch alle Wechsel der Geschwindigkeiten und Perspektiven einer Erzählung führt, erscheint mir immer als die Route eines Fußgängers.

Christoph Ransmayr
Geständnisse eines Touristen. Ein Verhör
Fischer EUR 12,-

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