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StartseiteHintergrundJenseits des Klischees02.06.2007

Jenseits des Klischees

Türkinnen in Deutschland

Türkische Frauen werden in der - deutschstämmigen - Öffentlichkeit meist als homogene Gruppe angesehen, die unverändert an Traditionen festhält und sich nicht aktiv am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben beteiligt. Unterdrückt, sprachlos, verängstigt - so gängige Klischees über türkischstämmige Frauen. Mit der Realität hat das wenig zu tun.

Von Gela Koll

Typisch türkisch? - Die Schauspielerin Pegah Ferydoni aus der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger". (ARD/Thorsten Jander)
Typisch türkisch? - Die Schauspielerin Pegah Ferydoni aus der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger". (ARD/Thorsten Jander)
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Ku'damm 115 b - hier hat Müge Yücel ihr Büro. Ganz in der Nähe wohnt sie auch. Sie trägt einen schmal geschnittenen schwarzen Anzug, darunter eine rote Bluse, die langen, dunklen Haare lässig zurückgebunden. Ganz Business-Frau: Vor dem Interview noch einmal schnell die Mailbox des Handy abgehört, um sich dann ganz dem Gespräch zu widmen. Die Telefone werden vorsorglich auf stumm geschaltet. 30 Jahre ist sie alt. Nach dem Abitur hat sie zehn Jahre in den USA verbracht, dort studiert und gearbeitet. Seit anderthalb Jahren lebt Müge Yücel jetzt in Berlin.

" Alles spielt sich in Berlin ab! Nein! Ich habe mich in Berlin niedergelassen ganz einfach, weil ich anfangs auch für den Verband Türkischer Industrieller und Unternehmer hier tätig war. Und auch für den Berliner Bürgermeister Wowereit bei seiner Berlin-Istanbul-Städtepartnerschaft zur Wiederbelebung assistiert habe. Ich habe in der Zwischenzeit natürlich Freundschaften und Netzwerke und Bekanntschaften aufgebaut die man nach zehn Jahren Amerikaaufenthalt auch zu schätzen weiß. Wäre ich jetzt umgezogen, dann wäre es natürlich wieder ein Anfang gewesen von Null an. Man hätte wieder alles von Grund auf aufbauen müssen. Es wäre schwieriger gewesen. Außerdem ist Berlin Hauptstadt. Die Politik spielt hier eine große Rolle - jetzt abgesehen von den ganzen Kontakten - ist es natürlich auch eine "Location" die höchstwahrscheinlich in den kommenden Jahren auch wirtschaftlich einen größeren Boom erleben wird. "

Auf den die Jungunternehmerin setzt. Ihre Voraussetzungen sind gut. Sie spricht drei Sprachen fließend, fühlt sich in Deutschland, der Türkei und den USA zu Hause. Hat Marketing und internationale Finanzen studiert, sich eingehend mit Tourismus beschäftigt. Ihre Geschäftsidee hat sie aus den USA mitgebracht: Wohnparks - mit Rundum-Betreuung bis hin zum medizinischen Gesundheitscheck - will sie in den nächsten Jahren in der Türkei bauen. Ihre Zielgruppe: gut betuchte Käuferinnen und Käufer, türkische sowie deutsche Rentner, aber auch Geschäftsleute. Typisch türkisch - von wegen. Müge Yücel räumt mit vielen Klischees auf. Denn auch verheiratet ist die 30-Jährige noch nicht und ist damit längst keine Ausnahme mehr, wie die Wissenschaftlerin Martina Sauer vom Essener Zentrum für Türkeistudien herausgefunden hat. In der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren ist die Hälfte der jungen Frauen nicht verheiratet. Martina Sauer und ihre Kollegin, Gülay Kizilocak, kommen in ihrer Studie "Zur Lebenssituation türkischstämmiger Frauen" zu dem Ergebnis, dass das traditionelle Rollenbild der Frau als Hausfrau und Mutter unter türkischen Frauen umstritten ist. Rund die Hälfte der türkischstämmigen Migrantinnen befürwortet zwar die traditionelle Frauenrolle, ebenso viele lehnen sie aber auch ab. Eine Berufsausbildung für Frauen und Mädchen findet jedoch nahezu uneingeschränkt Unterstützung der türkischstämmigen Frauen. Bereits heute ist ein Drittel von ihnen berufstätig. Zwar hat der Vater von Müce Yücel nach dem erster Examen davon gesprochen, jetzt werde es aber langsam Zeit, sich nach einem Ehemann umzuschauen, aber sie konnte dem Gedanken nichts abgewinnen. Stattdessen hat sie sich für ein zweites Studium entschieden. Der Vater gab Ruhe. Typisch türkisch - von wegen. Das fängt schon bei ihren Eltern an. Sie sind nicht nach Deutschland gekommen, um am Fließband zu schuften oder den Müll zu entsorgen, weil es in der Türkei keine Arbeit für sie gab. Sind also keine klassischen Arbeitsmigranten. Vater und Mutter haben beide Medizin studiert. Der Vater stammt aus einer Istanbuler Bauunternehmer-Familie. Müge Yücel ist in Viersen geboren, aufgewachsen im Weserbergland. In Holzminden führen ihre Eltern eine Gemeinschaftspraxis. Türkisches Bürgertum. Entsprechend verläuft die schulische Karriere der beiden Töchter. Selbstverständlich machen sie beide das Abitur - an einer Privatschule:

" Wir hatten Unterrichtsklassen in der Größe von fünf bis sechs Personen. Was damals natürlich sehr interessant war. Habe während meiner Schulzeit (nebensächlich) vor allem Klavier gespielt, Tanzunterricht genommen, Theater, im Chor, im Schulchor war ich mit dabei. Ja, sehr aktiv. Die UNO zum Beispiel war eine Sache, die wir mitgemacht haben. Das war auch ganz toll, weil man als Schule natürlich daran teilnehmen konnte und in Den Haag dann zu einer Modell-UNO zusammenkam. Sehr schön. "

Sie ist die einzige Türkin in ihrer Klasse. Ihre Freunde findet sie vor allem unter ihren Mitschülern. Kontakt mit Kindern aus anderen türkischstämmigen Familien hat sie nur ausnahmsweise, denn mit den meisten hat sie nicht viel gemeinsam. Sehr, sehr deutsch sei sie aufgewachsen, betont sie. Nach dem Abitur hat sie zunächst mit dem Studium der Astronomie geliebäugelt, aber auch Marketing stand auf ihrer Wunschliste ganz oben. Weil sie keine Frau der Theorie, vielmehr eine Macherin ist. Die Führung eines Unternehmens war ihr Ziel, und darauf hat sie sich in den USA systematisch vorbereitet. Heute steht auf ihrer Visitenkarte "Vorstandsvorsitzende" der "Mediterranum AG" - ein erster Schritt ist getan.

In der zweiten und dritten Einwanderergeneration ist ein wahrer Gründerboom ausgebrochen. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Selbstständigen mit türkischem Hintergrund auf 64.000 verdreifacht, erklärt Martina Sauer vom "Zentrum für Türkeistudien". Rund 20 Prozent sind Frauen. Nicht immer ist Arbeitslosigkeit der Grund für die Existenzgründung. Inzwischen sind zunehmend auch freie akademische Selbstständige unter ihnen, wie etwa Müce Yücel. Dennoch werden türkische Frauen in der Öffentlichkeit meist als homogene Gruppe angesehen, die unverändert an Traditionen festhält und sich nicht aktiv am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben beteiligt. Unterdrückt, sprachlos, verängstigt - so die gängigen Klischees über türkischstämmige Frauen. Die anderen fallen halt nicht auf, bilden aber die Mehrheit, erklärt die Wissenschaftlerin, und Müce Yücel weiß dies aus Erfahrung:

" Ich werde eigentlich auch gar nicht als Türkin angenommen. Das ist das Witzige. Also ich denke, das hat wirklich mit der Art und Weise zu tun, wie ich mich anziehe und wie ich mich bewege. Ich werde auf der Straße nicht als Türkin erkannt. Ich werde als Spanierin oder Italienerin angesprochen. Mediterran ja, Türkin nein! "

Auch Lale Akgün trifft man in Berlin an einem Ort, an dem man Frauen mit türkischem Hintergrund in der Regel nur als Putzfrauen oder Küchenhilfen zu Gesicht bekommt. Sie hingegen kennt man auch aus dem Fernsehen. Lale Akgün, verheiratet, eine Tochter, wohnhaft in Köln. Seit 1962 lebt sie in Deutschland; seit 2002 sitzt sie für die SPD im Bundestag. Sie ist eine der wenigen Frauen mit türkischem Hintergrund, die es in den Bundestag geschafft haben. Über Klischees kann Lale Akgün in der Regel nur noch herzlich lachen und die Medien zu einer etwas differenzierteren Betrachtung auffordern. Zumal auch ihr eigener Lebenslauf so wenig klischeehaft verlaufen ist. Als Neunjährige kommt sie nach Deutschland.

" Was ich so spannend fand war, ich kam ja aus einem sehr laizistischen Land und kam in eine katholische Grundschule. Und dieses Beten morgens, abends und nachmittags. Dann die getrennten Schulhöfe nach Mädchen und Jungen, das kannte ich auch nicht. Das hat mir am Anfang schon einen kleinen Kulturschock versetzt. "

Geboren wurde Lale Akgün 1953 in Istanbul. Sie hat noch eine jüngere Schwester. Ihr Vater ist Zahnarzt, ihre Mutter Mathematikerin. Als dem Vater nach dem Besuch eines Kongresses in Köln eine interessante Tätigkeit angeboten wird, zieht die Familie spontan ins Rheinland - Ende der fünfziger Jahre. Es sollte ja nicht für immer sein, so hieß es damals. Die Familie spricht kein Wort deutsch, aber der Vater engagiert kurzerhand einen Lehrer, der dreimal in der Woche pünktlich um 19.00 vor der Tür steht. Lale Akgün und ihre jüngere Schwester machen an einem Kölner Gymnasium das Abitur.

" Weil es ja nie eine Frage war, ob wir studieren, ob wir zu Schule gehen, ob wir Karriere machen, sondern die Frage war immer, was wir studieren, was für Karrieren wir machen. Ich glaube, dass das Elternhaus schon eine sehr wichtige Rolle spielt. "

Sie sind die einzigen türkischen Schülerinnen. Sie sind auch ein Beleg dafür, dass im deutschen Schulsystem die soziale Herkunft zu sehr über den Bildungserfolg entscheidet. Und die Mehrheit der türkischstämmigen Deutschen kommt eben aus Arbeiterhaushalten. Viele Kinder mit nicht-deutschem Hintergrund schaffen deshalb nur den Hauptschulabschluss, nämlich über 40 Prozent, und fatalerweise schaffen 20 Prozent nicht einmal den. Besonders viele Jungen sind darunter! Die Chancen der türkischstämmigen Kinder im deutschen Schulsystem sind unter anderem besonders schlecht, weil es hierzulande nur unzureichend gelingt, Sprachdefizite auszugleichen. Es muss gelingen, den Zusammenhang von sozialer Herkunft, Migrationshintergrund und Schulleistung zu "entkoppeln".

Als Töchter von Akademikern bringen Lale Akgün und ihre Schwester die besten Voraussetzungen mit für eine Akademikerkarriere. Die Schule ist eine Mittelschichtsinstitution, bringt es die Politikerin Lale Akgün heute auf den Punkt. Das gängige Vorurteil, türkische Eltern würde die Schullaufbahn ihrer Kinder - insbesondere die ihrer Töchter nicht interessieren, lässt Lale Akgün nicht gelten:

" Ich habe ab 1984 angefangen, meine Doktorarbeit zu schreiben. Und 84, also das sind jetzt 23 Jahre her. An Grundschulen habe ich Fragebogen an Eltern verteilt, und eine Frage war: Was möchten Sie, was Ihr Kind später mal wird? Am Ende hatte ich 400 verwertbare Fragebögen und Testergebnisse von Kindern. 400. Und jetzt halten sie sich fest: Es war eine Antwort dabei mit 'Hausfrau'. Alle anderen hatten - und ich hatte 200 Mädchen und 200 Jungen - alle anderen hatten auch für ihre Töchter Berufe angegeben. Das vor 23 Jahren. Jetzt erzähl mir mal keiner, dass das heute schlimmer sein soll als vor 23 Jahren. Manche tun ja so, als würde die Zeit für alle vorwärts gehen, nur für die Türken rückwärts gehen. "

Über 20 Jahre später kommt die Wissenschaftlerin Martina Sauer zu einem ähnlichen Ergebnis. Natürlich leugnet Lale Akgün nicht die Probleme: Sie kennt die Fakten, wenn es um so genannte Ehrenmorde geht, Zwangsehen, Gewalt in den Familien. Verfolgt seit Jahrzehnten die Diskussionen und trotzdem fragt sie sich:

" Wieso können wir eigentlich nicht, gerade bei der Integration nicht sagen: Das Glas ist halb voll. Die Wahrnehmung und die Realität werden bestimmt durch die immer gleichen Bilder: Das sind die erfolgslosen jungen Männer auf der Straße, dann eben unterdrückte Kopftuchfrauen. Und, und, und. Ich weiß es nicht, warum wir nicht in der Lage sind zu sagen, Deutschland schreibt, was Integration angeht, eine Erfolgsgeschichte? Natürlich ist nicht alles hundertprozentig, aber das ist es nie. "

Bergmannstraße, Berlin Kreuzberg. Zwischen Thai Restaurant, Sushi-Imbiss und "Espresso Lounge" betreibt Senay Celik ihre beiden Läden. Auf der einen Straßenseite verkauft sie mediterrane Spezialitäten, auf der anderen, gleich gegenüber, vor allem Kuchen. Sie wurde 1970 geboren, nicht in der Großstadt wie Lale Akgün, sondern auf dem Land. Das Leben in der Großstadt Berlin bedeutete für sie eine große Umstellung:

" Es war ganz schlimm, weil ich bin in einer sagen wir mal kleinen Wildnis aufgewachsen, so ein kleines Kaff ... und dann kommst Du nach Deutschland, also nach Kreuzberg, und da waren ja nicht so viel Kinderspielplätze. Es war ja alles nur Fassade, und dann haben wir draußen vor den Häusern gespielt, und dann wurden die Nachbarn aggressiv, weil wir ja laut waren, wir waren natürlich Kinder, und dann hat man mit uns geschimpft, und wir haben natürlich das nicht verstanden. "

Ihr Vater kommt 1968 nach Berlin. Er hat Arbeit in einer Fabrik gefunden. Erst zwei Jahre später kann er seine Frau und Senays ältere Schwester nachholen. Sie leben in einer Ein-Zimmer-Wohnung mit Außentoilette. Es werden viele Jahre vergehen bis die Familie - Vater, Mutter, die drei Töchter und der Sohn - gemeinsam in Kreuzberg lebt. Senay Celik ist sechs Jahre alt, als die Eltern sie nach Berlin holen und wird gleich eingeschult. In der Klasse sind nur türkische Kinder, auch die Lehrerinnen kommen aus der Türkei, Unterrichtssprache ist hingegen deutsch. Viele Kinder verstehen und sprechen kaum ein Wort der fremden Sprache.

" Ich wollte in die Realschule, und da hieß es, dass meine Lehrerinnen gesagt haben: Nein, ich kriege eine Hauptempfehlung. Aber ich habe im Nachhinein geguckt, ich hatte Zweien und Dreien im Zeugnis, und ich habe es nie verstanden, auch damals nicht, warum ich eine Hauptempfehlung von den Lehrern bekommen habe. Ich bin total dagegen gegangen. Ich wollte in die Realschule, und ich als Elfjährige bin zum Bezirksamt hin, weil meine Eltern wussten es nicht, dass wir auch Rechte hatten. Ich bin hin (und habe gesagt), ich möchte nicht in die Hauptschule, ich will auf die Realschule. Und meine Eltern haben gesagt: Was der Lehrer sagt, dass ist richtig. "

Über die Hälfte der Türken ist überzeugt, ihre Kinder haben schlechtere Chancen als deutsche Kinder. Fast 80 Prozent auch von jenen mit guter Ausbildung klagen über Diskriminierung. Diesen Eindruck belegen Studien, so Martina Sauer vom "Zentrum für Türkeistudien":

" Es wurde auch festgestellt, dass es sehr starke Unterschiede gibt in den Empfehlungen der Lehrer zu den weiterführenden Schulen, und zwar unabhängig von den Noten. Dass Migrantenkinder häufiger die Empfehlung für Hauptschulen bekommen - bei gleichem Notendurchschnitt wie deutsche Kinder. Weil auch Lehrer nicht ganz frei sind von Vorurteilen, von Stereotypen und denken, Migrantenkinder sind auf 'ner Hauptschule besser aufgehoben als zum Beispiel auf dem Gymnasium. "

Trotz Diskriminierung schaffen immer mehr türkischstämmige Jugendliche das Abitur, betont sie - besonders Mädchen. Die Abiturientenquote ist zwar niedriger als in der Gesamtbevölkerung, liegt aber über der der türkischstämmigen Männer und ist in den jüngeren Altersgruppen deutlich höher als unter älteren Migrantinnen. Wer die Integration und Emanzipation türkischstämmiger Frauen befördern will, der muss vor allem ihre Bildungschancen verbessern. Insbesondere beim Übergang von der Schule in den Beruf brauchen sie Förderung. Wichtig ist aber auch, dass in der Öffentlichkeit positive Vorbilder sichtbar werden - wie etwa Senay Celik.

Senay Celik macht den Hauptschulabschluss, danach arbeitet sie eine Zeit lang in der Metzgerei der Eltern, die sich inzwischen selbstständig gemacht haben. Sie wird später noch eine Lehre als Bürokauffrau absolvieren. Früh zieht sie zu Hause aus. Heiratet einen deutschen Mann und lässt sich wieder scheiden. 1997 übernimmt Senay Celik dann den Laden der Eltern auf der Bergmannstraße und nicht der Bruder. Inzwischen hat sie eine 16 Monate alte Tochter. Erst im Sommer wird geheiratet. Ihre Eltern haben sich an einiges gewöhnen müssen. Man rauft sich zusammen. Als sie die Metzgerei der Eltern übernimmt, ist vielen Kunden der Appetit auf Fleisch vergangen. Es ist die Zeit der ersten BSE-Krise. Sie krempelt den Laden um. Setzt auf Pasten, die sie mit Hilfe ihrer Schwester selbst herstellt. Doch ihre Geschäftsidee droht zu scheitern, die Kunden bleiben aus:

" Das war aber nicht so einfach, weil es ja den Spruch gibt, was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht, und das war halt wirklich ein Problem. Die Leute haben sich das angeguckt: Schwarze Olivenpaste? Das sieht aber komisch aus. Und haben gesagt: Das sollen wir essen? ... Am Anfang haben wir viel wegwerfen müssen, weil die Leute einfach nicht gekauft haben. "

Den Durchbruch verdankt sie einem Zeitungsartikel über ihren Laden. Was Senay auch mit Hilfe ihrer Schwestern und der Unterstützung der Eltern herstellt, findet auf einmal Anklang. Sie expandiert, gründet Läden in anderen Stadtteilen, die heute Schwestern und Bruder führen. Seit zehn Jahren ist sie nun schon Geschäftsfrau. Durchsetzen musste sie sich nicht nur mit ihren Produkten, sondern auch auf dem Großmarkt. Deutsche und türkische Männer mussten sich an den Anblick einer Frau gewöhnen. Mittlerweile sei das absolut selbstverständlich, bemerkt sie mit Genugtuung. Für ihre Kundschaft ist es selbstverständlich, dass eine Frau die Geschäfte führt:

" Wir hatten immer 80, 90 Prozent Multikulti-Gesellschaft, und das war weiterhin unsere Richtung. Dass wir an diese Leute kommen wollen. Weil wir ja sehr emanzipierte Frauen waren und auch schon damals haben immer ein bisschen Probleme mit der türkischen Community gehabt, wie wir gelebt haben und wie wir waren insgesamt. Und, wenn Du in der Öffentlichkeit bist, können die Leute Dich viel schneller angreifen. Also diese türkische Community ist dann einfach rigoros reingekommen in den Laden und haben uns Wörter gesagt und meine Eltern angemacht, wie sie uns erzogen haben ... Und daraufhin wussten wir, mit wem wir unsere Geschäfte machen wollen oder nicht, weil wir sind einfach Kreuzbergerinnen, emanzipierte Kreuzbergerinnen. "

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