Interview / Archiv 14.08.2014

Jesiden im Irak"USA leisten hervorragende Arbeit"

Eine jesidische Familie hat Schutz gefunden in einem Flüchtlingscamp in der Nähe der türkisch-irakischen Grenze. Erwachsene und Kinder sitzen auf ausgebreiteten Teppichen in einem Zelttunnel. (AFP / Ilyas Akengin)Ein paar Hundert Jesiden sollen sich noch in den Bergen im Nordirak vor den Terroristen der IS-Miliz versteckt halten. (AFP / Ilyas Akengin)

Jesiden in Deutschland weisen Kritik an den USA zurück: Mit ihren Lufteinsätzen im Nordirak hätten sie viele Flüchtlinge gerettet, sagte der Zentralrats-Vorsitzende Tolan im DLF. Im Sindschar-Gebirge hielten sich nur noch mehrere Hundert Menschen auf, deren Lage allerdings dramatisch sei.

Bei den mehreren Hundert Jesiden in den nordirakischen Bergen handele es sich vornehmlich um Schwerstverletzte und deren Angehörige, sagte Telim Tolan, Vorsitzender des Zentralrats der Jesiden in Deutschland. Es werde dringend Hilfe benötigt, damit sie nicht den Hungertod stürben. Auch die Situation der geretteten Jesiden ist laut Tolan dramatisch: Ihnen fehle es an Grundnahrungsmitteln. Ohne den Einsatz der USA hätten die Flüchtlinge die Berge aber nicht verlassen können, sagte Tolan im Deutschlandfunk.

Er betonte, der Zentralrat der Jesiden wolle keinen Staat für militärische Zurückhaltung kritisieren - auch nicht Deutschland. Jedes Land habe unterschiedliche Aufgaben übernommen: England und die USA im militärischen Bereich, Deutschland habe sich mit humanitärer Hilfe engagiert. Tolan nannte Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak den "richtigen Weg", um die IS-Terroristen nachhaltig zu bekämpfen.


Das Interview in voller Länge:

Dirk Oliver Heckmann: Seitdem die Amerikaner Stellungen der Terrormiliz IS bombardieren und Nahrungsmittel für die Flüchtlinge abwerfen, hat sich die Lage der Jesiden, die sich ins Sindschar-Gebirge geflüchtet haben, zweifellos verbessert. Zehntausenden ist es mit kurdischer Hilfe gelungen, der Todesfalle zu entkommen. Nach Erkundungsflügen über dem Gebiet sind die Amerikaner aber jetzt zu dem Schluss gekommen, ein militärischer Rettungseinsatz zugunsten der Jesiden sei wohl nicht mehr notwendig. Marcus Pindur über eine umstrittene Entscheidung.

Aus Washington war das der Bericht von Markus Pindur. Eine Luftevakuierung, um jesidisches Leben zu retten, ist aus amerikanischer Sicht also derzeit nicht angezeigt. Michael Reimon ist grüner Europaabgeordneter aus Österreich. Er hält das für eine zynische Entscheidung. Er hat nämlich an einem Hilfsflug teilgenommen und ein Video davon ins Internet gestellt. Und meine Kollegin Christine Heuer hat ihn nach seinen Eindrücken gefragt.

Das waren Schilderungen des grünen Europaabgeordneten Michael Reimon, heute früh im Deutschlandfunk. Er war Augenzeuge eines Hilfsflugs über dem Gebirge. Am Telefon begrüße ich jetzt Michael Tolan, er ist Vorsitzender des Zentralrats der Jesiden in Deutschland. Schönen guten Tag, Herr Tolan!

Telim Tolan: Schönen guten Tag, Herr Heckmann!

Heckmann: Herr Tolan, das amerikanische Verteidigungsministerium geht davon aus, dass sich nicht mehr so viele Menschen im Sindschar-Gebirge aufhalten, auch ihre Versorgungssituation sei nicht mehr so dramatisch. Deckt sich das mit den Nachrichten, die Sie aus Ihrer Heimat erhalten?

Tolan: Ja, das kann ich erfreulicherweise bestätigen, weil tatsächlich durch nächtliche Lufteinsätze konnten sehr, sehr viele Jesiden von den Bergen heruntergeholt werden, befreit werden, konnten durch Korridore in die Freiheit gelangen, per Hubschrauber evakuiert werden. Wir haben nur noch ein paar hundert Jesiden auf den Bergen. Aber deren Lage ist natürlich sehr dramatisch. Es handelt sich überwiegend jetzt um Schwerstverletzte, Angehörige, die eben ihre behinderten Menschen nicht aufgeben. Da brauchen wir noch auf jeden Fall Hilfe.

Heckmann: Hilfe in welcher Form?

Tolan: Dass die ebenfalls befreit werden. Dass man die, die jetzt noch verteilt auf dem Berg sich aufhalten, ebenfalls aufnimmt, damit sie nicht den Hungertod sterben.

"Amerikaner haben hervorragende Arbeit geleistet"

Heckmann: Aber jetzt ist es ja so, die Entscheidung ist ja offenbar gefallen in Washington, dass eben eine Luftevakuierung nicht stattfinden soll. Michael Reimon, den wir gerade eben gehört haben, der Grünen-Politiker, hält diese Entscheidung für zynisch. Was halten Sie von dieser Idee?

Tolan: Die Amerikaner haben hervorragende Arbeit geleistet. Ohne deren Einsatz wäre das überhaupt gar nicht möglich gewesen, dass die Jesiden vom Berg befreit werden. Sie haben die Fluchtkorridore gesichert, sodass die Menschen runterkommen konnten. Die wenigen Jesiden, die noch da sind, bedürfen natürlich immer noch unserer höchsten Aufmerksamkeit, und wir sind sicher, wir haben es den Amerikanern auch gerade eben noch mal mitgeteilt, dass da weitere Unterstützung erfolgt.

Heckmann: Und Sie sind optimistisch, dass diese Personen, die sich da noch aufhalten in dem Gebirge, dass die noch gerettet werden können?

Tolan: Das ist unsere Hoffnung.

Heckmann: Was hören Sie denn von den vielen, vielen, Tausenden, Zehntausenden Flüchtlingen, Jesiden, denen es eben gelungen ist, das Gebirge zu verlassen und dann im kurdischen Gebiet ankommen - wie ist deren Situation?

Tolan: Die Situation ist momentan dramatisch, weil es einfach keine vernünftige Versorgung gibt. In den Bereichen, wo jetzt Flüchtlinge zu Zehntausenden sich aufhalten, sind noch keine Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen, da sind noch die Grundversorgungsmittel nicht ausreichend da. Da muss schnellstens was passieren.

Heckmann: Kommen wir mal auf die Diskussion darüber, ob jetzt den Kurden Waffen geliefert werden sollen, um sich gegen die IS-Terroristen zu verteidigen. Die USA beliefern die Kurden ja ganz offensichtlich schon mit Waffen. Auch Frankreich und Italien denken darüber nach. Die Bundesregierung, die lehnt das noch ab. Stattdessen sollen Schutzwesten geliefert werden, Sprengfallendetektoren, also defensives Kriegsmaterial. Was halten Sie von dieser Zurückhaltung?

Tolan: Wir müssen einfach feststellen, jeder macht hier unterschiedliche Aufgaben. Die deutschen haben sehr viel Engagement jetzt im Bereich humanitäre Hilfe auf den Weg gebracht. Die Amerikaner, die Engländer und andere Staaten sind im Bereich Militär stärker engagiert. Wir wollen hier keinen Staat jetzt deswegen kritisieren, warum er das eine macht und das andere nicht. Fakt ist, dass jetzt die Bewaffnung der Kurden beziehungsweise die Waffenlieferungen auf jeden Fall ein richtiger Weg ist, um eben auch nachhaltig die IS-Terroristen zu bekämpfen.

"Sehr viel der kurdischen Befreiungsfront aus Syrien zu verdanken"

Heckmann: Also Sie haben jetzt nicht das Gefühl, dass sich die Bundesregierung da einen schlanken Fuß macht?

Tolan: Nein. Die Bundesregierung denkt ja auch darüber nach zum Beispiel, eine Sicherheitszone mit zu unterstützen. Die Menschen müssen ja auch wieder zurückkommen können in das Sindschar-Gebiet. Wir wollen ja nicht, dass die Jesiden jetzt das Sindschar-Gebiet aufgeben. Dann wäre ja das erreicht, was die Terroristen eigentlich wollten, nämlich eine ethnische und religiöse Säuberung. Und diese Schutzzone, da kann man auch als Bundesregierung mit Möglichkeiten der Logistik, der Organisation, einiges auch dafür sorgen, dass es klappt. Während die Amerikaner sicherlich und die Engländer und andere Staaten dann eben mehr die militärischen Aufgaben wahrnehmen.

Heckmann: Also Sie befürworten, dass - Pardon?

Tolan: Entschuldigung. Aber wichtig ist einfach, dass die internationale Staatengemeinschaft gemeinsam handelt. Wir möchten hier keinen einzelnen Staat jetzt hier allein in der Verantwortung sehen oder kritisieren. Wir wissen, dass einfach zu viel getan wurde, als dass man jetzt kritisch wird.

Heckmann: Jetzt werden ja viele Argumente dennoch gegen Waffenlieferungen ins Feld geführt hier in Deutschland. Es ist die Frage, wo die Waffen am Ende landen, dann heißt es, die Kurden seien an amerikanischen und russischen Waffen ausgebildet, nicht aber an deutschen. Und Gregor Gysi, der Chef der Linksfraktion, der hat heute früh auch hier im Deutschlandfunk behauptet, die Kurden bräuchten gar keine Waffen. Wie verfolgen Sie diese Diskussion?

Tolan: Das sind Aufgaben, die die Militärs vor Ort zu entscheiden haben. Fakt ist, dass uns die Mitteilung eben auch bekannt ist, dass nicht genug Waffen vorhanden sind. Was das Problem in Sindschar jetzt, das Gebiet, das jetzt stark umkämpft gewesen ist, betrifft, davon kann man ganz bestimmt eines lernen: Die kurdischen Streitkräfte haben einfach zu wenig Streitkräfte in diesem Gebiet stationiert, genauso die irakischen. Es ist im Grunde genommen sehr viel auch der kurdischen Befreiungsfront aus Syrien zu verdanken, dass sehr viele Jesiden befreit wurden. Die Peschmerga kamen erst viel später in Bewegung, und haben hier militärisch mit unterstützt. Das ist etwas, was nicht wiederholt werden darf. Und wenn dafür Waffenlieferungen eine Garantie sind, dass solche Vorkommnisse nicht passieren, dass Menschen im Stich gelassen werden von ihren eigenen Streitkräften, dann ist das uns recht.

"Ein Angriff auf die Stimme der Jesiden"

Heckmann: Herr Tolan, eine letzte Frage. Der Zentralrat der Jesiden, dem Sie ja vorsitzen, der hat natürlich eine Internetseite hier auch in Deutschland. Wir haben festgestellt heute Vormittag, dass sie gehackt worden ist, es waren obszöne Beleidigungen und Beschimpfungen zu lesen. Haben Sie Gegner auch hier in Deutschland, auch jenseits der Terrormiliz des Islamischen Staats im Irak?

Tolan: Die Jesiden erleben hier auch im Internet im Moment, in den sozialen Medien, die schlimmsten Anfeindungen. Wir können das aber nicht genau zuordnen, und wir müssen immer einfach feststellen, dass es im Moment eben leider diese Provokationen und Beschimpfungen gibt, und das trifft uns natürlich. Und wenn unsere Seite hier gehackt wird - wir haben sie ganz schnell auch wieder befreien können -, dann ist das auch ein Angriff auf die Stimme der Jesiden, auf die Möglichkeit, übers Internet zu kommunizieren, was hier in diesem Konflikt sehr wichtig gewesen ist. Wir können jetzt aber nicht festhalten, dass hier organisiert gegen die Jesiden in Deutschland vorgegangen wird, oder die Gefahrensituation für die Jesiden in Deutschland sich jetzt deutlich erhöht hat. Das ist nicht zu bestätigen, wir haben entsprechend auch Kontakt mit der Polizei und holen uns auch dort Informationen und liefern auch weitere Informationen, sodass wir dann entsprechend ein genaues Bild haben. Im Moment ist die subjektive Wahrnehmung definitiv schlechter als, Gott sei Dank, de facto es der Fall ist. Aber diesen islamistischen Angriffen muss auch im Internet schnellstmöglich Widerstand geleistet werden. Der Boden und was dort gelegt wird an Information, an geistigem Brandstiftertum, muss möglichst schnell unterbunden werden.

Heckmann: Wir werden das weiter verfolgen. Ganz herzlichen Dank, Telim Tolan, der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland. Danke Ihnen für das Gespräch, Herr Tolan!

Tolan: Ja, vielen Dank, Herr Heckmann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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