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StartseiteTag für Tag"Es ist Angst, Angst, Angst"18.01.2017

Jesidin in Deutschland"Es ist Angst, Angst, Angst"

Die Jesidin Irina Badavi erlebte ihre Ehe als Leidensweg. Ihr Mann vergewaltigte und verprügelte sie, Solidarität von anderen Familienmitgliedern blieb aus. Badavi macht die Religion mitverantwortlich für die Gewalt. Seit sie ihre Erfahrungen öffentlich gemacht hat, gilt sie als Verräterin.

Von Michael Hollenbach

Teilnehmer des Kulturtages der Jesiden sitzen am 20.08.2016 in einem traditionellen Zelt in Celle (Niedersachsen). Die gr (dpa)
In Deutschland leben Jesiden häufig in einer Art Parallelwelt - mit einer extrem patriarchalen Kultur (dpa)
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Irina Badavi muss sich schützen vor möglichen Angriffen ihrer Großfamilie. Deshalb ist der Name ein Pseudonym. Die Jesidin, Mitte 30, wurde mit 16 Jahren, kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland, von ihrem Vater zwangsverheiratet – mit einem zwölf Jahre älteren Mann, den sie nicht kannte.

"Ich habe mich zweigespaltet; ich wollte das nicht wahrhaben, aber es war die Wahrheit. Und irgendwie habe ich mich gefühlt: Ich stehe neben mir. Seitdem war ich wie in einem Trance."

Das Brautgeld und die Trophäe der Entjungferung

Die Väter des designierten Ehepaares einigten sich auf einen Brautpreis, der Bräutigam sollte außerdem noch Gold und eine Aussteuer bezahlen. Eigentlich entschied 2009 der hohe jesidische Rat, deren Beschlüsse für alle Jesiden verbindlich sind, dass das Brautgeld nicht höher sein dürfe als der Wert von 71 Gramm Gold, das wären rund 2.500 Euro. Doch der reale Brautpreis übersteige oft das Zehnfache, klagte jüngst der jesidische Jugendverband.

Vier Monate nach dem Männerdeal über die Zwangsheirat findet die Trauung statt. Als der Scheich, eine Art jesidischer Geistlicher, von Irina Badavi das Ja-Wort hören will, will sie Nein sagen, aber flüstert ein Ja. Die Hochzeitsnacht erlebt sie als eine einzige Vergewaltigung. Das wichtigste für die Großfamilie: Am Morgen danach wird das blutige Bettlaken als Beweis der Jungfräulichkeit öffentlich gezeigt. In ihrem Buch "Wenn der Pfau weint" schreibt Irina Badavi:

"Diese Trophäe meiner Entjungferung, meiner Verletzung wurde von meiner Schwiegermutter anschließend sorgfältig zusammen gefaltet und in den Wohnzimmerschrank gelegt. Fortan war sie die Wächterin dieses Beweisstückes. Das Blut würde eintrocknen, und niemals würde man das Laken waschen. So sieht das die Tradition vor."

Vor allem in der ersten Generation der jesidischen Einwanderer, die seit den 70er-Jahren aus den kurdischen Regionen der Türkei nach Deutschland geflohen sind, sei eine arrangierte Ehe üblich gewesen, sagt Andreas Flick. Er ist evangelischer Pastor in Celle, wo mit rund 7.000 Jesiden die größte Exil-Gemeinschaft lebt. Heute höre man selten etwas über Zwangsehen:

"Es wird von den leitenden Geistlichen der Jesiden abgelehnt. Die Ehe soll eine freiwillige Verbindung sein und bei der Ehehandlung der Jesiden wird auch immer von dem Scheich gefragt: Willst du das auch?"

Nur innerhalb der Kasten heiraten

Doch noch immer gilt: Jesiden dürfen nur innerhalb ihrer Gemeinschaft heiraten und sogar nur innerhalb der drei Kasten des Jesidentums: der Scheichs, der Pirs und der Murids. Hatab Omar, Leiter der jezidischen Akademie in Hannover, begründet diese Abschottung so:

"Die Jesiden wurden Jahrhunderte politisch verfolgt, diskriminiert, und sie haben seit mindestens 200 Jahren keine Ruhe mehr gehabt in ihren Heimatländern. Diese Sachen haben dazu beigetragen, dass die Jesiden versuchen, Schutzmechanismen zu bilden, in dem sie Gesetze entworfen haben von ihrem religiösen Rat. Und so ist entstanden, dass die Jesiden nur untereinander bleiben und heiraten."

Der 36-jährige Sikri Sevin ist als Scheich eine Art Geistlicher. Er ist auch für Eheschließungen zuständig. Er hält es für richtig, wenn junge Leute ihre Partner nur in der jesidischen Gemeinschaft und nur in ihrer Kaste suchen.

"Die Jesiden heiraten Jesiden. Jeder, der Jeside bleiben möchte, der hat auch diesen Weg und der kennt auch diesen Weg, eine jesidische Freundin kennenzulernen. Das wird von zu Hause weitergegeben, dass das nicht gemacht wird."

Und wenn sich jemand dennoch in einen nicht-jesidischen Menschen verliebt?

"Sie fragen kritische Fragen. Wenn jemand aus dem Jesidentum aussteigen möchte, das ist deren freie Meinung. Es wird geduldet, aber dann ist derjenige kein Jeside mehr."

Missbrauch der Religion

Auch Irina Badavi wurde vom Jesidentum ausgeschlossen – am Ende ihres Leidensweges. Vom Anfang ihrer Ehe wird Irina von ihrem Mann geschlagen und unterdrückt. Jahrelang erträgt Irina die Erniedrigungen und Schläge ihres Mannes – bis für sie eine Grenze überschritten wird:

"Das war der Tag, als er mich mit einem Messer angegriffen hat. Er hat mich angegriffen, wir haben uns in die Auge geguckt, und da habe ich zum ersten Mal seinen Blick gesehen: Ich habe nichts zu verlieren, ich steche dich jetzt ab."

Irina macht die Erfahrung, dass das gewalttätige patriarchale Familiensystem, das sie in ihrer Verwandtschaft erlebt, mit der jesidischen Religion und Tradition begründet wird:

"Früher habe ich immer gedacht, das ist so. Das wurde für uns Jesiden so vorgeschrieben und man macht es so weiter. Und heute weiß ich: Es ist Missbrauch. Es ist einfach patriarchalische Welt, und das wird ausgenutzt."

Nur im weißen Leichentuch zurück

Doch Hatab Omar von der Jesidischen Akademie will nichts von patriarchalen Strukturen wissen: 

"Wenn man mitten in der Community lebt, wird man sehen, wie matriarchal ist die jesidische Community. Dass die jesidische Religion patriarchal ist oder die Community, das ist einfache Diffamierung, entweder um diese alte Religion damit zu zerstören oder zu schwächen."

Irina Badavi hat erleben müssen, dass niemand in der jesidischen Verwandtschaft den Gewaltausbrüchen ihres Mannes entgegentrat – auch nicht ihr Vater. "Meinem Vater ging es nicht um mich, wie es ihm nie um mich gegangen ist. Es ging immer nur um seine verdammte Ehre. Ich war ihm tot lieber als lebendig."

Irina Badavi wird von ihrer Verwandtschaft verfolgt. Trotz der Beschimpfungen und Drohungen ihres Ehemannes bekommt sie keine Unterstützung von dem Scheich, dem Geistlichen, der eigentlich für sie zuständig ist.

"Der hat gesagt, wenn du nicht zurückgehst, ich werde in kompletten Gemeindehäusern in verschiedenen Städten deinen Namen durchgeben und du wirst nie wieder Fuß fassen in einer jesidischen Gemeinde."

Ihr Ehemann sinnt auf Rache

Nach der Trennung fühlt sich ihr Ehemann tief in seiner Ehre verletzt. Er sinnt nach Rache.

"Er hat versucht, mich aus dem Fenster oder vor den Zug zu schmeißen, ja, öfter auch. Er hat geschworen, dass er mich umbringt."

Ein Schwur, den Irina Badavi sehr ernst nimmt. Denn sie weiß von sogenannten Ehrenmorden in der jesidischen Community. Immer wieder berichten die Medien darüber:

- 1. November 2011: In Detmold töten fünf Geschwister ihre 18-jährige Schwester Arzu. Sie hatte einen deutschen Freund.

- 5. Dezember 2011: Die 13-jährige Souzan wird von ihrem Vater auf offener Straße erschossen. Das Mädchen war aus dem Haus ihrer Eltern geflüchtet und wollte lieber in einem Heim leben.

- 4. Januar 2015: In Lüneburg tötet ein Jeside seine Frau, weil sie ihn verlassen hatte und zum Christentum konvertieren will.

"Ehrenmorde akzeptiere ich nicht"

Scheich Sikri Sevin beteuert:

"Ich als Jeside, als Scheich bin richtig traurig darüber, wenn ich diese Fälle sehe, und denke, warum wird das gemacht. Aber leider, leider ist es so, dass es aus der Familie kommt. Es ist nicht von der Religion her gegeben, jetzt muss du deine Tochter töten oder sonstiges. Ehrenmorde akzeptiere ich nicht."

Irina Badavi kennt diese Erklärungsmuster. Sie macht es wütend, dass die jesidische Community sich nicht offen und selbstkritisch mit der familiären Gewalt auseinandersetzt. Für sie hängt diese Gewalt mit dem enormen Druck zusammen, der die jesidische Gemeinschaft zusammenhalten und vor dem Niedergang bewahren soll.

"Angst vor anderen, Angst, dass unsere Werte, unsere Tradition weggenommen wird. Angst vor Fremden: es ist in der Familie, es bleibt in der Familie, es ist Angst."

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