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StartseiteBüchermarktDie Luft, schwer von Sex und Tod03.08.2018

Joan Didion: "Süden und Westen"Die Luft, schwer von Sex und Tod

Im Jahr 1970 fuhr die amerikanische Autorin und Journalistin Joan Didion für einen ganzen Monat durch den amerikanischen Süden. Ihre Aufzeichnungen "Süden und Westen" gewähren tiefe Einblicke in Didions Schaffen und zeigen, dass schon damals ein unsichtbarer Riss durch Amerika ging.

Von Tanya Lieske

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Buchcover: Joan Didion: "Süden und Westen" (Buchcover: Ullstein Verlag, Foto: imago/imagebroker/strigl)
Joan Didion auf Tour durch das Amerika der 70er Jahre (Buchcover: Ullstein Verlag, Foto: imago/imagebroker/strigl)
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Joan Didion: "Sentimentale Reisen" Gestochen scharfe Analysen der US-Gesellschaft

Im Jahr 1970 war die amerikanische Journalistin Joan Didion einen Monat lang im Süden unterwegs. Nicht im starken Süden, nicht in Texas oder in Florida, sondern in den strukturschwachen Staaten Louisiana, Mississippi, Alabama. 1970, das war ein Jahr nach dem Festival von Woodstock, ein Jahr nach der Mondlandung und sechs Jahre nach dem Civil Rights Act, der die Rassentrennung offiziell beendete. Das alles sind wegweisende Ereignisse, die  das Bewusstsein der Menschen, die Joan Didion auf ihrer Reise traf, prägte. Damals wie heute gab es die Vorstellung, an einem Epochenwandel Teil zu haben. In schnell hingeworfenen Halbsätzen wird allerdings deutlich, dass die Menschen im Süden sich ausgeschlossen fühlen. Bei ihnen scheint die Zeit seit langem still zu stehen. Joan Didion schreibt:

"Die Zeitschleife. Der Bürgerkrieg war gestern, aber von 1960 spricht man, als wäre es dreihundert Jahre her."

Es gibt noch weitere Zeitschleifen in diesem faszinierenden Buch. Es sind Joan Didions Kindheitserinnerungen an den Süden aus den 1940er Jahren und es sind die Jahrzehnte, die seit diesen Reisenotizen vergangen sind. All diese Zeiten flackern auf, legen sich wie in konzentrischen Kreisen um Joan Didions Prosa. Dies führt beim Leser zu sich überlagernden Wahrnehmungen, die sowohl illuminierend als auch halluzinierend wirken. Die Atmosphäre im Süden Amerikas, Joan Didion beschreibt sie als von der Hitze und vom Zerfall geschwängert , ist nicht nur Gegenstand ihrer Prosa – sie kriecht gleichsam in ihre Sätze hinein.

"In New Orleans ist die Luft im Juni schwer von Sex und Tod, kein brutaler Tod, aber Tod durch Verfall, Überreife, Verrotten, Tod durch Ertrinken, Ersticken, Fieber unbekannter Herkunft. Das Dunkel dieses Ortes ist körperlich, dunkel wie das Negativ eines Fotos, dunkel wie eine Röntgenaufnahme: die Atmosphäre absorbiert ihr eigenes Licht, reflektiert das Licht nie, sondern saugt es auf, bis jeder beliebige Gegenstand mit morbidem Schimmer leuchtet."

Schreiben wie im Fieber

Schon in diesen ersten Sätzen überlagern sich Deutung und Wahrnehmung. Joan Didion schreibt selbst wie im Fieber, gedrängt von einem Impuls, den sie im Ungefähren lässt. "Ich konnte nie genau sagen, was mich im Sommer 1970 dazu trieb, Zeit im Süden zu verbringen" erklärt sie und führt dann einen frühen Liebhaber an, der aus Louisiana kam; eine Reise, die sie als Kind mit ihrer Mutter und ihrem Bruder unternommen hat, um ihren Vater im Süden zu treffen, er war dort als Soldat stationiert. Selbst Vivien Leigh als Scarlett in Vom Winde verweht huscht durchs Bild. Das movens, der Antrieb der Autorin bleibt vage - und die Serie von Artikeln, für die Joan Didion 1970 angeblich recherchierte, wurde nie geschrieben. Das führt zu einer literarisch sehr reizvollen Ziellosigkeit. Und es scheint, als hätte die Autorin das gewusst.

"Die Art, in der alle journalistischen Tricks, die ich kannte, im Süden verkümmerten. Es gab Sachen, die ich tun sollte, das wusste ich: Aber ich tat sie nie. In einem wörtlichen Sinne war ich unter Wasser, diesen ganzen Monat."

Warum sind Notizen zu einer nie geschriebenen Reportage es wert, veröffentlicht zu werden? Auf diese Frage lassen sich verschiedene Antworten finden. Zum einen, weil Joan Didion eine überragende Reporterin und Stilistin ist. Ihre knappen, mäandernden Sätze halten alles, was man sich von ihr erhoffen darf. Zum anderen lassen sich aus diesen Notizen allerhand Verbindungen zu ihren späteren Büchern ziehen, auch zu ihrem großartigen Trauerbericht "Das Magische Denken" von 2005 (deutsch 2006). Besonders interessant aber ist eine Lesart, der die Autorin selbst Vorschub leistet, wenn sie in einer offenbar zeitlich später entstandenen Anmerkung schreibt:

"Ich hatte nur das dunkle und unausgereifte Gefühl, ein Gefühl, das mich hin und wieder befiel und nicht schlüssig erklärt werden konnte, dass der Süden und besonders die Golfküste von Amerika einige Jahre lang das gewesen war, was, wie die Leute immer noch sagten, Kalifornien war und für mich gerade nicht mehr zu sein schien: Die Zukunft, das psychische Zentrum. Ich redete nicht so gern darüber."

Der Süden als psychisches Zentrum Amerikas

Ausgerechnet der rückständige Süden als psychisches Zentrum Amerikas? Das scheint verrückt, hätte Didion nicht Recht behalten: Vieles von dem, was ihre Leser in der amerikanischen Gegenwart unter der Präsidentschaft eines Donald Trump bedrücken mag, ist in diesen Reisenotizen bereits enthalten. Da ist der offensive Machismus einer Gesellschaft, die ihre Söhne aufs College schickt und von ihren Töchtern erwartet, dass sie einen Ehemann finden; da sind Männer, die Joan Didion fragen, ob  sie alleine reise und ob ihr Ehemann ihr dies erlaubt habe.

"Auf jeder sozialen Ebene die geballte Männlichkeit, der Fokus auf Jagen und Fischen. Lass die Frauen bei ihrem Kochen, ihrem Einwecken und ihrem "Aufhübschen" bleiben."

Abgehängte Bürger zweiter Klasse

Schon damals gab es  Tornados, die im Süden Unheil anrichteten, die Menschenleben  Häuser und Landschaften fraßen. Es gab Rassisten wie jenen Busfahrer, der nicht losfahren will, wenn weiße Menschen sich nicht an die traditionelle Sitzordnung im Bus halten. Und es gab jene stille, zwischen Trotz und Resilienz changierende Haltung, mit der die Bewohner der Südens sich als abgehängte Bürger zweiter Klasse zu erkennen geben.

"Die Abgeschnittenheit dieser Menschen  von den Strömungen der siebziger Jahre war erschreckend und verblüffend. Alle ihre Informationen kamen aus fünfter Hand und waren im Weitergehen mythisiert worden. Die durch Ablehnung von außen hervorgerufene Solidarität, ein Ton der ständig angeschlagen wurde.  Man schien einen Punkt erreicht zu haben, an dem alle Einwohner Mississippis auf eine Weise verbunden waren, die für die Einwohner anderer Staaten einfach nicht galt."

Wer verstehen will, was Amerika heute entzweit, kann in diesen Arbeitsnotizen eine lange Inkubationszeit des Unrechts entdecken. Darüber hinaus bietet Joan Didion bestechende Momentaufnahmen in höchster Sprachkunst auf dichtestem Raum von täglichen Szenen, auf der Straße, in Cafés, in den zahlreichen Motels, in denen sie unterwegs ist.

Die langjährige Joan Didion- Übersetzerin und Autorin Antje Rávic Strubel hat auch hier eine Sprache gefunden, in der das Original an keiner Stelle durchscheint.

Joan Didion: "Süden und Westen. Notizen"
Mit einem Nachwort von Nathaniel Rich
Ullstein Verlag, Berlin. 160 Seiten gebunden, 18 Euro.

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