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StartseiteCorsoÜber die Kunst, eine Galerie in Simbabwe zu führen06.09.2018

"Joburg Art Fair"Über die Kunst, eine Galerie in Simbabwe zu führen

Die heute eröffnete „Joburg Art Fair“ ist die älteste Kunstmesse Afrikas. Immer mehr afrikanische Galerien nehmen daran teil. Viele leisten in ihren Ländern Pionierarbeit. So wie die „First Floor Gallery“ in Simbabwe. Sie kümmert sich nicht nur um Kunst, sondern auch mal um Krankenversicherungen.

Von Leonie March

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Auf dem Bild ist der Maler Wycliffe Mundopa zu sehen. Er steht vor einem seiner Bilder. Auf dem Bild sind in grellen Ölfarben Menschen, Tiere und allerlei Gegenstände abgebildet. (Leonie March)
Die Verstoßenen spielen in den Werken des Malers Wycliffe Mundopa die Hauptrolle (Leonie March)
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Die "First Floor Gallery" ist herumgekommen in Simbabwes Hauptstadt Harare. Wie die fliegenden Händler, die an jeder Straßenecke sitzen, musste sie sich immer wieder einen neuen Platz suchen. Bis vor kurzem hat sie außergewöhnliche Kunst noch in einer gewöhnlichen Wohnung ausgestellt. Unglamourös, beengt, mit suboptimalem Licht. Aber besser als gar nicht, betont Co-Direktorin Valerie Kabov, die die Galerie 2009 mitgegründet hat.

"Es gab damals zwar viele aufstrebende Künstler und viel Talent, aber keine Räume, in denen sie experimentieren und auf einen internationalen Standard hinarbeiten konnten. Eine solche Entwicklung passiert nicht einfach von selbst."

Nach jahrelanger künstlerischer Entwicklungsarbeit hat die Kunsthistorikerin nun endlich einen besseren, festen Standort für ihre Galerie gefunden. Eine Hochhausetage mit Platz für Ausstellungen, Büro und Ateliers.

Galerie nach Familienmodell

"Es könnte jetzt so wirken, als wären wir eine gewöhnliche, kommerzielle Galerie. Dabei sind wir eine Non-Profit-Organisation. Alles was wir tun, orientiert sich an den Bedürfnissen unserer Künstler. Sie bestimmen mit. Momentan versuchen wir beispielsweise, für alle eine Krankenversicherung abzuschließen. Wir sind wie eine Familie, die sich in allen Lebenslagen unterstützt. Da passiert es auch mal, dass jemand um Mitternacht an meine Tür klopft."

Von nächtlichen Besuchen hat Wycliffe Mundopa bislang zwar abgesehen, aber ohne die Hilfe der Galerie wäre der Maler nie so weit gekommen, wie er heute ist.

"Ich habe zwei Jahre Kunst studiert, aber nicht genug gelernt, um mich in der Welt als Künstler zu behaupten. Valerie hat Workshops, Residencies und Meisterklassen organisiert, internationale Künstler eingeflogen, um uns zu unterrichten. So etwas gibt es hier sonst kaum. Es hat uns enorm geholfen und motiviert."

Atelier als Suppenküche

Heute kann der 31-Jährige von seiner Kunst leben. Sein Atelier teilt er sich mit anderen Künstlern der Galerie-Familie und zweimal pro Woche mit einer Suppenküche. Weil es dafür in der armen Nachbarschaft einfach Bedarf gebe, sagt er. Die Vergessenen und Verstoßenen der Gesellschaft spielen auch in seinem Werk die Hauptrolle. Wycliffe Mundopa malt Szenen aus dem Nachtleben Harares. Straßenhändlerinnen und Prostituierte. In bunten Ölfarben auf großer Leinwand.

"Es gab eine Zeit, in der es nirgendwo Leinwände oder Farben zu kaufen gab. Heute gibt es hier in Harare zwar wieder einen Laden, aber der verlangt Wucherpreise. Deshalb beziehen wir alle Materialien aus Südafrika. Die Galerie organisiert das für uns."

Die Galerie scheint, ein Mädchen für alles zu sein. Für ihr Kerngeschäft, den Kunsthandel, bleibt trotzdem Zeit. Auch wenn der ebenfalls mit besonderen Herausforderungen verbunden ist.

Künstler ohne Konto

In unmittelbarer Nachbarschaft der Galerie stehen die Leute stundenlang vor den Bankfilialen Schlange, um Geld abzuheben. Hintergrund ist die finanzielle Schieflage Simbabwes. Auf Hyperinflation folgte Devisenmangel. Selbst wer Geld auf dem Konto habe, könne nur geringe Mengen abheben, erzählt Valerie Kabov.

"Früher konnte ich einfach zum Automaten gehen und die Künstler bar bezahlen. Das geht nicht mehr. Außerdem nutzen viele gar kein Bankkonto mehr, was bei Visa-Anträgen immer ein Problem ist. Jeder bewahrt sein Geld an mehreren Orten auf. Das heißt, dass für jeden eine eigene Lösung gefunden werden muss, alles komplizierter und teurer wird."

Ohne Kunstmesse kein Markt

Ein entsprechender Kraftakt ist es, an internationalen Ausstellungen oder Kunstmessen, wie der "Joburg Art Fair", teilzunehmen. Aber es gibt keine Alternative dazu.

"Wir mussten uns von Beginn an international und auf Kunstmessen präsentieren, weil es in Simbabwe keinen Markt gibt. Langfristig könnte sich das jedoch ändern. Das globale Interesse an zeitgenössischer afrikanischer Kunst trägt dazu bei, dass es mehr Museen und Sammler auf dem Kontinent gibt. Spannend ist auch der Trend, dass viele nicht mehr nur zu den Kunstmessen pilgern, sondern Künstler und Galerien vor Ort besuchen, um zu sehen, woher die Kunst stammt."

Auch deshalb war es wichtig, dass die "First Floor Gallery" in Harare endlich passende Räume gefunden hat.

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