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Jochen Schimmang: "Adorno wohnt hier nicht mehr"Geschichten vom Verlorengehen

Nicht mehr da und doch nicht vergessen, wenn der Schriftsteller seine Erinnnerungslampe darauf richtet: Jochen Schimmang, der große Melancholiker der Gegenwartsliteratur, sinnt nach über Kunst und Literatur - und über die politisch bewegte Zeit seiner Jugend, als auch er Adorno verehrte.

Von Wolfgang Schneider

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Buchcover: Jochen Schimmang: „Adorno wohnt hier nicht mehr“ (Foto: imago images/teutopress, Buchcover: Edition Nautilus)
Blickt zurück auf seine Schreibanfänge in stürmischer Zeit: Jochen Schimmang (Foto: imago images/teutopress, Buchcover: Edition Nautilus)

Im neuen Erzählband von Jochen Schimmang lesen wir die groteske Geschichte eines Künstlers, der sich an seinem siebzigsten Geburtstag vor der zudringlichen Schar der Gratulanten – Kohorten von Kollegen, Kunstkritikern und amtlichen Kulturbeauftragten – auf dem Dachboden verschanzt. Ganz so turbulent wie in "Happy Birthday, alter Künstler" wird es bei Schimmangs eigenem siebzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr nicht zugegangen sein. Dabei hätte er viele Würdigungen verdient, dieser Schriftsteller, der seit vier Jahrzehnten ein verlässlicher Verfasser durchdachter, hintergründiger und stilistisch gepflegter Prosawerke ist, die oft einen Zug ins Melancholische haben.

Letzteres gilt verstärkt für den neuen Band "Adorno wohnt hier nicht mehr". Das Verlorengehen und Verschwinden ist das zentrale Motiv der sieben zum Teil parabelhaften Erzählungen. Die erste mit dem Titel "Gutermuth und Rothermund" handelt ebenfalls von einem Künstler: Dem im Jahr 1931 verschwundenen Maler Robert Gutermuth, dessen Existenz sich überraschend als Fiktion und Teil eines Plans herausstellt. Eine in Sachen Kultur bisher wenig auffällige Stadt möchte mit Gutermuth ihr Image aufpolieren und hat einen anderen Maler namens Rothermund mit der Aufgabe betraut, das Werk und die Biographie des vermeintlich verschollenen Meisters herzustellen.

"Ich soll nun noch eine kleine Serie Schrebergärten malen, die der Stadt aus dem privaten Vermächtnis eines in Amerika gestorbenen Millionärs übereignet werden, dann ist meine Mission beendet. Wenn noch zu viele alte Gutermuths entdeckt werden, wird das unglaubwürdig."

"Und was wird dann aus Ihnen? Wie verdienen Sie dann ihr Geld?"

"Nun, die Stadt hat bisher meine Arbeit vergütet. Danach wird sie mein Schweigen vergüten. Ich fordere keine unbilligen Summen."

Dann aber verschwindet auch der Fälscher Rothermund von der Bildfläche – und hat alle Spuren hinter sich verwischt. 

Die Abewesenheitspflegerin Valerie Voss

Schimmangs Geschichten stehen in einen lockeren zyklischen Zusammenhang. In einer späteren Erzählung taucht Rothermund unverhofft wieder auf. Sie trägt den Titel "Valerie Voss, Abwesenheitspflegerin" – ein für dieses Buch geradezu leitmotivisch klingendes Wort. Als juristischer Terminus bezeichnet "Abwesenheitspfleger" jemanden, der die vermögensrechtlichen Angelegenheiten eines Verschwundenen erledigt, der noch nicht offiziell für tot erklärt wurde. Valerie Voss erfüllt solche oft traurigen Aufgaben für verschollene Menschen, und sie hat selber eine gewisse Neigung zur Flucht aus Welt. Alljährlich verbringt sie ihren Urlaub allein in einem "von der Gegenwart vergessenen" südbritischen Küstenörtchen namens Winchelsea. Ihr Geliebter, der italienische Feinkosthändler Gianni, verschwindet ebenfalls von einem Tag auf den anderen und hinterlässt nur einen Zettel:

"Bitte such' mich nicht, es wäre nicht schön mich zu finden."

Dieser warnende Satz ist eine von vielen literarischen Anspielungen, die in diesem Buch ein Verweissystem bilden, in diesem Fall aus Peter Handkes Roman "Der kurze Brief zum langen Abschied". Später stellt sich heraus, dass der freundliche Italiener ein gesuchter Ex-Terrorist ist. Statt Gianni findet Valerie Voss in Winchelsea immerhin jenen Mann, mit dessen Abwesenheitspflegschaft sie betraut ist – den abgetauchten Maler Rothermund aus der ersten Geschichte, der sich inzwischen allerdings ganz in die gefakte Gutermuth-Existenz hineingelebt hat, so dass er in seine eigene Biographie nicht mehr zurückwill.

Wo sind die alten Weggefährten? 

Die Titelerzählung "Adorno wohnt hier nicht mehr" ist mit achtzig Seiten der längste und gewichtigste Text des Bandes. Es ist ein Spaziergang durch die jüngere Literaturgeschichte Frankfurts und eine Hommage auf die Stadt der Improvisation:

"Selbst die Skyline, aus der Ferne gesehen ein durchaus attraktives Wahrzeichen der Stadt, war letztlich immer ein geglücktes Zufallsprodukt aus endloser Wurstelei und kurzfristigen wirtschaftlichen Entscheidungen, nicht etwa das Resultat von langfristiger Planung. Was immer schön ist an Frankfurt am Main - es ist gleichsam trotzdem da."

Vor allem jedoch bietet dieser autobiographische Text einen Blick zurück auf die eigenen schriftstellerischen Anfänge, wiederum geprägt von Melancholie, aber auch einem gewissen Veteranenbewusstsein. Der Ich-Erzähler reist nach Frankfurt, um nach Jahrzehnten einen alten Mitstreiter und Verschollenen des Literaturbetriebs wiederzutreffen: Wolfgang Utschick, der wie Schimmang 1979 bei Suhrkamp mit einem Roman debütierte, dem aber keine weiteren Bücher mehr folgten. Stattdessen wurde Utschick Logenschließer und Wachmann, immer begleitet vom Gefühl, ein gescheiterter Autor zu sein.

Einige wurden berühmt, andere scheiterten tragisch

Gemeinsam streifen die beiden durch Frankfurt, auf den Spuren vergangener Bedeutsamkeit. Einer literarischen Szene wird gedacht, zu der verstorbene Autoren wie Peter Kurzeck, Paulus Böhmer und Wilhelm Genazino gehörten, aber auch der junge, ehrgeizige und offenbar sehr fleißige Bodo Kirchhoff. Einige brachten es zu Ruhm, andere wurden zu tragischen Gestalten, wie der Dichter Wolfgang Maier, der 1973 mit nur 39 Jahren im Alkoholrausch an einer Fleischwurst erstickte.

Leitfigur dieser schönen Frankfurt-Meditation aber ist der Kulturphilosoph und Sozialforscher Theodor W. Adorno, der sich vor fünfzig Jahren im Sommer 1969, erschöpft vom legendären "Busenattentat" und den rebellischen Umtrieben an seinem Frankfurter Institut, ins Schweizer Hochgebirge flüchtete, hinauf zum Matterhorn, wo in der Höhenluft sein Herz versagte.

Die Adorno-Ampel

Schimmang erzählt von seinen Versuchen, Adornos Aura zu erhaschen, etwa in dessen Kindheitsort Amorbach; er sinniert über die großen, ängstlich wirkenden Augen des Philosophen und reflektiert über Passagen aus seinen Texten, darunter auch Skurriles, etwa aus Adornos "Traumprotokollen" oder aus einem Leserbrief an die FAZ. Darin forderte Adorno 1962 die Stadt Frankfurt auf, die verkehrsreiche Senckenberganlage vor seinem Institut endlich mit einer Ampel zu sichern. Er schrieb damals anklagend, aber nicht ohne Witz:

"Verkehrslichter fehlen. In unwürdiger Weise muss man über die Straße rennen, um nicht im buchstäblichen Sinn unter die Räder zu kommen… Sollte ein Student, oder ein Professor, in jenem Zustand sich befinden, der ihm eigentlich angemessen ist, nämlich in Gedanken sein, so steht darauf unmittelbar die Drohung des Todes."

Das ist ein wunderbarer Fund, und Schimmangs Erzähler kommentiert:

"Das Wort "Verkehrslichter" hatte mich sofort verzaubert. Der Ausdruck ist so viel strahlender als die Ampel… Dabei hatte der Emigrant und Rückkehrer Adorno vielleicht einfach nur die "traffic lights" ins Deutsche transportiert."  

Auch wenn die sogenannte Adorno-Ampel viele Jahre später tatsächlich aufgestellt wurde: Dieses Buch versammelt lauter Verlustanzeigen und Abwesenheitspflegschaften, und man sollte ein gewisses Interesse am Kulturbetrieb und an der Literaturgeschichte nach 1960 mitbringen für die Lektüre. Dann aber kann man sich erfreuen an einem subtil geflochtenen Netz der Erinnerungen, Anspielungen und Reflexionen.

Jochen Schimmang: "Adorno wohnt hier nicht mehr"
Edition Nautilus, Hamburg. 206 Seiten, 20 Euro

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