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StartseiteBüchermarktVon freundlicher Hässlichkeit06.07.2020

Jochen Schimmang: "Mein Ostende"Von freundlicher Hässlichkeit

Einst galt das belgische Ostende als Königin der Seebäder. Die glanzvolle Zeit endete mit dem Zweiten Weltkrieg, die Küste wurde später zubetoniert. Doch gerade diesem Ostende der Gegenwart erklärt Jochen Schimmang in "Mein Ostende" seine Liebe – auf literarisch raffinierte Art und Weise.

Von Martin Becker

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Jochen Schimmang: "Mein Ostende" und im Hintergrund Bauarbeiten amStrand von Ostende (Cover mare Verlag / Hintergrund imago images/alimdi)
Einst stolzes Seebad, jetzt Baustelle: Ostende (Cover mare Verlag / Hintergrund imago images/alimdi)
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Die große Liebe zum kleinen Küstenort beginnt in der trüben Nebensaison: Weil Jochen Schimmang irgendwann in den Achtzigern auf dem Rückweg von England nach Köln seine Fähre verpasst, strandet er an einem späten Abend im November in Ostende – und bekommt in einem Lokal namens "Old Fishers" dennoch eine warme Mahlzeit. Vorher war das Seebad für ihn nicht mehr als ein Transitort, vergleichbar gar mit dem deutsch-deutschen Grenzübergang Helmstedt/Marienborn, wie der Autor konstatiert.

Doch löst die an sich unspektakuläre Einkehr in der menschenleeren Küstenstadt etwas in ihm aus: Ostende wird für Jochen Schimmang in der Folgezeit zum Refugium an der belgischen Küste – weil der Ort ein Untertauchen ermöglicht:

"Ostende ist für diese zuweilen überlebenswichtige Technik besonders geeignet, weil es per se schon an der Grenze des Untertauchens liegt: an der Grenze zwischen Land und Meer, einer Grenze, die die beiden Elemente ebenso sehr trennt wie verbindet und äußerst beweglich ist."

Der Küstenort als Refugium

Relativ früh in "Mein Ostende" stellt der Autor übrigens klar, dass die tiefe Verbundenheit mit dem Ort nicht unbedingt mit dessen strahlendem Glanz zu tun hat:

"Niemand, der bei ästhetischem Verstand ist, könnte das heutige Ostende als eine rundum schöne Stadt bezeichnen."

So versucht Jochen Schimmang in seinem Buch, das weder literarischer Reiseführer noch umfassende Chronik ist, seiner eigentümlichen Faszination für das Seebad auf die Spur zu kommen, das sich doch in erster Linie durch seine "freundliche Hässlichkeit" hervortut: "Égalité – Fraternité – Brutalité."

In kurzen Kapiteln unternimmt der Autor Streifzüge durch die Geschichte von Ostende – und erzählt so beiläufig auch von der Leidenschaft der Anderen: Der Schriftsteller Georges Simenon zum Beispiel hat als kleiner Junge in Ostende erstmals das Meer gesehen, Friedrich Engels wiederum war mit der Aufgabe betraut, den Ort für seinen Freund Karl Marx auszukundschaften und teilte ihm schließlich mit, dass es sich dort "sehr schluffig" leben ließe, allerdings:

"Mehr als einen Monat brauchst Du nicht hier zu bleiben. Bloß, wer kreuzlahm und inwendig und auswendig an allen Gliedern geschlagen ist, bleibt länger."

Nicht zuletzt erinnert Schimmang natürlich auch an den legendären Sommer 1936, als Ostende zum europäischen Zufluchtsort wurde für Stefan Zweig, Joseph Roth oder Irmgard Keun. Bis dahin existierte sie noch, die mondäne "Königin der Seebäder", von der nach der NS-Okkupation und den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg kaum noch etwas übrigblieb.

Die belgische Küstenstraßenbahn Kusttram vor der Kulisse von Oostende (dpa / Yves Boucau)Die belgische Küstenstraßenbahn Kusttram vor der Kulisse von Oostende (dpa / Yves Boucau)Die belgische Kusttram - Die längste Straßenbahnlinie der Welt
Für die meisten Belgier ist sie schlicht ein Verkehrsmittel, für viele Touristen hingegen eine Attraktion: die Küstenstraßenbahn oder "Kusttram". Sie fährt fast die gesamte belgische Küste entlang – von de Panne bis Knokke – und hatte auf ihren 67 Kilometer langen Weg sogar schon royale Gäste an Bord.

Nicht nur nostalgische Erinnerungen

Doch verharrt Jochen Schimmang nicht bei den nostalgischen Erinnerungen an die goldenen Zeiten, im Gegenteil: Gerade das gegenwärtige Ostende ist es ja, in das er sich verliebt hat. Ausgerechnet der komplett zugebaute Küstenstreifen, so der Autor, trüge mit seinen Betonklötzen erst zu einem "demokratischen Trubel" bei – weil der Blick aufs Meer durch die "gläserne Skyline" eben nicht den Reichen und Schönen vorbehalten bliebe.

Der Autor nimmt sich für seine Liebeserklärung viel erzählerische Freiheit. So gibt es unter der Überschrift "Phantasien im Gläsernen Bunker" immer wieder reine Prosa-Kapitel, in denen Schimmang einen Protagonisten aus einem seiner früheren Romane reaktiviert: Er gönnt einem Schriftsteller namens Gregor Korff für mehrere Wochen das Appartement mit Meerblick, von dem der Autor selbst immer geträumt hat. Von diesem Versteck aus macht sich der fiktive Autor auf die Jagd nach einem ebenso fiktiven Ostender Kriminalfall.    

Liebeserklärung mit erzählerischer Freiheit

Die määndernde Erzählweise macht Jochen Schimmangs Hommage an den Küstenort dabei so reizvoll: An einer Stelle erinnert er sich an ein Erweckungserlebnis geradezu buddhistischen Ausmaßes, als er im bekannten "Hotel du Parc" bei halbgeöffnetem Fenster fühlt, wie der ganze Ort ihn umfließt, wie er zugleich ganz und gar verschwunden und doch komplett anwesend ist. In einem anderen Text singt der Autor ein Loblied auf die allgegenwärtigen Möwen: Im Gegensatz zu anderen Artgenossen, so Schimmang, seien die Ostender Möwen zivilisiert, attackierten nicht wahllos die Gäste der Restaurantterrassen, "als seien sie sich der Tatsache bewusst, Bewohner einer Stadt zu sein, die einmal als Königin der Seebäder galt und im Sommer die Schönen und die Reichen der Belle Époque zu Gast hatte."

Mondäne Möwen mit historischem Bewusstsein

Sowohl subjektive Streifzüge durch Museen als auch Broschüren aus der Grabbelkiste eines Antiquariats können Anstoß für Schimmangs Betrachtungen sein. So zufällig arrangiert die einzelnen Elemente des Buchs auf den ersten Blick auch wirken mögen: Jochen Schimmang verliert sich nicht im Anekdotischen, sondern kombiniert seine literarischen Miniaturen zu einem auch stilistisch äußerst lesenswerten Band.

Die endgültige Antwort auf die Frage, warum ein etwas heruntergewirtschaftetes Seebad an der belgischen Küste einen Autor jahrzehntelang beschäftigen kann, gibt "Mein Ostende" natürlich nicht. Vielmehr wirkt der Erzähler selbst wie ein Muschelsucher am Strand, der bei besonders bemerkenswerten Fundstücken beseelt verweilt, sie von allen Seiten betrachtet, sie präzise beschreibt – um anschließend weitersuchend durch den Sand zu spazieren.

Jochen Schimmang: "Mein Ostende".
mareverlag, Hamburg.
144 Seiten, 18 Euro.

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