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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Jörg Haider und die Österreicher05.03.2001

Jörg Haider und die Österreicher

Sieben neue Bücher zur politischen Situation in der Alpenrepublik

<strong> Als der Aktionskünstler Christoph Schlingensief im letzten Sommer vor der Wiener Oper Ausländer in einen von Kameras beobachteten Container sperrte und die Österreicher aufforderte, per Internet über deren Abschiebung zu disponieren, war die Aufregung so laut und so allgemein, dass sich das dramaturgische Arrangement verdoppelte: Nicht nur die Ausländer im Container befanden sich in einer Big Brother-Situation, das ganze Land begab sich gleichsam in einen Container und lieferte sich der Beurteilung durch das europäische Publikum aus.

Günther Jacob

Auch der sogenannte Boykott der österreichischen ÖVP/FPÖ-Regierung hatte eher theatralischen als politischen Charakter. Und der Bericht der sogenannten europäischen Weisen zur Grundwertequalität österreichischer Politik im allgemeinen sowie zur "politischen Natur der FPÖ? im besonderen lässt sich besser als unfreiwillige Komik denn als politische Analyse goutieren. Ob es auf dem Buchmarkt Interessanteres zum Thema Haider und die Österreicher gibt, erfahren Sie in dem nun folgenden Buchreport von Günther Jacob:

Als Jörg Haider am 22. Januar dieses Jahres bei einer Parteiveranstaltung in Wien vor 4.000 Anhängern "einige ungeordnete Gedanken eines einfachen Parteimitglieds" vortrug, zog er eine positive Bilanz der einjährigen Regierungsbeteiligung seiner Partei:

"Die FPÖ hat sich gegen die internationale linke Aktion, die die FPÖ gleich wieder aus der Regierung werfen wollte, durchgesetzt. Für Österreich hat die Wende eine ökonomische Gesundung gebracht, in dem die Schuldenwirtschaft beendet wurde."

Der einzige Wermutstropfen sei, "dass die FPÖ den Bundeskanzler nicht stelle", aber "das kann ja noch werden", fügte er hinzu. Tatsächlich steht einer Rückkehr Haiders in die Bundespolitik seit der Aufhebung der Sanktionen nichts mehr im Weg. So sieht es auch die derzeitige Vizekanzlerin und Parteiobfrau Susanne Riess-Passer. In der Frage, wer Spitzenkandidat der FPÖ bei der 2003 anstehenden Nationalratswahl sein wird, sei "alles offen". Auch Alt-Parteichef Jörg Haider komme in Frage.

"Er ist ein guter Landeshauptmann, warum sollte er kein guter Bundeskanzler sein."

Welcher politische Wind in diesem Falle wehen würde, macht Haider auf derselben Veranstaltung deutlich, als er sich zur Vergangenheit des deutschen Außenministers Joschka Fischer äußerte und dabei mit einer Anspielung auf den wegen neonazistischer Aktivitäten in Österreich zu einer Haftstrafe verurteilten Jörg Schimanek anspielte.

"In Österreich wird der kleine Schimanek acht Jahre lang weggesperrt, weil er eine kleine Wehrsportübung gemacht hat. In Deutschland darf ein Sympathisant des RAF-Terrorismus, der nachweisbar Gewalttaten gemacht hat, Außenminister werden."

Jörg Haider wird also ein Medienthema bleiben. Fraglich ist inzwischen jedoch, mit welchem Tenor dies der Fall sein wird. In Österreich selbst ist, wie der Wiener Publizist Armin Thurnher kürzlich in der Frankfurter Rundschau schrieb, die Kritik an der ÖVP-FPÖ-Koalition deutlich leiser geworden:

"Ein Jahr nach der Wende fällt zuerst eine gewisse Beruhigung ins Auge. Zwar haben, als sich die Vereidigung der neuen österreichischen Regierung zum erstenmal jährte, einige Tausend sich eingefunden, um zu protestieren - aber eben nicht mehr 300.000 wie am 19. Februar des vergangenen Jahres. Die durch ihre Besorgnis spontan politisierten Bürger haben sich verlaufen."

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Einer ist jedoch ist sicherlich, dass so manche, die in Wien demonstrieren, in den Bundesländern mit Haider kooperieren. Zum Beispiel im Kärntner Landtag, wo SPÖ und FPÖ seit jeher problemlos zusammen arbeiten. Aber auch außerhalb von Österreich wird die Kritik merklich zurückhaltender. Nach dem Ende der EU-Sanktionen ist das öffentliche Interesse an Jörg Haider deutlich geringer geworden. Während sich also in und außerhalb Österreichs die erwähnte "gewisse Beruhigung" eingestellt hat, bietet der Buchmarkt ein ganz anderes Bild. Die ohnehin schon seit Jahren recht umfangreiche Literatur über Haider ist im letzten Jahr noch einmal weiter gewachsen, Haiders Aufstieg hat ein ständig steigendes publizistisches Echo gefunden. Das gilt auch für die Bedingungen, die diesen Aufstieg begünstigt haben.

"Die roten Bürger ? 30 Jahre sozialistisches Österreich. Gedanken eines Konservativen" ist ein Band überschrieben, dessen Titel suggeriert, er gebe Auskunft zu diesem Aspekt. Thomas Chorherr, der Autor, ist in Österreich ein bekannter Mann, denn er ist Herausgeber der "Presse", einer einflussreichen konservativen Wiener Tageszeitung.

Chorherr, Jahrgang 1932, ist kein Haider-Anhänger, nur ein Sozialistenfresser. Sein Buch über "Die roten Bürger" soll dies noch einmal unterstreichen. Ein Chefredakteur gilt in Wien vor allem als "Insider". Er ist ein Mann, in dessen Haus die wichtigsten Politiker schon einmal zu Gast waren. Wenn so einer ein Buch schreibt, dann wird es nicht in der Erwartung gekauft, dass dort Argumente zu finden sind, sondern wegen einer spezifischen Art von öffentlicher Intimität, die man von einem solchen Text erwarten darf.

Die Pointe von Chorherrs Buch ist denn gewiss nicht, dass er der SPÖ kein gutes Zeugnis ausstellt. Das ist ja schon im Titel geklärt. Es versteht sich auch, dass der Autor der SPÖ ihre "Entfernung von den früheren Dogmen" zu Gute hält und ihren Machtverlust im Oktober 1999 als "Ende der roten Vorherrschaft" begrüßt. Soweit, so normal. Die Pointe des Buches besteht nun darin, dass das schon sein ganzer Inhalt ist. Chorherr variiert auf 200 Seiten lediglich den Buchtitel. Das ist alles. Kein Argument, keine Tatsachen, nur Ressentiment und Meinung. Bei Chorherr, der wie gesagt kein Haider-Anhänger ist, lässt sich studieren, wie man in Wien mentale Prozesse des Verstehens und affektive Haltungen in Gang setzt und dass Jörg Haider nicht der Erfinder dieses Verfahrens ist.

Nicht weniger konservativ, aber deutlich anspruchsvoller als Chorherr ist der Autor Hubert Feichtlbauer. Sein Ende letzten Jahres erschienenes Buch trägt den Titel: "Der Fall Österreich - Nationalsozialismus, Rassismus: Eine notwendige Bilanz". Der katholische Publizist Feichtlbauer will mit diesem Buch "einen Beitrag zu einer differenzierten Sicht der Dinge leisten".

Mit "Dinge" ist Österreichs Vergangenheit, vor allem jene während und nach der NS-Zeit, gemeint. Denn es sei nicht gut, "wenn man hinter allen Türen braunen Dreck oder roten Verrat wittert". Feichtlbauers erster Merksatz lautet:

"Man erzieht ein Volk nicht zur Wahrheit, indem man die Salzburger Festspiele zu einem Aufschrei gegen eine ungeliebte Regierung oder einen Straßencontainer vor der Oper in Wien in eine Bühne der Ausländer-Erlösung umfunktioniert."

Feichtlbauer ist ebenfalls Jahrgang 1932, und auch er arbeitet für eine Tageszeitung, in diesem Fall die "Salzburger Nachrichten". Er hat sich vor allem vorgenommen, mit "extremen Stereoptypen aufzuräumen".

"Österreich ist weder ein Naziland noch ein Musterschüler beim Aufarbeiten der Vergangenheit. Kein Treibhaus für Rechtsextremismus, aber auch kein Ausbund an Toleranz."

Feichtlbauers Anliegen ist eine Art nationale Schadensbilanz zum Thema Nationalsozialismus, die zugleich eine Eröffnungsbilanz des heutigen Österreichs sein und neue Perspektiven aufzeigen soll. Etwa so:

"Die These von Österreich als dem ersten Opfer Hitlers ist keine bloße Lebenslüge. Auch Verführte sind Opfer."

Ist das nun ein historisch belegbares Argument? Der Autor bringt keinen einzigen Beleg für seine Behauptung. Stattdessen beruft er sich auf einen, der es genau so sieht. Gegen die "schrecklichen Vereinfacher", die aus Österreich "ein Naziland machen" wollen, zitiert er Martin Walsers Polemiken gegen die "morallüsternen Nachgeborenen" und Hans Weigel, von dem er zu berichten weiß, dass dieser sowohl "Freiheit für Rudolf Heß" forderte als auch einen Juden zum Freund hatte.

Schon Martin Broszat sei im Historikerstreit davon ausgegangen, dass eine strenge Grenzziehung zwischen Tätern und Opfern nur in Ausnahmefällen möglich sei ? die meisten seien das eine wie das andere gewesen. Feichtlbauer sieht das auch so und zieht zum Beleg einen haarsträubenden Vergleich zwischen Vietnamkrieg und Vernichtungskrieg der Wehrmacht:

"Die Beurteilung des Dienstes in der deutschen Wehrmacht bleibt ein extrem widersprüchliches Kapitel. Aber nicht nur der amerikanische Vietnamkrieg beweist, dass auch andere Völker solche Lasten zu tragen haben."

So arbeitet der Autor sich an die politische Gegenwart heran, derentwegen er sein Buch geschrieben hat. Das folgende Statement kann nun schon nicht mehr überraschen:

"Die Entwicklung der FPÖ in der Regierung Schüssel scheint der Strategie der Hereinnahme in die Verantwortung mehr Recht zu geben als einer Strategie der Ausgrenzung."

Im Vorbeigehen erklärt er, dass die österreichische "Neutralität seit der Wende am Ende" sei und dass die jetzige Regierung eine vorbildliche "Volksgruppenpolitik" betreibe.

"Selbst eingefleischte FPÖ-Gegner müssen zugeben, dass sich die Slowenen unter Haider teilweise besser bedient fühlen. Alle sechs offiziell anerkannten Volksgruppen haben keine kulturellen Behauptungsprobleme in Österreich. Im Gegensatz dazu gibt es in Frankreich keine amtlich anerkannten eignen Volksgruppen."

Dem Autor fällt überhaupt nicht auf, dass man "Volksgruppenrechte" nur braucht, wo sich das "Staatsvolk" ethnisch definiert ? also nicht in Frankreich - und dass jede "Volksgruppenpolitik" in nationalsozialistischer Tradition steht. Wie schon bei Chorherr wird am Ende auch der Antisemitismus nicht mehr verschwiegen: Auf die Kritik, mit der Einbeziehung der FPÖ in die Regierungstätigkeit sei Rassismus hoffähig gemacht worden, antwortet Feichtlbauer mit einem "Argument", das es in sich hat:

"Freilich gibt es dazu auch eine bemerkenswerte Parallele: in Israel. Die drittstärkste Knesset-Partei, die Schass-Partei, leistet sich einen geistlichen Berater, der im Sommer 2000 die Schoah-Opfer als zur Erde zurückgekehrte Sünder bezeichnete. Das Beispiel sei nur erwähnt, um aufzuzeigen, dass nicht nur in Österreich eine Regierung mit peinlichen Wortmeldungen von umstrittenen Unterstützern rechnen muss."

Da ist sie wieder, die Haider-Logik, der man eben folgen kann, ohne Haider-Anhänger zu sein. Genug von diesem Lager. Wie denken die Progressiven und Liberalen über diese Zusammenhänge? Auch hier soll wieder ein Chefredakteur zu Wort kommen: Armin Thurnher, der für die bekannte Wiener Stadt-Illustrierte "Falter" verantwortlich zeichnet. Sein jüngstes Buch "Heimniederlage. Nachrichten aus dem neuen Österreich" hat sehr viele zustimmende Kritiken erfahren. Es ist brillant geschrieben und enthält viele kluge Gedanken. Und wie es sich für einen Wiener Chefredakteur gehört, erfahren wir auch hier unzählige Klatschgeschichten und Internas.

In diesem Fall ist das insofern aufschlussreich, weil Thurnher uns auf diese Weise mit dem Denken eines Großteils der Haider-Opposition bekannt macht. Als Mitbegründer und Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung "Falter" kennt Thurnher sich nicht nur bestens in den Milieus der österreichischen Politiker, Literaten und Musiker aus, er hat auch ein Gespür für die untergründigen Trends und Stimmungen.

"Klar habe ich zu Haider eine Meinung. Davon lebe ich ja!", sagt Thurnher mit einem entwaffnenden Charme, der mit dem Zynismus der Achtziger wenig zu tun hat. Der Autor macht sich und anderen nichts vor:

"Für die Auslandsmedien ist inzwischen jeder zweite österreichische Journalist ein kleiner Medienstar; Haidergewinnler sind wir allesamt."

Zeitungen wie der "Falter" oder neue Gruppierungen wie "Get to Attack" werden von liberalen Medien aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden geradezu belagert. Sie alle wollen, das erkennt Thurnher ganz klar, "das andere Österreich zeigen".

"Da kann man nicht nein sagen, es ist gleichsam patriotisch-touristische Pflicht."

Vor allem aber zeichnet Thurnher nach, wie sich schon lange vor dem 3. Oktober 1999 in den Kulturszenen eine regelrechte "Wendelust" ausgebreitet hat, auch bei ihm selbst.

"Hauptsache 'Bewegung statt Statik' dachten alle. Auch die Haider-Gegner wünschten sich das Ende der Nachkriegszeit, endlich Wechsel, Abwechslung, etwas Neues. Selbst die berüchtigte Fraktion der sogenannten Alarmisten verhielt sich merkwürdig ruhig."

Armin Thurnher, Robert Menasse und viele andere haben aus dieser "Sehnsucht nach Erlösung" (so der Schriftsteller Karl-Markus Gauß) nie ein Geheimnis gemacht. Andere haben es auch so gesehen, aber fanden es politisch nicht korrekt, es offen zu sagen. Es war eben eine "Stimmung". Man war und ist gegen Haider. Einerseits. Andererseits setzte sich das "Gefühl" durch, dass es in Österreich bisher nur eine Form von Sozialstaatsdiktatur im demokratischen Gewand gab. Österreich erschien vielen als gelähmt und immobil. Ein Ende, egal welches, musste diesem angeblichen "Starrkrampf" bereitet werden. Das Ende von Rotschwarz konnte daher nur der Beginn einer modernen Demokratie im Zeitalter des Euro und der Nato-Interventionen sein, auch wenn Haider dafür ein hoher Preis ist. Man hat die Schüssel/Haider-Koalition also in aller Form verurteilt und sie zugleich innerlich als das kleinere Übel empfunden.

Kommen wir zu der zweiten Kategorie von Haider-Büchern, zu jenen, die die nazistische Prägung der FPÖ in den Mittelpunkt stellen. Hier ist vor allem der von Hans Henning Scharsach und Kurt Kuch verfasste Band "Schatten über Europa" zu nennen. Scharsach, der bekanntere der beiden Autoren, hat schon zwei Bücher zum Thema verfasst: "Haiders Kampf" und "Haiders Clan". Beide gehören zu den am meisten verkauften politischen Sachbüchern Österreichs. Auch Scharsach ist übrigens stellvertretender Chefredakteur, beim österreichischen Wochenmagazin "News".

"Schatten über Europa" ist eines jenes Bücher, die in Besprechungen gerne das Prädikat "materialreich" erhalten. Allein das Inhaltsverzeichnis des 320-Seiten-Bandes nimmt sieben Seiten ein. Wer nachschlagen möchte, was die wichtigsten FPÖ-Vertreter jemals über den Holocaust und über Ausländer gesagt haben, wird es in diesem Buch finden. Zudem zeigt bereits die Gliederung des Bandes, dass für die Autoren am faschistischen Charakter der FPÖ keine Zweifel bestehen.

Im Mittelpunkt dieses Buches steht Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus. Das ist in dieser Eindeutigkeit durchaus nicht üblich. Für die Autoren ist Haider kein Rechtspopulist und kein gewöhnlicher Rassist, sondern einer, der sich zum Sprecher der Tätergeneration gemacht hat.

Unter Haider, das zeigen die Autoren, machten und machen Aktivisten aus der harten Nazi- und Neonazi-Szene in der FPÖ Karriere. Geschildert wird die Vergangenheit mehrerer FPÖ-Funktionäre, die früher SS-Leute waren, die wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung", wegen der Gründung von Wehrsportgruppen oder wegen Bombenanschläge verurteilt wurden, die aus anderen Naziorganisationen zur FPÖ wechselten, die in Sektenblättern die Existenz von Gaskammern in Auschwitz bestreiten. Auffällig ist dabei, wie viele Söhne und Töchter von "Ehemaligen" bei der FPÖ ihre politische Heimat fanden und dort als Kandidaten für Gemeinde- oder Landtagswahlen aufgestellt wurden.

Scharsach und Kuch wollen Haider jedoch nicht als Reinkarnation Hitlers kennzeichnen. Für sie ist der FPÖ-Chef vielmehr der erfolgreichste Vertreter eines ganz neuen Politikertyps. Haider sei Meister einer Doppelstrategie, die es schafft, sowohl alte Nazis - "Ehemalige" - als auch die vielen neuen Unzufriedenen bei der Stange zu halten.

"Schatten über Europa" ist ein lesenswertes Buch und eine sehr verdienstvolle Arbeit. Aber es zeigt sich hier auch die Grenze einer Beschränkung der Kritik auf die FPÖ. Die Frage nach den Verhältnissen, die eine FPÖ/ÖVP-Koalition möglich machten, wird nicht gestellt. Es war die ÖVP, die Haider erst an die Macht hievte. Es war der Bundeskanzler Schüssel, der auf einer Pressekonferenz am 1. Februar die EU-Sanktionen als "antieuropäischen Verstoß" verhöhnte. Zum Haider-Buch bräuchte es daher auch noch ein Schüssel-Buch!

Weniger "materialreich" und eher spekulativ ist das Buch des Klagenfurter Hochschullehrers Klaus Ottomeyer "Die Haider-Show. Zur Psychopolitik der FPÖ": Ottomeyer möchte die Aufmerksamkeit auf das Problem der unbewussten Identifikation mit der Mehrheitsgesellschaft und ihren Tradierungen lenken - auf das "unbewusste Gespräch zwischen den Generationen".

Die Hauptthesen des Buches sind diese: Jörg Haider, der in jungen Jahren Schauspieler werden wollte, fesselt sein Publikum mit populistischen Vorderbühnen-Inszenierungen, die seine rechtsextreme Identifizierung zugleich verhüllen und verstärken. Zu diesen Inszenierungen gehören drei Rollen: 1. Robin Hood: Haider als Sozialrebell. An diese Figur werden Hoffnungen und Racheimpulse der sogenannten "kleinen Leute" delegiert, die sich gegen ihre Unterordnung nicht wehren wollen. Haider spielt den Rächer der Enterbten. Kärnten fungiert dabei als eine noch im Befreiungskampf stehende Rebellenzone. 2. Der sportliche Neo-Macho: Er verspricht klare Männer- und Frauenrollen, lädt zur Verachtung der Schwachen ein und fördert bei beiden Geschlechtern die schwärmerische Verliebtheit in einen Führer, bei der die kritischen Instanzen auf der Strecke bleiben. 3. Der Bierzelt-Sozialist und die symbolische Überwindung der Klassenschranken: Trotz vehementer Verfechtung neo-liberaler Wirtschaftspolitik begibt sich Haider vor laufenden Kameras regelmäßig in die Nähe der "einfachen Leute", bezeichnet sich selbst als Nachfolger von Sozialisten wie Victor Adler und Bruno Kreisky, agiert kumpelhaft als der bessere Arbeiterführer, als der Anwalt der "Anständigen und Fleißigen". Zu diesen, wie Kostümierungen einsetzbaren Rollen gesellt sich nach Ansicht Ottomeyers bei Haider eine "stabile und grundlegende rechtsextreme Teilidentität, die aus Haiders Identifikation mit der sogenannten Kriegsgeneration, den deutschen Soldaten und ihren Familien inklusive Waffen-SS, resultiert. Mit dieser Teilidentität oder Identifizierung kann Haider überhaupt nicht flexibel und kontrolliert umgehen, sie beherrscht und verfolgt ihn." Ottomeyer geht allerdings sehr weit, wenn er Haider als "gebundenen Delegierten" seiner Eltern bezeichnet, weil er damit dessen Eigenanteil verkleinert. Psychoanalytisch wie Ottomeyer argumentiert auch Christa Zöchling in ihrem Buch: "Haider. Licht und Schatten einer Karriere". Die Autorin wendete sich als eine der ersten gegen die Verniedlichung Haiders als "bloß populistischen Politiker, der mit Lügen und Halbwahrheiten die Ressentiments der Österreicher versorge".

"Haider hat die politische Kultur aus der Langweile, aus einer mehr oder weniger verdeckten Form der Depression wenigstens zeitweise erlöst. Er hat es geschafft, die Politik zu einem Psychodrama, nicht zuletzt seinem eigenen, zu machen. Er scheint damit eine verborgene, lang zurückliegende Tradition in diesem Lande für sich zu nützen. Die Österreicher sind Voyeure. Sie sitzen in den Theatern und klatschen, doch die besterzogensten Menschen verwandeln sich sekundenschnell in unflätige Krakeler, wenn ihnen etwas missfällt."

Die Autorin beschreibt das nazistische Milieu, in dem Haider aufwuchs, als

"Versuchsstation", in der die "Sensibilität für Stimmungen und Klassenunterschiede, für oben und unten, Täter und Opfer, den einzelnen und den Staat, erlaubte und verbotene Worte bis zur Perfektionierung erlernt werden."

Hier habe er ein Gespür dafür bekommen, was gerade noch erlaubt ist, aber aus dem Rahmen fällt und damit Aufmerksamkeit weckt.

"Es gehört zum Ehrenkodex dieser Kinder, die Elterngeneration, die ja alle Nazis waren, zu verteidigen."

Haider war kaum 26, als er als Parteisekretär nach Kärnten geholt wurde. Zöchling zeigt besonders überzeugend, dass Haider erst nach Kärnten kommen musste, wo die extreme Rechte immer schon außergewöhnlich stark war, um zu dem zu werden, was ihn heute ausmacht.

"Kärnten und Haider, die Geschichte des Landes und die Psychostruktur des Helden, der sich aufmachte, die Partei zu erobern, passen gut zueinander."

Wenn die intergenerationale Tradierung des Nationalsozialismus eine derart entscheidende Größe bei der Einordnung des Phänomens Haider ist, dann muss man sich das Original noch einmal genauer anschauen. Diese Arbeit leistet unter anderem Evan Burr Bukey in dem Buch "Hitlers Österreich. Eine Bewegung und ein Volk". Bukeys Werk ist zweifellos das überraschendste unter den hier erwähnten. Denn sein Thema, das viele aktuelle Implikationen hat, ist der Zusammenhang von Vereinigungsfrust und Judenhass in der "Ostmark".

Unsere Vorstellung von den österreichischen Ereignissen des März 1938 ist vor allem durch die Fotografien von der Triumphfahrt Adolf Hitlers durch Linz und der begeisterten Menschenmenge auf dem Wiener Heldenplatz geprägt. Doch wovon genau waren diese Österreicher damals so begeistert? Bukey versucht die "Volksstimmung" vor und nach dem Anschluss zu ergründen. Dabei kommt ihm zu Hilfe, dass die Nationalsozialisten in Österreich früh ein Überwachungsnetz aufgebaut hatten, um NS-Gegner aufzuspüren. Auf diese Aufzeichnungen der NSDAP und des Sicherheitsdienstes der SS stützt sich der US-amerikanische Autor. Diese Berichte der Spitzeldienste, so Bukey, geben einen durchaus zuverlässigen Einblick in die Stimmungslage der damaligen "Ostmark". Interessant ist Bukeys Ansatz, weil er die Zielsetzungen herausarbeitet, deretwegen auch jene den Nazis folgten, die in einigen anderen Punkten gegen sie waren.

Die offenkundige Begeisterung, von der die bekannten Fotografien erzählen, so Bukeys These, galt zunächst nicht pauschal dem Nationalsozialismus, sondern dem Anschluss an das "Reich" und dem Antisemitismus der deutschen Nationalsozialisten. Vor allem das nationalsozialistische Ziel einer "Lösung der Judenfrage" habe viele Schichten und Kräfte angezogen, die dem Nationalsozialismus ansonsten durchaus fern gestanden hätten. Das gelte besonders für viele österreichische Katholiken, die damals 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten, aber auch für Teile der Arbeiterbewegung.

Viele Katholiken mochten die Nazis nicht, und manche von ihnen wehrten sich gegen deren antiklerikale Maßnahmen. Dass sich die katholische Kirche trotzdem mit den Nazis arrangierte, war eine direkte Konsequenz des eigenen wütenden Antisemitismus. Leopold Kunschak, der einflussreiche Chef des katholischen Arbeitervereins, hatte schon in den zwanziger Jahren die Vertreibung der jüdischen Einwanderer und ihre Internierung in Konzentrationslagern gefordert.

"Der Antisemitismus war das unwiderstehliche Leitmotiv, das Millionen Menschen anzog, die andere Aspekte des Hitlerismus ablehnten. Die massenhafte Unterstützung für das NS-Regime beruhte stark auf Hitlers Versprechen, die "Judenfrage" zu lösen, wie auch auf der Hoffnung auf wirtschaftliche Erholung und auf der emotionalen Verbundenheit mit Großdeutschland."

Was Bukey in diesem Zusammenhang aufdeckt, ist in der Tat heute kaum bekannt und lässt die bekannte Selbstinszenierung von Österreich als dem ersten Opfer Hitlers sowie auch verschiedene Behauptungen über Haiders Abwendung vom Deutschnationalismus in einem völlig neuen Licht erscheinen. Denn Bukey macht in seinem Buch auf einen in den gegenwärtigen Debatten übersehenen Aspekt aufmerksam ? auf das Zusammenwirken von enttäuschtem Deutschnationalismus und aggressivem Antisemitismus. Aus dem gesichteten Material ergibt sich für den Autor folgendes überraschende Bild:

"Die österreichischen Nazis hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass Österreich nach Hitlers Wille vollkommen von der Landkarte verschwinden sollte. Denn viele österreichische Nazis und viele katholisch-nationale Strömungen hatten, als sie vom "Anschluss" träumten, an ein halbwegs autonomes Österreich gedacht, das innerhalb eines Großdeutschen Reiches Bestand haben könnte."

So hatte zum Beispiel Arthur Seyß-Inquart mit einer mindestens fünfjährigen Übergangszeit bis zum völligen Aufgehen Österreichs im Deutschen Reich gerechnet. Seyß-Inquart wurde im Februar 1938 zunächst Innenminister unter Schuschnigg und einen Monat später für einen einzigen Tag österreichischer Bundeskanzler von Hitlers Gnaden. Bereits am 13. März, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, wurde er zum "Reichsstatthalter für die Ostmark" herabgestuft, bis man ihn am 30. April 1939 zum Vizechef des Generalgouvernements in Polen und ein Jahr später zum Reichskommissar in den besetzten Niederlanden machte, wo er für die Deportation von 117.000 Juden verantwortlich war.

Eben dieser Seyß-Inquart sollte zu jenen gehören, die ab 1938 gegen deutsche Nazis den Vorwurf der Fremdherrschaft in Umlauf brachten, der schließlich so populär wurde, dass sich auch heute noch österreichische Politiker gegen die "Piefkes" stark machen können, ohne deshalb eine Abstrafung durch die Wähler befürchten zu müssen.

Woher kam nun diese antideutsche Stimmung und was bewirkte sie? Wie Bukey belegen kann, waren die österreichischen Nazis, deren Hochburg ab 1931 bereits Kärnten war, seit Anfang der dreißiger Jahre heillos zerstritten. Das lag vor allem an der vergleichsweise geringen Stärke der Austrofaschisten und an der materiellen und politischen Abhängigkeit von der deutschen NSDAP. Mit anderen Worten: Ohne den Druck von Hitlerdeutschland hätten sie es nie geschafft, die Macht zu erringen.

Als sie dann nach dem Anschluss im März 1938 endlich zum Zuge kommen wollten, setzte man ihnen von Berlin aus mit dem Gauleiter Bürckel, vorher NS-Chef des Saarlandes, einen "Reichskommissar für die Wiedervereinigung" vor die Nase. Auch die dem Reichskommissar unterstellte "Österreichische Landesregierung" bestand nicht lange, denn die sieben "Reichsgaue", inklusive Wien, wurden schon bald dem Innenminister in Berlin unterstellt.

Reichskommissar Bürckel hatte den ausdrücklichen Auftrag, sämtliche Reste eines österreichischen Sonderwegs zu beseitigen. Und dieser hatte daran ein so offensichtliches Vergnügen und tat es mit einer so großen Arroganz ? die offizielle Auflösung Österreichs wurde am 1. April 1940 von ihm verkündet -, dass die enttäuschten Österreich-Nazis plötzlich von einer "vollständigen Germanisierung" Österreichs sprachen."

Vor allem aber rückte in die wichtigsten neuen Führungspositionen, insbesondere mit der Einbeziehung Österreichs in den deutschen Vierjahresplan, reichsdeutsches Personal ein, während viele der zerstrittenen österreichischen Nationalsozialisten eher untergeordnete Stellungen erhielten. Auch die meisten der 8.000 Mitglieder der vom Reich finanzierten Österreichischen Legion (darunter Jörg Haiders Vater) gingen leer aus. Bereits zwei Wochen nach dem Anschluss wurden die Legionäre entlassen und alle Zahlungen an sie eingestellt.

Nachdem die österreichischen Nazis weder im Staatapparat oder in der Wirtschaft noch in der Partei bedeutende Funktionen ergattern konnten, wanderten viele von ihnen in die SS ab, um dort einen Aufstieg zu versuchen. Besonders die Kärntner waren in der SS bald stark vertreten, zumal in Klagenfurt das größte SS-Trainingslager in Europa entstanden war.

Vor diesem Hintergrund kam es nun wiederholt zu regelrechten antideutschen Wellen, an denen österreichische Nazis entscheidend beteiligt waren. Die Verlierer des internen Machtkampfes, die sich betrogen fühlten, begannen nun zu behaupten, dass Österreichs ein besetztes Land geworden sei.

"Diese Stimmung war besonders in Wien eine brisante Mixtur aus Neid, traditioneller Fremdenfeindlichkeit und Ärger über das arrogante und taktlose Auftreten der reichsdeutschen Funktionäre."

In Theatern, Kinosälen, in der Oper und in Fußballstadien kam es zu gegen Deutsche gerichteten Gesten. Selbst Flugblätter, die "Österreich den Österreichern" forderten, kamen in Umlauf. Franz Grillparzers Theaterstück "König Ottokars Glück und Ende" wurde besonders häufig aufgeführt, weil es dort eine Stelle gibt, an der die Unterschiede zwischen Deutschen und Österreichern hervorgehoben werden. Als im Jahr 1940 Admira Wien gegen Schalke 04 spielte, feuerten 50.000 Wiener ihr Team gegen die Deutschen an, während draußen junge Leute das Auto von Gauleiter Schirach mit Steinen bewarfen.

Die antideutsche Stimmung verstärkte sich, als die Zahl der Touristen aus dem Reich zunahm. In den turbulenten Tagen nach dem Anschluss waren Tausende Deutsche zum Einkaufsbummel nach Österreich aufgebrochen und kauften dort alle Artikel, die im "Altreich" nicht erhältlich waren. Im Sommer 1938 zogen dann wiederum Tausende zu Hamsterkäufen in die Dörfer und zu den Bauernhöfen. Danach kamen die wohlhabenden deutschen Touristen mit Privatautos, schließlich die große Zahl der KdF-Bus-Reisenden und in den letzten Jahren die Evakuierten.

Wie Bukey nun zeigen kann, stachelte das Gefühl der Zurücksetzung gegenüber den Reichsdeutschen zugleich die antisemitische Wut in Österreich weiter an. Und die war ohnehin schon mörderisch.

Bereits an dem Tag, als die Wehrmacht in Österreich einzog, zogen spontan Zehntausende mit "Sieg heil!"- und "Juda verrecke"-Rufen durch die jüdischen Viertel Wiens, plünderten Läden und verprügelten Passanten. Stundenlang wurden Reisende aus den Taxis gezogen, Häuser geplündert und Hunderte von Juden verprügelt, vergewaltigt, gefoltert und verstümmelt. Nach Bukeys Dokumenten randalierte an diesem Abend ein Mob von 80.000 bis 100.000 Leuten in dem Wiener Judenviertel. Wohl wissend, was der Unterschied zwischen einem Pogrom und der "Endlösung" ist, spricht Bukey von einer

"Welle der antisemitischen Raserei, wie es sie seit dem Mittelalter nicht mehr gegeben hat, ein mittelalterliches Pogrom in modernem Gewand."

Nach dem Buch von Bukey drängt sich eine wichtige Schlussfolgerung auf: In vielen aktuellen Texten wird Haiders angebliche Abwendung vom Deutschnationalismus und Hinwendung zum Österreich-Patriotismus als Lossagung von einem normalerweise für Rechtsradikale unverzichtbaren Grundsatz dargestellt. Haider, so wird häufig gesagt, habe aus einer zunächst deutschnationalen FPÖ, in der die Zweite Republik als "Missgeburt" galt, die Partei eines neuen österreichischen Patriotismus gemacht. Nach der Lektüre dieses Buches ahnt man, dass Haider hier kein großes Risiko eingegangen ist.

Eine Sammelrezension von Günter Jacob zu Büchern aus oder über Österreich. Die bibliographischen Angaben zu den vorgestellten Titeln:

Thomas Chorherr: Die roten Bürger 30 Jahre sozialistisches Österreich. Gedanken eines Konservativen Molden Verlag, Wien. 2000

Hubert Feichtlbauer: Der Fall Österreich Nationalsozialismus, Rassismus: Eine notwendige Bilanz Verlag Holzhausen, Wien. 2000

Armin Thurnher: Heimniederlage Nachrichten aus dem neuen Österreichisch Paul Zsolnay Verlag, Wien. 2000

Hans-Henning Scharsach /Kurt Kuch: Haider Schatten über Europa Kiepenheuer & Witsch, Köln. 2000

Klaus Ottomeyer: Die Haider-Show Zur Psychopolitik der FPÖ Drava Verlag, Klagenfurt. 2000

Christa Zöchling: Haider Licht und Schatten einer Karriere Molden Verlag, Wien .1999

Evan Burr Bukey: Hitlers Österreich Europa-Verlag, München/Wien. 2001

Hinweis auf:

Matthias Lilienthal, Claus Philipp: Schlingensiefs: Ausländer raus edition suhrkamp, Frankfurt. 2001

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