Samstag, 18.01.2020
 
StartseiteGeneration Einheit ExtrabeiträgeJohanna Bischof aus Dresden, geboren am 09.01.199006.09.2010

Johanna Bischof aus Dresden, geboren am 09.01.1990

Mein Name ist Johanna Bischof, und ich wurde im Januar 1990 in Dresden geboren. Meine Geburtsurkunde wurde also noch von der DDR ausgestellt. Ich bin in der Naehe von Dresden aufgewachsen, zur Schule gegangen und studiere jetzt in Dresden.

Ich schreibe Ihnen aus Manchester, GB, wo ich gerade ein Praktikum absolviere - dass allein zeigt schon wie sehr sich die Zeiten verändert haben. Doch eigentlich, vielleicht auch gottseidank, habe weder ich im speziellen noch meine Generation im Allgemeinen einen wirklichen Eindruck davon, wie viel sich hier in Ostdeutschland geändert hat. Denn eigentlich wird viel zu wenig über die DDR geredet - zumindest in meiner Familie - und in den Schulen sowieso. Unsere Geschichtsausbildung über alles nach dem Zweiten Weltkrieg war mangelhaft. Sodass ich über die offizielle Geschichte der DDR sehr wenig weiß, über die BRD-Geschichte weiß ich leider noch viel weniger. Denn unsere Geschichtslehrer waren allesamt DDR-geschult. Das war ein großes Problem, da sie sich nicht trauten, etwas wirklich aus ihrer Vergangenheit zu erzählen, aber von der BRD-Geschichte einfach zu wenig wussten.

Und auch in den Familien wird nur sehr sporadisch über den Alltag in der DDR gesprochen, nur dann, wenn die ältere Verwandtschaft beeinandersitzt und über die guten alten Zeiten resümiert. Aber dass finde ich ehrlich gesagt schrecklich, denn mir gehen die ewigen Klischees von Ossis und Wessis gehörig auf den Geist.

Und dass geht eigentlich auch allen Freunden aus meiner Generation so. Doch obwohl wir eigentlich keine oder zumindest wenige Vorurteile gegen Leute aus anderen Teilen Deutschlands haben, gibt es dann doch Momente in denen auffällt, wie verschieden wir sind, obwohl wir uns als Generation Einheit doch alle zusammen als Deutsche fühlen.

Denn die kleinen feinen Unterschiede in der Sozialisation, in der Anerkennung bestimmter Institutionen/Sachverhalte (sei das nun die Familie, das Gymnasium, berufstätige Mütter ...), in den Lieblingsfiguren im Kinderfernsehen fallen zu den seltsamsten Zeiten auf. So sind viele meiner Kommilitonen nicht in Ostdeutschland aufgewachsen, und wenn man sich über bestimmte Sachverhalte unterhält, von denen man denkt, dass alle derselben Meinung sein sollten oder dieselben Erfahrungen gemacht haben sollten, und dem dann nicht so ist. Dass können zum Teil sehr einfach Dinge sein - zum Beispiel war ich vor kurzer Zeit mit meinem Patenkind bei einem Gerhard-Schöne-Konzert und als ich dass meinen Kommilitoninnen erzählte - fing die ein Hälfte sofort an begeistert "Das Auto von Luccio" zu singen und die andere Hälfte schaute verständnislos drein und ich musste eine ganze Weile darüber nachdenken, wieso sie dass nicht kennen.

Ein anderes Mal verglichen wie alle dass Mensa-Essen mit dem Essen in der Schulspeisung, nur eine von uns, konnte keinen Beitrag dazu leisten. Sie war in Bayern aufgewachsen und es war ihr überhaupt nicht geläufig, dass es so etwas wie Schulspeisung gibt. Das sind vielleicht alles Kleinigkeiten, aber sie sind für jede Seite so selbstverständlich, dass man eigentlich nie darüber spricht und sie so nur eher zufällig ans Tageslicht kommen.

Diese Unterschiede in der Sozialisation sind vermutlich das größte Problem, was überwunden werden muss. Denn ideologisch sind nur die wenigsten von uns "Ostkindern" noch geprägt - aber diese Grundhaltung und Kindheitserfahrungen scheinen einerseits so unabhängig von politischer Historie zu sein und haben eigentlich kaum Einfluss auf unsere Selbstdefinition als "Deutsche". Andererseits aber werden sie doch sehr stark vererbt und werden auch an die nächste Generation weitergegeben, sodass die wirkliche Durchmischung und der Ausgleich zwischen Ost und West noch lange auf sich warten lassen muss.

Aber ich denke, da in unserer Generation kaum einer diese Unterschiede als definitionsrelevant ansieht, sind wir auf einem guten Weg mit den alten Vorurteilen unserer Eltern und vor allem Großeltern aufzuräumen.

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