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StartseiteKalenderblatt"Den Kolonialisten einen Schlag versetzen"06.07.2014

John Chilembwe"Den Kolonialisten einen Schlag versetzen"

Seit 1891 war das Land am "See der Sterne", am lang gezogenen Malawi-See, britisches Protektorat. Weiße Siedler hatten Hunderttausende Afrikaner von ihrem Land vertrieben und Plantagen für den Anbau von Tee, Tabak und Baumwolle angelegt. Vor 50 Jahren wurde das britische Protektorat Njassaland als Malawi unabhängig.

Von Birgit Morgenrath

(picture alliance / dpa / Jacobsen)
Die Nordseite einer Insel im Malawi See. Am Ufer bereiten Einheimische gefangene Fische zum Räuchern vor. (undatierte Aufnahme) (picture alliance / dpa / Jacobsen)
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"So weit wir das verstehen, hat man uns eingeladen, unser unschuldiges Blut in diesem Weltkrieg zu vergießen ... aber wird es danach irgendwelche Verbesserungen für die Einheimischen geben?"

Schreibt der Baptistenprediger John Chilembwe in einem offenen Brief Ende 1914 - gezeichnet "im Namen meiner Landsleute". Über 200 000 einheimische Männer hatten die Briten im Ersten Weltkrieg als Soldaten und Träger zwangsrekrutiert und gegen die aus Deutsch-Ostafrika eindringenden kaiserlichen Truppen eingesetzt.

Seit 1891 war das Land am "See der Sterne", am lang gezogenen Malawi-See, britisches Protektorat. Weiße Siedler hatten Hunderttausende Afrikaner von ihrem Land vertrieben und Plantagen für den Anbau von Tee, Tabak und Baumwolle angelegt. Kopf- und Hüttensteuer hatten afrikanische Kleinbauern zu Wanderarbeitern degradiert.

Rund um John Chilembwes Mission starben die Menschen an Hunger. Im Januar 1915 beschloss der streitbare Missionar zusammen mit seinen 200 Anhängern:

"... den Kolonialisten einen Schlag zu versetzen und zu sterben, damit unser Blut - am Ende - wenigstens etwas bedeutet."

Plantagenbesitzer enthauptet

Die kleine Truppe enthauptete einen verhassten Plantagenbesitzer, aber der Aufstand schlug fehl. Chilembwe floh einsam und allein und wurde wenige Tage später von Soldaten gefangen genommen und niedergestreckt.

1944 beschloss die britische Kolonialverwaltung eine Föderation Njassalands, des "Landes am See", mit den Kolonien Nord- und Süd-Rhodesien zu schaffen - als regionales Gegengewicht gegen Südafrika und als Wirtschaftseinheit. Das rief starke Proteste hervor. Die Unterdrückten fürchteten, ihre letzte Selbstständigkeit, etwa freie Bewegung ohne Passzwang, zu verlieren.

Gebildete Afrikaner, Mitglieder aus Verbänden und den unabhängigen Kirchen, gründeten deshalb in Blantyre im Süden des Landes den Nyasaland African Congress, NAC. Dessen Vertreter in London war der Arzt Hastings Kamuzu Banda.

Seine Praxis wurde zum antikolonialen Salon. Banda gelang es, die Pläne für die Föderation in Verhandlungen mit den Briten bis 1953 aufzuhalten. Dabei sparte er nie mit harscher Kritik:

"Der ganze Müll über Wirtschaft und sozialen Kram wird hier ständig wiederholt! Denken Sie, ich habe Zeit zu verschwenden? Meine Leute wollen mich zu Hause haben - jetzt! Verstehen Sie das?"

Dennoch: 1953 wurde die Zentralafrikanische Föderation der drei britischen Kolonien in Ostafrika gegründet, ein semi-unabhängiger Staat mit einem komplizierten Regierungssystem und einem Parlament mit einigen wenigen Sitzen auch für Afrikaner.

Unabhängiger Staat Malawi

1958 kehrte der populäre Banda in sein Geburtsland zurück. Kurze Zeit später wurde der kleine Mann, der stets mit einem Löwenschwanz die Fliegen verjagte und gerne einen schwarzen Anzug mit Zylinder trug, zum Parteipräsidenten des NAC auf Lebenszeit ernannt:

"Ich bin zurückgekommen, um diese blöde Föderation zu zerbrechen und euch, meinem Volk, den Afrikanern in diesem Land, eure eigene Regierung und Unabhängigkeit zu verschaffen."

Im Februar 1959 kommt es zum Aufstand. Oppositionelle überfallen Polizeistationen, stürmen Gefängnisse und befreien Häftlinge, blockieren Flughäfen. Die Föderationsregierung ruft den Notstand aus. Die Führung des NAC wird verhaftet und vor Gericht gestellt.

Ein Jahr später räumten die Briten dem Land eine begrenzte innere Autonomie ein. Bald darauf wurde die Föderation offiziell aufgelöst.

Am 6. Juli 1964 endete die britische Kolonialzeit und das Protektorat Njassaland wurde zum unabhängigen Staat Malawi.

30 Jahre lang hat der Antikommunist Kamuzu Banda - den die kalten Krieger des Westens sowie seine Wirtschaftsvertreter tolerierten, obwohl er Tausende Andersdenkende töten und foltern ließ - Malawi diktatorisch regiert. Erst 1994 erlangte das kleine Land, das noch immer zu den ärmsten der Welt gehört, die Demokratie. Es hat sie bis heute erhalten können.

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