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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturJohn F. Kennedy als Getriebener24.06.2013

John F. Kennedy als Getriebener

Alan Posener: "John F. Kennedy: Biografie", Rowohlt Verlag

Die Biografie über John F. Kennedy von dem Journalisten Alan Posener erzählt von den wichtigen Stationen im Leben des JFK. Darüber hinaus befasst sich Posener mit dem Image des legendären US-Präsidenten und zeichnet das Bild eines Mannes voller Widersprüche.

Von Katja Ridderbusch

Vor dem Rathaus Schöneberg spricht Kennedy 1963 seinen historischen Satz: "Ich bin ein Berliner" (picture alliance / dpa / THE KENNEDY MUSEUM)
Vor dem Rathaus Schöneberg spricht Kennedy 1963 seinen historischen Satz: "Ich bin ein Berliner" (picture alliance / dpa / THE KENNEDY MUSEUM)

"Ich bin ein Berliner."

Ein Mann, ein Ort, ein Satz – und ein Moment, der zur historischen Ikone wurde. Mit seiner Rede auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses in Berlin schwört der amerikanische Präsident John F. Kennedy im Sommer 1963 Deutschland auf einen gemeinsamen Kurs mit dem Westen ein und versetzt die Berliner Bevölkerung in Begeisterung.

"Die Vorstellung, dass da einer käme, und bräche das alles auf und wäre jung und könnte die Verhältnisse zum Tanzen bringen, das war sehr stark",

sagt der Journalist Alan Posener über die Strahlkraft Kennedys zu jener Zeit. Jetzt hat Posener eine neue Biografie über John Fitzgerald Kennedy vorgelegt - den Menschen, den Politiker und den Mythos.

Der Autor nähert sich seinem Thema auf zwei Ebenen. Zum einen auf der biografischen: Das Buch erzählt vom ehrgeizigen Vater Joe und dem Sohn John F., genannt Jack. Der ist ein kränkelndes Kind und wird dennoch zum Thronerben, als sein älterer Bruder mit dem Flugzeug abstürzt. Posener schreibt:

"Jack ist nun der älteste Sohn und mit knapp 28 Jahren wider Willen der Fackelträger der Ambitionen seines Vaters. Sein Freund (...) Paul 'Red' Fay erinnert sich, dass Jack ihn wenige Wochen später beim Anblick seines Vaters anstößt und sagt: 'Gott! Da geht der Alte. Er ist schon dabei, den nächsten Schritt zu planen. Ich bin’s jetzt. Ich bin jetzt dran.'"

Das Buch erzählt von Kennedys politischen Anfängen, von der Heirat mit Jackie und den zahllosen Affären, vom Einzug ins Weiße Haus und dem Attentat in Dallas. Das alles ist nicht neu, aber klug gefiltert und mit leichter journalistischer Feder geschrieben. Auf der zweiten Ebene sucht Posener eine Annäherung an das Phänomen JFK, an das Image, an dem Kennedy selbst sein Leben lang feilte.

"Er erfand sich ja stets neu. Es ist sehr schwer zu sagen, wo der echte Kennedy lag, weil er, glaube ich, es selbst nicht wusste."

Und so zeichnet der Autor das Bild eines Mannes voller Widersprüche, eines Getriebenen, politisch wie persönlich. Kennedy beginnt seine politische Karriere als kalter Krieger, dessen größter Feind der Kommunismus ist. Später wird er zum Realpolitiker, arrangiert sich mit der Teilung der Welt. Posener erinnert daran, dass Kennedy – zur Empörung deutscher Politiker wie Willy Brandt – den Bau der Berliner Mauer 1961 ohne Proteste hinnimmt:

"Da sie seit Monaten damit rechnet, reagiert die Kennedy-Regierung auf die Selbsteinmauerung des kommunistischen Regimes gelassen. In der Nacht des Mauerbaus erholt sich der Präsident in Hyannis Port und bricht seinen Urlaub auch nicht wegen Berlin ab."

Erst zwei Jahre später reist er in die geteilte Stadt; da liegt die Kubakrise bereits einige Monate zurück, und Kennedys harte und zugleich vorsichtige Haltung hat die Welt vor einem Atomkrieg bewahrt.

Im Oktober 1963 unterzeichnet Kennedy schließlich ein Teststoppabkommen mit der Sowjetunion. In einer Rede an der American University in Washington entwirft Kennedy die Vision einer Entspannungspolitik, betont Gemeinsamkeiten statt Gegensätze zwischen den Blockmächten.

"Our most basic common link is that we all inhabit this small planet. We all breathe the same air. We all cherish our children's futures. And we are all mortal."

In seinem letzten Lebensjahr widmet sich Kennedy auch der Rassenproblematik in den USA, spricht sich für die Bürgerrechte aus. Weniger, weil es ihm eine Herzensangelegenheit ist, sondern weil er es als politische Notwendigkeit erachtet, meint sein Biograf.

"Ich glaube, dass Kennedy nicht wirklich begriffen hat, dass das moralische Handicap des Apartheid-Systems im Süden auch im Kalten Krieg ein Handicap ist, und dass der moralische Gewinn durch die Bürgerrechte ihm auch im Kampf im Kalten Krieg helfen würde."

Innenpolitisch jedoch ist Kennedys Eintreten für die Bürgerrechte hoch umstritten und hätte ihn vielleicht sogar die Wiederwahl gekostet, vor allem in den Südstaaten. Das ist auch der Grund für die Reise nach Texas im November 1963: Gemeinsam mit Jackie und Vizepräsident Lyndon B. Johnson will er verlorenen Boden wieder gutmachen. Eine Mission, die unerfüllt bleibt. Posener ist überzeugt: Kennedys früher Tod trug zur Mythenbildung bei. Wie bei Hölderlin und Kleist eben, bei James Dean oder Jim Morrison.

"Es ist ja gerade das Unerfüllte, das Martyrium, der frühe Tod. Romantische Helden, die früh sterben, bevor ihre Hoffnungen im Alltagsgeschäft zerrieben werden – sie umgibt auch immer der Nimbus des: Was wäre wenn?"

Wider alle Untersuchungen sind 90 Prozent der Amerikaner bis heute davon überzeugt, dass Kennedy Opfer einer Verschwörung wurde. Posener dagegen lässt keine Zweifel: Lee Harvey Oswald hat Kennedy erschossen – und zwar allein. Und Lee Harvey Oswald ist auch das Argument, an dem alle Verschwörungstheorien scheitern müssen. So schreibt der Autor:

"Sicher gibt es Gruppen, die möglicherweise ein Motiv und auf jeden Fall die Mittel gehabt hätten, Kennedy zu ermorden: Agenten Castros, Exilkubaner (...), Rechtsradikale und Rassisten, die (...) Mafia. (...) Dass sich solche Verschwörer ausgerechnet auf einen Versager wie Lee Harvey Oswald mit seinem billigen Versandhausgewehr hätten stützen sollen, erscheint jedoch geradezu absurd."

Kaum ein Politiker des 20. Jahrhunderts hat die Menschen mehr fasziniert als John F. Kennedy. Ob Historiker, Schriftsteller, Modefotografen oder Klatschreporter – sie alle haben sich irgendwann einmal am Thema JFK abgearbeitet.

Und deshalb hat Alan Posener eine Herausforderung der besonderen Art gemeistert. Seine Biografie ragt aus der Flut der Kennedy-Bücher heraus - weil sie erzählt, ohne zu belehren, weil sie entzaubert, ohne zu zerpflücken, weil sie durchleuchtet und dennoch diskret bleibt. Weil sie historische Bilder ins Gedächtnis spielt und vor dem Verblassen bewahrt. Und weil das alles auch noch äußerst unterhaltsam daherkommt.

Buchinfo
Alan Posener: "John F. Kennedy: Biografie", Rowohlt Verlag, 200 Seiten, 18,95 Euro.

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